Harald Pütz: Ein Leben zu retten, gibt ihm einen „Riesenkick“

Von: Patrick Nowicki
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Harald Pütz vor dem Foto „seiner“ Feuerwehr: Am Freitag bereitete ihm die Mannschaft einen emotionalen Abschied in der Dürwisser Festhalle. Foto: Patrick Nowicki

Eschweiler. Die Feuerwehr zeigte am Freitagabend ihre emotionale Seite: Als Harald Pütz in der Dürwisser Festhalle nach 24 Jahren als Leiter der Eschweiler Feuerwehr verabschiedet wurde, flossen auch Tränen. Der 60 Jahre alte Indestädter übergab das Amt an seinen Nachfolger Axel Johnen, der zudem Leiter der Hauptwache ist.

Vor seiner Verabschiedung sprach Pütz mit uns über die Faszination der Feuerwehr, wie die Retter den Alltag bewältigen und über seine eigenen Pläne.

Mit welchen Gefühlen blicken Sie Ihrer Verabschiedung als Leiter der Feuerwehr nach 24 Jahren entgegen?

Pütz: Das habe ich noch gar nicht verinnerlicht. In den letzten Wochen waren noch zahlreiche Dinge anzustoßen und Entscheidungen zu treffen, da war die Verabschiedung noch kein Thema. So mussten wir die Erweiterung der Feuer- und Rettungswache besprechen, es ging um Personal und Lehrgänge. Oft kam zwar der Satz, dass ich ja nun nicht mehr lange habe, aber das war auch schnell wieder ausgeblendet.

Mit der Jahreshauptversammlung ist dann endgültig Schluss mit dem aktiven Dienst?

Pütz: Offiziell bin ich ab dem 30. April nicht mehr Leiter der Feuerwehr. Ich habe noch die Möglichkeit, bis zum 63. Lebensjahr aktiv zu sein. Aber ich habe mir Bedenkzeit bei meinen Stellvertretern erbeten und man räumt mir die auch ein. Ich muss einfach mal etwas zur Ruhe kommen und dann überlegen, ob ich weiterhin aktiven Dienst leisten möchte. Dies geschieht dann in enger Abstimmung mit der neuen Wehrleitung. Sollte ich mich entscheiden, aktiv zu bleiben, dann würde ich dem Löschzug 42 Bohl angehören.

War es keine Option, bis zum 63. Lebensjahr Wehrleiter zu bleiben?

Pütz: Die Amtszeit ist auf sechs Jahre ausgelegt – und das ist auch gut so. Da ist es nicht sinnvoll, sich noch mal für zweieinhalb Jahre wählen zu lassen. Da muss man dann einen Schnitt machen und das Amt der nächsten Generation überlassen.

Können Sie sich noch erinnern, was Sie 1972 dazu bewogen hat, in die Feuerwehr einzutreten?

Pütz: Das kann ich. Der Ursprung liegt sicher in meinem damaligen Wohnort, die Rosenallee. Dort bin ich in der Nähe der damaligen Feuerwache aufgewachsen, am Talbahnhof haben wir als Kinder immer gespielt. Die Faszination für uns war natürlich sofort da. Da damals mit Sirenen alarmiert wurde, bekamen wir die Einsätze oft mit. Der Wehrleiter damals, Willi Wolter, wohnte direkt gegenüber. Da konnte ich immer sehen, wie er in voller Montur zum Einsatz lief. Mit 17 Jahren stand dann die Entscheidung an, zwei Jahre zur Bundeswehr zu gehen oder Ersatzdienst zu leisten. Darüber sprach ich mit meinem Vater, der dann den Vorschlag machte, zur Feuerwehr zu gehen. Ich habe mehrere Übungsabende des Löschzugs Stadtmitte besucht, wo sich die Eindrücke, die ich als kleine Junge hatte, verfestigt haben. Die Arbeit dort machte mir sofort Spaß. Ich habe mich dann für zehn Jahre verpflichtet, was ein Glück war, weil es nicht viele Stellen im Ersatzdienst gab. So konnte ich trotz Studium meine Stunden ableisten.

Dies war dann eine lebensprägende Entscheidung, denn 1992 wurden Sie sogar Leiter der Feuerwehr in Eschweiler. Wie kam es dazu?

Pütz: Dies war eine Entwicklung. Man hat mich durch Lehrgänge gefördert und in Führungsaufgaben einbezogen. So wurde ich letztlich Abschnittsführer der Löschzüge 11 und 12 Stadtmitte. Als dann die Nachfolge von Hubert Kaldenbach zu regeln war, sprach er mich an. Es gab zwar einige Führungskräfte über mir, aber die waren auch schon älter. Ich hatte durch meine Selbstständigkeit den Vorteil, flexibel zu sein. Also sprach ich mit meiner Familie und sagte schließlich zu. Die Entscheidung fiel etwas im jugendlichen Leichtsinn. Es war und ist eine gewaltige und verantwortungsvolle Aufgabe, aber wenn ich eine Entscheidung getroffen habe, dann setze ich mich mit voller Kraft dafür ein.

Voller Einsatz heißt dann, vier Amtsperioden und damit so lange wie kein anderer nach dem Zweiten Weltkrieg an der Spitze der Eschweiler Feuerwehr zu stehen....

Pütz: (lacht) Ja, dann habe ich das wohl positiv durchgezogen. Aber ganz ehrlich, ohne eine solch tolle Mannschaft, ohne meine Vertreter in dieser Zeit, die mir immer zur Seite gestanden haben, wäre das alles nicht möglich gewesen. Ich bin nur ein Teil eines tollen Teams gewesen. In dieser Feuerwehrfamilie wird man voll unterstützt und mitgezogen. Dies macht die Organisation leicht. Jeder kann seine Fähigkeiten voll einbringen. Das macht die Feuerwehr stark. Dieser Zusammenhalt wurde auch in der Tatsache deutlich, dass es in den ganzen vier Wahlperioden nie eine Diskussion um meine Person gab, was ich akzeptiert hätte. Darüber bin ich sehr froh, das macht mich stolz. Eine so lange Zeit ist natürlich nicht üblich. Aber dieser Zusammenhalt hat mich immer motiviert und getragen.

Als Feuerwehrmann erlebt man auch viel Leid der Menschen. Welche traurige Geschichte ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Pütz: Wenn man dieses Amt übernimmt, bekommt man viele schlimme Situationen im Einsatzgeschehen mit. Als Wehrleiter ist man, wenn man nicht in Urlaub ist, bei jeder schlimmeren Sache dabei. Nach 24 Jahren als Wehrleiter kann ich sagen: Jeder Verletzte, jeder Tote beschäftigt einen.

Wie bewältigt man solche Situationen?

Pütz: Nach so einem Einsatz sitzen wir zunächst noch etwas zusammen. Ob dies nun die Mannschaft, die Wehrleitung betrifft – wir sprechen noch mal darüber. In meiner Familie können viele gut zuhören, vor allem meine Frau und mein Sohn. Zudem gelingt es mir gut, Ereignisse zu verdrängen. Es gibt natürlich Einsätze, die brennen sich sehr tief ein. Ich erinnere mich immer wieder an einen Einsatz auf der Eifelstraße, wo eine 21-Jährige in ihrem Wagen verbrannt ist. Wir haben es nicht mehr geschafft, sie rechtzeitig zu retten. Das Ereignis kommt immer wieder hoch, weil ich zu meiner Arbeit dort vorbeifahre. Natürlich auch der Fall von Tom und Sonja. Es gibt viele schlimme Einsätze. Dies sind Sachen, die schafft man vielleicht, ein Paar Tage auszublenden, aber die immer wiederkehren. Bei all diesen Sachen ist es immer gut, wenn wir mit der Mannschaft gemeinsam zu dem Ergebnis kommen, dass wir alles getan haben, um Leben zu retten.

Stumpft man mit den Jahren und der Vielzahl solcher Einsätze nicht ab?

Pütz: Nein, man stumpft nicht ab. Wir gehen vielleicht etwas anders damit um, weil wir uns vor dem Einsatz etwas auf die Situation einstellen können. Das ist ein großer Vorteil, als wenn ich an der Unfallstelle vorbeifahre und unmittelbar Hilfe leisten muss. Wir haben als Feuerwehr während der Anfahrt etwas Zeit, um dann vor Ort das abzuspulen, was man leisten muss. Man hat lediglich den Vorteil, nicht zum ersten Mal auf eine schreckliche Situation zu treffen.

Was bedeutet es für einen Feuerwehrmann, wenn man einen Menschen retten konnte?

Pütz: Das gibt einen Riesenkick, wenn man die Zeit, die man in Training und Ausbildung gesteckt hat, nutzen kann, um einem Menschen zu helfen.

Haben sich auch schon Menschen bedankt?

Pütz: Das kommt vor. Ist aber sehr selten. Aber ich gebe zu: Das ist natürlich das i-Tüpfelchen. Wenn aber dann ein Schreiben kommt oder ein Anruf erfolgt, das ist dann ein besonderer Glücksmoment für uns. Wir bedauern manchmal, dass wir nicht erfahren, was aus den Menschen geworden ist. Aus Datenschutzgründen geht das aber nicht.

Sie leiten eine Firma, leiten die Eschweiler Feuerwehr – bleibt da noch Zeit für ein anderes Hobby?

Pütz: Nein, dafür bleibt keine Zeit. Ich bin zwar karnevalistisch im Elferrath der Scharwache aktiv. Aber da musste ich schon oft Termine absagen. Sieben Tage lang habe ich alle drei Wochen Bereitschaftsdienst, 24 Stunden lang. Und egal, ob man bei Freunden sitzt oder im Baumarkt einkauft – wenn eine bestimmte Schadenslage überschritten ist, muss die Wehrleitung auf jeden Fall raus. Das ist eine gewaltige Einschränkung für die Familie, aber auch für andere persönliche Dinge.

Ist dies ein Grund, dass Ihr Nachfolger ein hauptamtlicher Feuerwehrmann ist, nämlich Axel Johnen?

Pütz: Das ist nicht der alleinige Grund. Eschweiler verfügt mit 500 ehrenamtlichen Mitgliedern über eine starke Einheit. Dazu zählen 60 hauptberufliche Feuerwehrleute. Da muss man abwägen, welche Kandidaten es gibt, wer die Leitung einer solchen Einheit leisten kann.

Ist die Feuerwehr überhaupt noch im Ehrenamt zu leiten?

Pütz: Bei einer gesunden Struktur in der Wehrleitung und ein gutes Team besteht, dann ist es zu schaffen. Aber die Aufteilung der Aufgaben in der Wehrleitung muss stimmen.

Wie viele Stunden ihrer Freizeit haben Sie denn geopfert?

Pütz: Dies habe ich nie gezählt. Ich kann nur diese Woche nennen: Da waren es 17 Stunden bisher. Aber egal, wie viele Stunden es letztlich waren, meine ehrenamtliche Arbeit habe ich gerne geleistet. In meinem Dank schließe ich auch meine Mitarbeiter in meiner Firma MVG und vor allem meine Familie ein.

Wenn Sie nicht mehr Wehrleiter sind, was machen Sie mit Ihrer dann gewonnenen Freizeit?

Pütz: Ich werde sicherlich nicht das eine Hobby mit einem anderen Hobby sofort ersetzen. Ich werde viele beruflichen Dinge mit Ruhe organisieren. Und ich werde sicherlich einen großen Batzen dieser Zeit meiner Familie widmen, die 24 Jahre lang verzichten musste. Das war schon heftig. Mich wundert es, dass mein Sohn trotz dieser Kenntnis nun auch Mitglied unserer Feuerwehr ist. Wir werden vielleicht einmal etwas länger Urlaub machen.

Gibt es ein besonderes Ziel?

Pütz: Ja, Amerika. Ich möchte gerne die Ostküste erkunden.

Verlassen Sie ein gemachtes Feld, ist die Feuerwehr Eschweiler in der Hauptwache personell ausreichend besetzt?

Pütz: Es wird derzeit eine neuer Brandschutzbedarfsplan entwickelt und im Herbst vorgestellt. Darin wird sich unter anderem zeigen, wie viele hauptamtliche Feuerwehrleute wir für unsere Aufgaben und Schutzziele benötigen. In der Vergangenheit war es immer so, dass wir unsere Zahlen argumentativ vorgetragen haben und der Rat dem zugestimmt hat. Natürlich kostet zusätzliches Personal Geld. Aber in der Vergangenheit habe ich die Erfahrung gemacht, dass die Feuerwehr bestmöglich unterstützt wurde und sich der Rat der Stadt Eschweiler und die Verwaltung ihrer Verantwortung bewusst sind.

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