Eschweiler - Hebammen leisten weit mehr als Hilfe bei der Geburt

Hebammen leisten weit mehr als Hilfe bei der Geburt

Von: Sonja Essers
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Eschweiler. Ihren anstrengendsten Dienst hat Carina Wosch vor rund eineinhalb Jahren absolviert. In acht Stunden brachte die Hebamme fünf Babys auf die Welt. Trotz enormem Stress ist der 28-Jährigen dieser Tag positiv in Erinnerung geblieben.

„Da musste sogar der Oberarzt mit ran und hat die Betten geschrubbt“, sagt Wosch und beginnt zu lachen. Am Welthebammentag soll auf die Arbeit der Hebammen aufmerksam gemacht werden. Carina Wosch ist eine von ihnen. In sieben Jahren brachte sie 300 Babys auf die Welt und ist Hebamme mit Leib und Seele, sagt die Indestädterin. Ihren heutigen Traumberuf erkannte sie vor acht Jahren jedoch eher durch einen Zufall.

Ursprünglich wollte Wosch nach ihrem Abitur nämlich Medizin studieren. Mit einem Studienplatz klappte es allerdings nicht. So entschied sich die junge Frau dazu, ein Praktikum auf der gynäkologischen Station des St.-Antonius-Hospitals zu absolvieren. Für die „Frauenrichtung“ habe sie sich schließlich schon immer interessiert. Bereits nach einer Woche auf der Gynäkologie stand für sie fest: „Ich möchte Hebamme werden.“

Eine Entscheidung, die auch bei anderen jungen Frauen zu dieser Zeit noch sehr beliebt ist. Wosch bewarb sich 2008 an der Hebammenschule in Bochum und setzte sich gegen 1000 andere Bewerber durch, um einen der begehrten 20 Plätze zu ergattern. Wie beliebt der Beruf ist, zeigt auch ein Blick auf die Statistik. Zwischen 2001 und 2011 stieg die Zahl der Hebammen und Entbindungspfleger in Deutschland von 16.000 auf 21.000 an. Auch der Anteil der Teilzeit im Krankenhaus Beschäftigten nahm zu. 2013 waren insgesamt 17.700 Hebammen freiberuflich tätig, davon boten 5410 auch freiberuflich Geburtshilfe an. Im Jahr 2012 arbeiteten 2000 freiberufliche Hebammen und Entbindungspfleger in Krankenhäusern.

Das ist auch bei Carina Wosch der Fall. Nach ihrem Examen im Jahr 2011 erhielt sie eine Anstellung am Städtischen Krankenhaus in Düren. Dort umfasst ihre Stelle 75 Prozent, außerdem ist sie freiberuflich tätig. Sie arbeitet vier Mal pro Woche acht Stunden am Krankenhaus in Düren. Zusätzlich kommen im Schnitt rund zehn Hausbesuche in der Woche hinzu. Davon dauert jeder 45 Minuten. Damit jedoch nicht genug. Zuhause wartet „Bürokram“ auf die 28-Jährige. Das nehme wöchentlich rund zweieinhalb Stunden in Anspruch, sagt sie. Zwölfstundentage seien keine Seltenheit. Wie diese ablaufen? Nach drei Hausbesuchen am Morgen macht sich die 28-Jährige am Mittag auf zum Dienst ins Krankenhaus. Dort ist sie im Schichtdienst tätig.

Dass sie den Schritt in die Freiberuflichkeit nicht komplett wagte, hat mehrere Gründe. Zum einen sei die Versicherungsprämie für freiberufliche Hebammen extrem hoch. Bis zu 6000 Euro würde sie die Haftpflichtversicherung jährlich kosten, wenn sie als Freiberuflerin Geburtshilfe anbieten würde. „Da braucht man einige Geburten, bis man das erwirtschaftet hat“, meint Wosch und fügt hinzu: „Ich bin an ein Krankenhaus gegangen, weil mir die Versicherung dort vom Lohn abgezogen wird.“

Zudem seien die so genannten Beleghebammen für die Patientinnen 24 Stunden erreichbar. „Sie bleiben die ganze Zeit dabei, egal ob die Geburt vier oder zwölf Stunden dauert.“ Das kam für die Indestädterin allerdings nicht in Frage. Nach 20 Uhr schaltet die 28-Jährige ihr Handy meist aus. „Man muss sich auch ein Stück Privatsphäre wahren. Ich kenne genug Kollegen, die Burn Out hatten.“ Mittlerweile gebe es im Kreis Düren keine Beleghebamme mehr. Auch die Zahl der Hausgeburten gehe immer weiter zurück. Wosch weiß jedoch auch, dass es vor allem in Großstädten schwierig ist, Hebammen zu bekommen. „Eine Freundin von mir arbeitet in Frankfurt. Dort muss man sich schon um eine Hebamme kümmern, wenn man weiß, dass der Schwangerschaftstest positiv ist. Sonst hat man keine Chance.“

Mittlerweile kann man in Osnabrück, Bochum, Fulda, Berlin und Hannover sogar den Bachelorstudiengang Midwifery absolvieren. In den Augen von Carina Wosch ist dies sinnvoll. „So wird der Beruf aufgewertet“, sagt sie. Die Indestädterin hat allerdings die Erfahrung gemacht, dass der Nachwuchs in ihrem Beruf immer mehr ausbleibt. Der Grund: die Bezahlung. Dies hält auch Carina Wosch von einem Studium ab. „Danach würde ich noch immer genauso viel verdienen wie jetzt“, sagt sie.

Doch wie sehen die Aufgaben einer Hebamme eigentlich aus? „Kinder holen ist das Urgeschäft einer Hebamme“, sagt Wosch. Im Krankenhaus seien die Rollen jedoch klar verteilt. Während die Hebamme das Kind zur Welt bringt, kümmert sich der Arzt um die Patientin und übernimmt die Aufgabe des Nähens. Vor allem müsse man als Hebamme geduldig sein, meint Wosch. „Wenn mich Mütter fragen, wann das Baby kommt, dann antworte ich ihnen, dass das nur der liebe Gott weiß.“ So ein Tag im Kreißsaal sei eben nicht planbar.

Bereits vor der Niederkunft können die Schwangeren von der Hebamme betreut werden. Doch nicht alle nehmen die Schwangerschaftsvorsorge auch in Anspruch. In dieser lernen sich die Schwangere und ihre Hebamme kennen. Dies erleichtere auch die Betreuung nach der Geburt, die von fast jeder Frau in Anspruch genommen wird.

Die Wochenbettpflege dauert in der Regel acht Wochen. In den ersten Tagen nach der Geburt besucht Carina Wosch Mutter und Kind fast täglich. Sobald die ersten Fragen geklärt sind, findet der Besuch zwei bis drei Mal in der Woche statt. Ab der sechsten Woche ist die Hebamme nur noch ein Mal pro Woche zu Gast. „Man merkt einfach, wenn man nicht mehr gebraucht wird. Irgendwann haben die Mütter keine Fragen mehr, aber ich komme ja nicht zu ihnen, um Kaffee zu trinken“, sagt sie.

Um was es bei den Besuchen der Hebamme geht? „Die alltäglichen Fragen von jungen Müttern werden geklärt“, fasst Carina Wosch ihre Aufgaben zusammen. Die Hebamme steht den Müttern mit Rat und Tat zur Seite, wenn diese wissen möchten, warum ihr Baby viel trinkt und weshalb es Schluckauf hat. Außerdem werden die Kinder von Carina Wosch regelmäßig gewogen, sie ist beim ersten Baden dabei und spricht mit den Müttern über Themen wie Ernährung. Auch Fußbäder und Rückbildungsgymnastik bietet die Hebamme an. „Manchmal ist man auch Seelenstreichlerin“, sagt sie.

Zudem tauscht sich Carina Wosch mit ihren Patientinnen über Themen wie Tragetuch („Kinder sind Traglinge, sie sind nicht zum Weglegen gedacht.“) und Verhütung („Nach der Schwangerschaft ist vor der nächsten Schwangerschaft.“) aus. Die eigentliche Arbeit fängt für die Hebamme allerdings erst nach dem Besuch an. Dieser muss nämlich sowohl im Krankenhaus, als auch bei ihren Patientinnen zu Hause dokumentiert werden. „An einer Geburt schreibe ich eine halbe Stunde“, nennt Wosch ein Beispiel. Schließlich müssen alle Untersuchungen, die Kinder- und Wöchnerinnenkurve sowie der Nachweis für das Standesamt sorgfältig dokumentiert werden.

Besonders freut sich Carina Wosch darüber, wenn sich die Mütter auch nach der Betreuung noch bei ihr melden. Oft bekomme sie Videos oder Karten und auch den einen oder anderen Blumenstrauß. „Das will ich gar nicht, ein einfaches Danke reicht mir“, sagt sie.

Der Internationale Hebammentag sollte ihrer Meinung nach dazu genutzt werden, um auf die Wichtigkeit des Berufes aufmerksam zu machen. „Wir leisten so viel an den Familien. Der deutsche Staat will, dass mehr Kinder geboren werden, aber eine vernünftige Betreuung wollen sie nicht gewährleisten. Die Bezahlung muss sich dringend ändern“, so Wosch. Einen anderen Beruf kann sich die 28-Jährige trotzdem nicht vorstellen. „Dann wäre mein Leben langweilig“, sagt sie.

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