Eschweiler - Hauptschule Stadtmitte: Ingrid Schulte bezieht Stellung zu Vorurteilen

Hauptschule Stadtmitte: Ingrid Schulte bezieht Stellung zu Vorurteilen

Von: Tobias Röber
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Eschweiler hat noch eine Hauptschule, die häufig unter ihrem schlechten Ruf leidet. Zu Unrecht, wie Lehrerin Ingrid Schulte sagt. Foto: Tobias Röber

Eschweiler. Hauptschule: In vielen Köpfen ist dieser Begriff negativ besetzt. Ingrid Schulte ist 64 Jahre alt und seit 42 Jahren Lehrerin an der Hauptschule Stadtmitte, die seit kurzem Adam-Ries-Schule heißt. Im Interview spricht sie über das aus ihrer Sicht unberechtigt schlechte Image der Schule und Veränderungen.

Frau Schulte, Sie sind seit 42 Jahren Lehrerin an dieser Schule. Was hat sich in dieser Zeit am meisten verändert?

Ingrid Schulte: Zunächst natürlich das Gebäude. Als ich an die Schule kam, war sie noch an der Hehlrather Straße untergebracht. Dort, wo jetzt unter anderem der Jugendtreff Check In ist. Damals war diese neue Schule an der Jahnstraße ein Paradies.

Inwiefern?

Ingrid Schulte: Als ich 1972 anfing, war die Hauptschule generell noch relativ jung. Mit ihrer Einrichtung ging eine Verwissenschaftlichung einher. An der Volksschule hatten wir zum Beispiel das Fach Naturkunde. Daraus gingen Physik, Chemie und Biologie hervor. Auch Englisch als Fremdsprache kam neu hinzu. Die Ausstattung unserer Schule war toll. Wir hatten ein Sprachlabor, einen Filmraum, einen Textilraum mit zehn elektrischen Nähmaschinen, einen Kunst- und einen Musikraum, naturwissenschaftliche Fachräume, Werkräume und eine Lehrküche. Nicht zu vergessen das große PZ (Pädagogisches Zentrum, d. Red.). Wir waren also schon recht früh sehr fortschrittlich.

Es haben sich aber sicher nicht nur das Gebäude und die Einrichtung geändert…

Ingrid Schulte: Damals hatte die Hauptschule eine andere Bedeutung. Zu Beginn gab es fünf große Hauptschulen in Eschweiler. Neben unserer noch jeweils eine in Weisweiler, Dürwiß, Bergrath und die Waldschule. Von den fünf sind nur noch wir übrig. Außerdem wurde die Dauer der Schulpflicht verlängert, und in all den Jahren hat sich auch die Pädagogik geändert.

Nennen Sie bitte ein paar Beispiele.

Ingrid Schulte: Anfangs spielte die stärkere Verwissenschaftlichung eine große Rolle. Inzwischen stehen die Berufsorientierung und die Berufsvorbereitung stark im Vordergrund. In diesen Bereichen macht die Hauptschule ganz viel. So arbeiten wir mit großen Betrieben und Institutionen zusammen.

Haben sich die Schüler sehr verändert?

Ingrid Schulte: Das glaube ich gar nicht so sehr. In der Schullandschaft hat sich das verändert, was sich auch in der Gesellschaft verändert hat. Die Schwerpunkte haben sich verlagert. Die soziale Kompetenz wird stärker betont. Schulsozialarbeit gab es beispielsweise nicht und Streitschlichter sowie das Trainingsraumprinzip sind hinzugekommen. Das ist typisch für eine Hauptschule. Allerdings möchte ich betonen, dass wir keine Restschule sind. Wir leisten hier gute Arbeit und haben auch bei der vorigen Qualitätsanalyse und den Lernstandserhebungen gut abgeschnitten. Was sich verändert hat, kann ich am Beispiel der Medienerziehung verdeutlichen. Damals gab es eine veränderte Fernsehlandschaft. Plötzlich gab es mehr als nur drei Fernsehprogramme. Horror- und Zombiefilme sorgten für Diskussionsstoff. Heute spielt der Umgang mit Computer und Internet eine große Rolle. Dem stellen wir uns natürlich auch. Ich denke nicht, dass es an unserer Schule andere Probleme gibt, als an den übrigen Schulformen. Einen Nachteil haben wir jedoch.

Welchen?

Ingrid Schulte: Die Hauptschule wird häufig als Restschule gesehen, denn sie ist nur für wenige Eltern die Wunschschule. Andere Schulen werden ausgesucht und angestrebt. Wird man dort nicht angenommen, ist die Hauptschule die verpflichtende Regelschule und hat auch deswegen ihren schlechten Ruf. Ich denke, dass sich die Einstellung zu Schule generell verändert hat. Häufig wird sie vielleicht auch als übersteigert wichtig angesehen. Eltern wollen unbedingt, dass ihr Kind aufs Gymnasium geht, auch, wenn es dafür vielleicht gar nicht geeignet ist. Ich denke, das muss nicht sein, da die Durchlässigkeit gegeben ist. Ein Kind kann auch später noch aufs Gymnasium oder die Gesamtschule wechseln.

Sie haben das Thema Internet angesprochen. Mobbing und neuerdings Cybermobbing werden immer wieder als Probleme an Schulen genannt. Genau wie Gewalt. Wie erleben Sie das an der Hauptschule?

Ingrid Schulte: Sie ist wieder ein Spiegelbild der Gesellschaft. Natürlich gibt es das und wir stellen uns dem Thema. Es wäre falsch zu sagen: „Das gibt’s nicht.“ Allerdings denke ich nicht, dass das bei uns in überhöhtem Maße stattfindet. Mobbing ist beispielsweise Thema im Deutschunterricht. Die Schüler haben heutzutage eben Interneterfahrungen, auch negative. Die sind natürlich auch Bestandteil des Unterrichts.

Sie kooperieren mit Betrieben. Gibt es negative Rückmeldungen?

Ingrid Schulte: Natürlich achten Betriebe auf Bewerbungen und Zeugnisse, aber ein gutes Hauptschulzeugnis ist auch etwas wert. Wir arbeiten gut mit den Betrieben zusammen.

Hat das Bildungsniveau nachgelassen?

Ingrid Schulte: Nein, es ist differenzierter geworden. Es hat sich einiges verändert. In der Volksschule gab es beispielsweise Nähkurse. Heute lassen wir in ärmeren Ländern nähen und brauchen das nicht mehr selbst zu machen. Auch das ist wieder ein Spiegelbild der Gesellschaft.

Ärgert Sie der schlechte Ruf der Hauptschule?

Ingrid Schulte: Allein meine lange Dienstzeit an dieser Schule zeigt, dass es nicht so schlimm ist. Ich denke, dass Kritik an der Schule dazugehört. Auf Schule wird in der Gesellschaft grundsätzlich geschimpft. Jeder hatte sicher einen Lehrer, den er nicht mochte. Es wäre für uns Lehrer natürlich leichter, wenn Schule generell mehr geschätzt würde.

Würde es helfen, wenn der Begriff „Hauptschule“ abgeschafft wird?

Ingrid Schulte: Ich glaube nicht, dass das hilft. Wir müssen das Selbstbewusstsein haben, das Gute an der Hauptschule aufzuzeigen. Vielleicht ist es auch ein Fehler in der Schulpolitik, neue Schulformen als Konkurrenz daneben zu setzen. Generell bin ich der Meinung, dass alles seine Zeit braucht, um zu wachsen. Derzeit gibt es etwa die Diskussionen, G8 gleich wieder abzuschaffen, dabei gibt es doch die Gesamtschule, die das Abitur nach neun Jahren anbietet.

Was würden Sie an der Schullandschaft gerne verändern?

Ingrid Schulte: Ich würde durchgängig Doppelbesetzungen in Klassen einführen, so wie es im Zuge der Inklusion in Klassen mit besonderem Förderbedarf bereits gemacht wird.

Der Strom an Flüchtlingen nimmt immer mehr zu und auch auf Eschweiler kommt eine große Aufgabe zu. Welche Rolle spielt Schule dabei?

Ingrid Schulte: Eine große. Wir haben bisher bereits zwei Sprachförderklassen und vielleicht muss noch eine dritte eingerichtet werden. Es ist ein Thema, das uns immer mehr beschäftigt und das wichtig ist. Die Sprache ist sehr wichtig, auch, wenn sie nicht in allen Fächern gleich stark ins Gewicht fällt. In Fächern wie Kunst oder Sport, teils in Mathematik ist es einfacher zu kompensieren, wenn jemand kaum Deutsch sprechen und schreiben kann.

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