Haus St. Josef: Nur durch Kontakt werden Vorurteile minimiert

Von: Sonja Essers und Tobias Röber
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Das neuste Projekt im Haus St. Josef ist eine Ausstellung, die unter dem Motto „Ich habe einen Traum“ steht. Auf diese ist Einrichtungsleiter Wolfgang Gerhards besonders stolz. Foto: Sonja Essers

Eschweiler. Seit 125 Jahren gibt es in der Indestadt das Haus St. Josef. Wolfgang Gerhards leitet die Einrichtung seit 23 Jahren. Im Interview mit unserer Zeitung blickt der 57-Jährige auf seine Anfänge zurück und erklärt, was der Umzug der Bundespolizei in die Indestadt, dessen Termin sich mehrere Male verschoben hat, für die Einrichtung bedeutet.

Herr Gerhards, das Thema Flüchtlinge ist derzeit in aller Munde. Wie gut ist das Haus St. Josef auf den Umzug der Bundespolizei und die damit ansteigenden Zahlen von Flüchtlingen vorbereitet?

Gerhards: Wir sind im April 2014 informiert worden, dass wir in Eschweiler mehr Flüchtlinge aufnehmen werden. Das hat uns nicht überrascht, weil sich das in anderen Regionen abzeichnete. Wir waren also darauf eingestellt, dass spätestens im Herbst Jugendliche zu uns kommen.

Nun hat sich der Umzug der Bundespolizei etliche Male verzögert. Ärgert Sie das?

Gerhards: Nun, fast eineinhalb Jahre später, warten wir noch immer. Für mich ist das unverständlich. Es hätte so einfach sein können, aber irgendwann konnten wir die Erklärungen der Bundespolizei auch einfach nicht mehr hören.

Welche Vorbereitungen haben Sie bereits getroffen?

Gerhards: Wir haben verschiedene Szenarien durchgespielt. Wie viele Flüchtlinge zu uns kommen würden oder werden, wissen wir ja nicht. Wir haben Wohnungen angemietet und Personal eingestellt. Dann verzögerte sich alles mehr und mehr. Das Personal war motiviert und wollte unbedingt mit den Flüchtlingen arbeiten, die kamen aber nicht. Dann gab es Zuständigkeitsschwierigkeiten und als immer mehr Flüchtlinge nach Aachen kamen und untergebracht wurden, haben wir deutlich signalisiert, dass bei uns auch Plätze frei sind. Wir haben die Not dort gesehen. Mittlerweile leben 30 Flüchtlinge bei uns und eigentlich könnten noch mehr Anfragen kommen. Wir wollen noch weitere Wohnungen anmieten. Aber wir haben für uns einen Weg gefunden, mit dieser Situation umzugehen.

Wie sieht dieser Weg aus?

Gerhards: Die Flüchtlinge sind in anderen Gruppen untergebracht. Wir arbeiten mit ihnen integrativ und damit haben wir sehr gute Erfahrungen gemacht, denn die Jugendlichen profitieren voneinander. Es ist schön zu sehen, wie gerade diese Jugendlichen ihren Weg konsequent verfolgen.

Wie meinen Sie das?

Gerhards: Die meisten sprechen kein Deutsch, wenn sie ankommen, sind aber voller Enthusiasmus. Selbst ein gebrochenes Schienbein kann sie nicht davon abhalten, in die Schule zu gehen. Diese Motivation ist bemerkenswert. Einige von ihnen sind in der Ausbildung, andere sind im Städtischen Gymnasium und in der Liebfrauenschule integriert und können ihr Abitur machen. Das ist für die Jugendlichen und für ihre Betreuer toll.

Die Jugendlichen sind aber nicht nur in der Einrichtung untergebracht, oder?

Gerhards: Nein. Einige wohnen in Wohnungen an der Peter-Paul-Straße und an der Dürener Straße. In der vergangenen Woche konnten wir den ersten Jugendlichen in einer Pflegefamilie unterbringen. Uns stehen derzeit sieben Pflegefamilien zur Verfügung, es gibt aber noch weitere Interessenten. Diese Art der Betreuung entwickelt sich ebenfalls positiv.

Leider reagieren noch lange nicht alle so positiv, das liest man auch immer wieder in den sozialen Netzwerken.

Gerhards: Ich bin der Überzeugung, dass sich für die Menschen, die mit Flüchtlingen in Kontakt kommen, das Thema Pegida zum Beispiel gar nicht stellt. Sie machen eigene Erfahrungen und sind oft überrascht, wie offen und herzlich sie sind. Es ist wichtig, Kontakte herzustellen, damit Vorurteile minimiert werden. Wenn ich mir zum Beispiel die Tagesschau ansehe, bin ich ein bisschen besorgt, wie Europa das Ganze regeln will. Ich finde es schwierig, solche Bilder auszuhalten. Auf der anderen Seite ärgere ich mich auch über das Wort Flüchtlingsschwemme.

Warum?

Gerhards: Man sollte vorher über Begrifflichkeiten nachdenken und die in ein richtiges Verhältnis setzen. Mich macht es sehr betroffen, wie viele Menschen im Mittelmeer ums Leben kommen.

Wenn man bedenkt, welche Geschichten Sie Tag für Tag von den Jugendlichen hören, die hier ankommen, da braucht man schon ein dickes Fell, oder?

Gerhards: Ein dickeres Fell habe ich mir über die Jahre zugelegt, trotzdem bin ich nach wie vor sensibel für die Lebensumstände der jungen Menschen. Wenn ich mich in ihre Situation hineinversetze, ist das für mich unvorstellbar. Deshalb sind wir, als westliche Gesellschaft, verpflichtet zu helfen. Natürlich dürfen wir den Integrationsaspekt nicht aus den Augen verlieren. Für uns als Einrichtung ist es außerdem wichtig, eine Balance zu finden.

Was meinen Sie damit?

Gerhards: Zwischen den Flüchtlingen und den anderen Kindern, die bei uns leben. Schließlich haben diese Kinder und Jugendlichen auch ihre Erfahrungen gemacht und die waren gleichwohl traumatisierend. Wir müssen allen gerecht werden. Bisher funktioniert das Zusammenleben ganz gut, die anderen Jugendlichen partizipieren auch von den Flüchtlingen.

Inwiefern?

Gerhards: Das sind ganz banale Dinge. Man klopft an, bevor man irgendwo reingeht und sagt Bitte und Danke. Das färbt auf die Kinder, die das manchmal vergessen, ab. Für sie ist es aber viel wichtiger, dass sie zusammen spielen können. Die Hautfarbe ist den Kindern egal. Die Flüchtlinge, die zu uns gekommen sind, sind sehr gut integriert und nicht nur wir haben diese Erfahrung gemacht, sondern auch andere Einrichtungen.

Es gibt auch viele Ehrenamtler, die sich engagieren.

Gerhards: Das stimmt. Es gibt zum Beispiel eine Kooperation mit dem Fußballverein Berger Preuß. Dort gibt es eine Flüchtlingsmannschaft. Es besteht auch ein großes Interesse an Patenschaften. Wir wären mit diesem Thema gerne öffentlicher umgegangen, aber das ging wegen des verzögerten Umzugs der Bundespolizei nicht.

Gibt es noch weitere Ideen?

Gerhards: Wir haben weitere Ideen, wollen aber gucken, wie es sich entwickelt. Wir verhalten uns im Moment etwas defensiv. Für uns ist aber klar, dass wir Angebote einrichten, sobald mehr Flüchtlinge zu uns kommen.

Kommen wir zu einem anderen Thema. Seit wann arbeiten Sie im Haus St. Josef?

Gerhards: Ich bin seit dem 1. Juni 1992 in der Einrichtung als Leiter tätig. Im August vor 23 Jahren sind die Schwestern, die damals noch hier waren, ausgezogen. Ich habe noch zweieinhalb Monate mit ihnen gearbeitet und die Übergabe gemacht.

Was hat sich seitdem geändert?

Gerhards: Sagen wir mal so, es war damals alles sehr auf die Schwestern fokussiert, was natürlich für eine Art Sicherheit gesorgt hat. Sie haben auf ihre Art das Haus geführt und verdienen dafür unser aller Anerkennung. Die Menschen, die hier gelebt haben, haben sie nie verdammt, sondern konnten das nur gut heißen, wie mir einige Ehemalige berichtet haben. Es gibt aber einen weiteren großen Unterschied zu heute.

Und der wäre?

Gerhards: Eltern wurden früher eher als Erziehungskonkurrenten angesehen. Das hat sich ins Gegenteil gewendet. Für uns ist die Elternarbeit ein unheimlich wichtiges Thema. Wir suchen bei den Eltern nach Ressourcen und die haben sie meistens auch.

Warum ist diese Arbeit so wichtig?

Gerhards: Wir wollen die Kinder darauf vorbereiten, dass sie irgendwann wieder nach Hause zurück gehen können. Dafür muss sich aber auch in den Familien etwas tun. Die Familien müssten besser unterstützt werden, ansonsten kehren die Kinder nach drei oder vier Jahren zurück und es hat sich nichts geändert. Das ist eine Krux im System, die ich gerne ändern würde, wenn ich das könnte. Viele Eltern sind motiviert, wissen aber oft nicht, wie man etwas besser machen kann. Das fängt bei banalen Dingen schon an. Eine Mutter war sehr dankbar, weil sich ihre Kinder am Tisch immer gestritten haben und wir ihr geraten haben, die Streithähne auseinander zu setzen. Wir arbeiten mit vielen alleinerziehenden Müttern und merken, dass die einfach ganz andere Dinge im Kopf haben und deshalb nicht auf so etwas kommen.

Wie viele Kinder und Jugendliche leben in der Einrichtung?

Gerhards: Als ich anfing, hatten wir 56 Plätze, zwischen 50 und 60 Mitarbeiter und haben nur stationär gearbeitet. Heute haben wir 90 stationäre Plätze und 230 Mitarbeiter. Wir haben Tagesgruppen, arbeiten seit 15 Jahren im ambulanten Bereich, haben Außengruppen in der gesamten Städteregion und sind im Offenen Ganztag tätig. Es wurden einfach andere Strukturen gebraucht. Schließlich findet eine permanente Veränderung statt.

Wie sieht diese aus?

Gerhards: Das können zum Beispiel Fragen sein, die von außen an uns heran getragen werden. So auch, ob wir im Offenen Ganztag tätig werden möchten. Schließlich gewinnen die Themen Schule und Jugendhilfe immer mehr an Relevanz. Es gibt auch Leute, die auf uns zukommen, sagen, dass sie eine soziale Ader haben und uns helfen möchten. So gab es mal jemanden, der unseren Dachstuhl umbauen wollte. Auch diesbezüglich sind wir permanenter Veränderung ausgesetzt.

Was haben Sie gemacht, bevor Sie im Haus St. Josef angefangen haben?

Gerhards: Nach der Schule habe ich eine kaufmännische Lehre gemacht. Ich bin Industriekaufmann und habe drei Semester BWL studiert. Das war aber nicht mein Metier und dann habe ich angefangen Sozialpädagogik in Düsseldorf zu studieren. Bevor ich ins Haus St. Josef kam, war ich beim SkF und habe eine Jugendgruppe geleitet. Dann habe ich die Annonce gelesen und war mir erst unsicher, ob ich mich bewerben soll, habe das dann doch gemacht. Als dann der Anruf von Pastor Peter Müllenborn, meinem damaligen Chef kam, habe ich mich umso mehr gefreut. Ohne zu wissen, was auf mich zukommt.

Und was kam auf Sie zu?

Gerhards: Die Pädagogik stand neben den finanziellen Fragen immer im Mittelpunkt. Bis Mitte der 1990er Jahre war es so, dass man seinen Haushalt zwar festsetzte, aber die Kostenträger einsprangen, wenn man damit nicht auskam. Heute verhandelt man mit den Kostenträgern und das kann hartes Brot sein.

Was geschieht in diesen Verhandlungen?

Gerhards: Man tauscht Argumente aus. Man hat die gleichen Interessen und auf beiden Seiten ein ausgeprägtes Kostenbewusstsein, aber auf Seiten der Kostenträger ist das noch ein bisschen mehr ausgeprägt (lacht). Aber wenn man eine eigene Immobilie unterhält, muss man Verantwortung übernehmen.

Und das bedeutet?

Gerhards: Man muss Rücklagen schaffen. Schließlich stehen auch Reparaturen an. Vor sieben Jahren haben wir die Gebäude modernisieren lassen. Die Pavillons stammten noch aus den 50er Jahren und wenn man seine Kinder besuchen wollte, musste man durch den Waschraum zu den Zimmern. Früher gab es Dreierzimmer, jetzt gibt es nur noch Ein- oder maximal Zweibettzimmer. Wir haben Haus für Haus modernisiert und den heutigen Anforderungen angepasst.

Kommen wir zu einem anderen Thema: In diesem Jahr feiert das Haus St. Josef sein 125-jähriges Bestehen und dazu haben Sie sich etwas Besonderes einfallen lassen.

Gerhards: Es gibt eine Ausstellung, die unter dem Motto „Ich habe einen Traum“ steht. Der Grundgedanke war, dass man von unseren Kindern in der Öffentlichkeit nichts hört und sieht. Bei der Ausstellung sollen die Kinder im Mittelpunkt stehen. Es kommen auch unser Jugend-Parlament, Ehemalige und Mitarbeiter zu Wort. Ich habe den Prozess begleitet, mich hautnah damit befasst. Und das, was mache Kinder von sich gegeben haben, war sehr berührend.

Was versprechen Sie sich von dieser Ausstellung?

Gerhards: Den Kindern und dem Thema eine Plattform geben, so dass die Öffentlichkeit einen Einblick bekommt und sich damit beschäftigen kann. Und wenn so etwas dabei herauskommt, ist man stolz. Das ist Balsam für die Seele.

Stehen noch weitere Projekte an?

Gerhards: Bevor das Thema Flüchtlinge aufkam, wollten wir eigentlich schon unsere Regelgruppe ausbauen. Das ist dann aber leider etwas in den Hintergrund getreten.

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