Eschweiler - Haus St. Josef: Parlament verhandelt, wanns ins Bett geht

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Haus St. Josef: Parlament verhandelt, wanns ins Bett geht

Von: Patrick Nowicki
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Sie bestimmen mit, was im Haus
Sie bestimmen mit, was im Haus St. Josef passiert: Mitglieder des Jugendparlaments und Vertrauenslehrer Guido Möbus. Foto: Patrick Nowicki

Eschweiler. Um 21 Uhr ins Bett? Kein Telefonat nach 20 Uhr? Da haben die Kinder und Jugendlichen im Haus St. Josef ein Wörtchen mitzureden. Zumindest zum Teil können sie Entscheidungen beeinflussen - im Kinder- und Jugendparlament der Einrichtung.

Das im Jahr 2004 gestartete Projekt ist längst zum festen Bestandteil im Haus St. Josef geworden. Dort werden Regeln gemeinsam erarbeitet, Ideen umgesetzt, Probleme gewälzt. Auch der Bundesverband katholischer Einrichtungen und Dienste der Erziehungshilfen, der 467 Mitglieder umfasst, ist vom Eschweiler Weg, die Kinder und Jugendlichen einzubinden, begeistert. Er zeichnete das Haus St. Josef jetzt mit dem 2. Preis beim „Partizipation-Award” aus. Neben dem schmucken Preis aus Glas und eine Urkunde gab es 500 Euro für die Parlamentskasse.

Gute Entscheidungen

Was mit dem Geld geschieht, wird nun in großer Runde mit allen Gruppenvertretern besprochen. Eines ist sicher: Sinnlos verprasst wird es nicht. „Die Runde hat schnell ein Gespür dafür entwickelt, wie man Entscheidungen verantwortungsvoll trifft”, sagt Guido Möbus. Er und sein Kollege Marco Krott sind die von den jungen Bewohnern gewählten Vertrauenserzieher, die an jeder Sitzung des Parlaments teilnehmen. Als die Mitarbeiter des Hauses St. Josef auf ihr Weihnachtsgeschenk verzichteten und stattdessen die ursprünglich dafür vorgesehene Summe von 1000 Euro dem Parlament zur Verfügung stellten, entschieden die Jugendlichen, dass mit dem Geld die Geburtstagsgeschenke für alle Bewohner aufgestockt werden. Die Summe ist bestens angegelegt, denn: „Es stehen nur 15 Euro pro Kind zur Verfügung”, erläutert Möbus. Seit zwei Jahren dürfen Geburtstagsgeschenke auch einmal größer sein.

Die Palette der Themen, die im Parlament behandelt werden, ist kunterbunt. In jedem Fall wird dort offen diskutiert. So werden nicht nur Regeln für die Bewohner, auch für die Erzieher vereinbart und niedergeschrieben. „Ein ungeschriebenes Gesetz gibt es bei uns nicht”, setzt Möbus, der auch die Außenwohngruppe „Sternenhaus” leitet, voraus. Somit habe jeder klare Vorgaben, wonach man sich zu richten habe und für alle Gruppen gebe es gleiche Regeln. Selbst Personalbewerbungen werden beurteilt, auch wenn die Entscheidung letztlich bei der Einrichtungsleitung liegt. „Natürlich macht es manchen Erwachsenen Angst, wenn man von Kinderrechten und -mitbestimmung spricht, aber wir haben damit bisher sehr gute Erfahrungen gemacht.”

Alle sechs Wochen kommt das Parlament im Haus St. Josef zusammen. Jeder gewählte Sprecher und dessen Stellvertreter in den sieben Gruppen zählt ebenso dazu wie die beiden Vertrauenserzieher. Was behandelt wird, legen die Kinder und Jugendlichen zum Teil selbst fest. In den Gruppen finden regelmäßig - mindest einmal im Monat - Abende statt, die vom Gruppenleiter und -sprecher vorbereitet werden. Letztere tragen die wichtigen Themen dann ins Kinder- und Jugendparlament. Das alles geschieht nach einer vereinbarten Satzung. Von jeder Sitzung wird ein Protokoll verfasst.

„Oft werden Kompromisse geschlossen”, berichtet Guido Möbus. Ein Beispiel: Wer das 13. Lebensjahr erreicht hat, darf im Haus St. Josef ein Handy besitzen. Aber eines ohne Kamera. Abends wird nicht mehr telefoniert. Zudem dürfen die Erzieher jederzeit den Internetverlauf kontrollieren. Das hat das Parlament ausgehandelt. „Wer sich nicht an die Regeln hält, muss das Handy abgeben”, fasst Möbius zusammen.

Einrichtung gewinnt

Die gesamte Einrichtung gewinnt durch die Tatsache, dass die Kinder und Jugendlichen mitbestimmen, ja sogar mit anpacken. Aktuell arbeiten sie einen sogenannten Ampel-Flyer aus, der zeigt, was Pädagogen dürfen und was nicht. Er soll in einen Begrüßungsordner für neue Bewohner kommen. Auch das Außengelände wurde mitgestaltet. Wenn einem Bewohner etwas nicht passt, so kann er seine Beschwerde in den Meckerkasten, der sich in jeder Gruppe befindet, stecken. Oder den Gruppensprecher ansprechen. Oder den Vertrauenserzieher. „Wir arbeiten derzeit sogar an einer weiteren Möglichkeit, nämlich eine externe Kontaktperson bei Problemen”, so Guido Möbus.

Welche Absicht dahinter steckt, ist klar: Die Kinder und Jugendlichen sollen so schnell lernen, sich an Entscheidungsprozessen zu beteiligen, Verantwortung zu übernehmen und Probleme sinnvoll zu lösen. Den Vertrauenserziehern im Haus St. Josef kommt dabei eine wichtige Rolle zu. Seit 2008 füllt Guido Möbus diese Rolle aus: „Das erfordert natürlich viel Herzblut, macht aber vor allem viel Spaß.” Erst recht, wenn das Engagement im Jugendparlament honoriert wird. Mit dem „Partizipation-Award”.

Ein Award für mehr Beteiligung junger Menschen

Im Haus St. Josef sind aktuell 64 Kinder stationär in sieben Gruppen untergebracht. Seit 2004 können die jungen Bewohner der Einrichtung ihre Belange im Kinder- und Jugendparlament vorbringen. Die Einrichtung war damit die erste in der Städteregion Aachen, die eine solche Form der Teilhabe einräumte.

Der Bundesverband katholischer Einrichtungen und Dienste der Erziehungshilfen (BVkE) verlieh erstmals den „Partizipation-Award”. Unterstützt wurde die Aktion von den „Wise Guys”, die A-capella-Band aus Köln. Sänger Eddi Hüneke überreichte auch den Preis an die Gruppe aus dem Haus St. Josef.

In der Begründung für die Preisverleihung heißt es: „Der BVkE will mit dem Preis die Beteiligung von jungen Menschen und ihren Angehörigen stärker fördern. Die verschiedenen Beteiligungsformen zählen zu den Eckpfeilern von Erziehung, Bildung und Hilfeprozessen.”

Einrichtungen und Dienste aus dem gesamten Bundesgebiet nahmen an dem Wettbewerb teil. Eine unabhängige Jury bewertete die teilnehmenden Projekte.
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