Harte Rhythmen für die harten Kerle

Von: Stefan Herrmann
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Feinschliff vor dem Auftritt in der JVA: Eike Hillenkötter (M.) spricht mit Mustafa El-Haiachi (l.) und Sebastian Schneiderwind. Foto: Stefan Hermann

Eschweiler. Die jungen Menschen, die hier landen, haben meist schon einiges verbockt in ihrem Leben: Gewalt, Drogen, Diebstahl sind für sie Alltag. Endstation Jugendknast heißt oftmals die bittere Realität, bevor das Leben eigentlich erst so richtig angefangen hat.

Die Kerle, die in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Heinsberg sitzen, gehören sicherlich eher zur härteren Sorte. Es sind Kerle, die ihre Strafe absitzen. Kerle, die gerne harte Musik hören. Musik, wie sie die Jungs von „Pisow Records” machen. Die Rapper aus Eschweiler-Ost legten am Samstag ihren bisher wohl außergewöhnlichsten Auftritt hin, und zwar in der JVA Heinsberg vor rund 80 Häftlingen.

Hip-Hop-Musik kommt hier gut an. Sie behandelt die Themen, die die 14- bis 24-jährigen Insassen bewegt: Gewalt, Hass, Drogen, aber auch Liebe, Verlust, und Trauer. „Die Jungs, die hier jetzt gleich auftreten, das sind Jungs von der Straße. So wie ihr”, rief Olaf Tümmeler, mobiler Jugendarbeiter der Stadt Eschweiler, den Zuschauern im Schulzentrum der Anstalt zu.

Mobile Jugendarbeiter dabei

Gekommen ist es zu diesem außergewöhnlichen Konzert durch Helene Casper. Die Diplom-Sozialarbeiterin der JVA stolperte über einen Artikel unserer Zeitung, in dem sich die indestädtischen Hip-Hopper vorstellten. „Da dachte ich gleich, die wären etwas für uns”, erklärte Casper am Rande des eineinhalbstündigen Auftritts. Schnell war der Kontakt geknüpft. Die Jungs waren gleich Feuer und Flamme, auch Olaf Tümmeler kam schnell mit ins Boot. „Für mich ein wirklich außergewöhnliches Ereignis. Ich bin gespannt, was uns erwartet”, zeigte sich der mobile Jugendarbeiter hoffnungsfroh.

Und mit ihm die Rapper. Neben der alten „Pisow-Records-Crew” Sebastian Schneiderwind, den Brüdern Mustafa und Ibrahim El-Haiachi standen Filippo Soro und Malik Azed Ahmad auf der Bühne. Daneben unterstützten die befreundeten Aachener Rapper Fahel Ahmad, Muntu Maleka und Ali Khan die Jungs aus Eschweiler-Ost. Als Mann am Mischpult war Eike Hillenkötter vom Städtischen Jugendtreff „Oase” dabei, Zascha Drast hielt den Gig im Knast auf Film fest. Als „Pisow Records”, „Aachen Inferno” und „Gesetzlos 51” rockten die Neun die Bühne.

Harte Namen für harte Kerle. Und ganz unschuldig sind auch die Rapper in der Vergangenheit nicht immer gewesen. Zwei von ihnen haben ebenfalls schon einige Zeit im Gefängnis gesessen. „Eine Zeit, die ich nicht noch einmal durchmachen möchte. Vielmehr wollen wir zeigen, dass es einen anderen Weg gibt, zum Beispiel mit Musik”, zeigte sich Malik geläutert.

Mit dem Mikro in der Hand und dem passenden Beat aus der Box können die Rapper eh am besten umgehen. Mit viel Sprachwitz, der immer klar und „gerade heraus” daherkommt, überzeugten die Musiker auch in Heinsberg. „Alle Titel, die wir für heute im Gepäck hatten, durften wir aber leider nicht spielen, die sie für einen Auftritt im Gefängnis zu gewaltverherrlichend gewesen wären”, berichtete Mustafa nach dem Gig.

So sind sie, die Rapper: immer ein wenig gegen das Establishment, gerne auch gespickt mit dem ein oder anderen derben Wort. Doch auch eine weitere Weisheit trifft zu: harte Schale, weicher Kern. Denn gerade mit ihrer Liebe zur Musik punkten die jungen Rapper.

Das kommt an bei den Häftlingen, die hauptsächlich aus dem Düsseldorfer, Heinsberger und auch Aachener Raum kommen. Einige Bekannte, die momentan einsitzen, treffen die Aachener Rapper dabei auch.

Trotzdem drucksten die durchweg männlichen Zuschauer (weibliche Inhaftierte gibt es in Heinsberg nicht) zuerst an den Wänden herum. Applaus für die Songs ja, ordentliches Mitfeiern vor der Bühne (vorerst) nein. Erst am Ende tauten alle so richtig auf. Mit dem extra für den Auftritt im Knast komponierten Titel „JVA” brachen die Jungs von „Pisow Records” das Eis dann endgültig. „Das ist für alle meine Homies in der JVA”, rappten schließlich alle im Saal mit. „Super”, klatschte Olaf Tümmeler nach 90 Minuten schweißtreibender Performance die Musiker ab. „Klasse! Ihr empfangt uns hier, als wäre es euer Zuhause. Dabei ist es das gar nicht! Ich hoffe daher, euch bald alle wieder draußen zu sehen”, richtete Malik Azed Ahmad ein Riesenlob an die Menge.

Mustafa El-Haiachi sang zum Abschluss einem Inhaftierten, der seinen 23. Geburtstag feierte, sogar noch ein kurzes A-Capella-Ständchen. Dieser bedankte sich standesgemäß mit Handschlag.

Nach dem Auftritt ließen die neun Jungs den Auftritt bei einer Zigarette erstmal Revue passieren. „Das war schon etwas Besonderes. Teilweise haben die Leute hier das Gleiche durchgemacht wie wir”, hofft Ibrahim El-Haiachi, dass möglichst viele nach ihrer Entlassung einen anderen Weg einschlagen, abseits von Gewalt und Kriminalität.

Vielleicht ja Richtung Musik. Die Rapper von „Pisow Records” haben so eine sinnvolle Beschäftigung gefunden. „Wir machen fast nichts anderes mehr außer Musik”, sagen sie stolz. So treten sie zufrieden den Weg durch die über ein dutzend Sicherheitsschleusen zurück in die Freiheit an. Eine Rückkehr ist nicht ausgeschlossen. Allerdings nur für ein weiteres Konzert.
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