Halbstarker Rattenfänger mit einem weichen Kern

Von: Andreas Röchter
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Können Lehrerin Saskia (Nika Wanderer) und Schüler Ben (Raphael Fachner) ein Vertrauensverhältnis aufbauen? Fast scheint es so. Doch wenig später schlägt die Stimmung einmal mehr um. Foto: Andreas Röchter

Eschweiler. „Was habe ich dir getan?”, fragt Deutsch- und Biologielehrerin Saskia ihren Schüler Ben. Dieser hat ihr nach dem Unterricht eine halbtote Ratte auf das Pausenbrötchen gelegt. Aus dieser Situation entwickelt sich ein Gespräch, ein Austausch, ja ein „Kampf”, der die Beiden an ihre Grenzen und darüber hinaus bringt.

„Rattenklatschen” heißt das Theaterstück von Esther Rölz, dass „Greta, das junge Grenzlandtheater Aachen” Mittwochmorgen im Pädagogischen Zentrum der Städtischen Gesamtschule vor Schülern der achten Jahrgangsstufe aufführte.

Ben (Raphael Fachner) ist nicht dumm, doch die Schule packt er nicht so richtig. Der letzte Deutschaufsatz wurde mit einer sechs benotet. „Thema verfehlt”, erklärt ihm Lehrerin Saskia (Nika Wanderer) lapidar. In seiner Freizeit geht Ben mit seinen Kumpels, mit Eisenstangen bewaffnet, auf Rattenfang. Und auch sonst scheint der Jugendliche nicht zimperlich. „Wenn mich jemand anmacht, klatsch´ ich ihm eine. Man darf sich nichts gefallen lassen”, spielt er vor seiner Lehrerin den „starken Mann”.

Doch in Wahrheit ist Ben alles andere als gefühllos, nicht zuletzt Saskia gegenüber. Ihr schenkt er Vertrauen. „Die sind doch hier alle froh, wenn ich von der Schule fliege. Aber Sie sind anders.” So berichtet er ihr von zu Hause, seinem leiblichen Vater, von dem Ben schlimme Prügel bezog, vom neuen Lebensgefährten seiner Mutter, mit dem es auch nicht leicht ist auszukommen, und von seiner Mutter, die im betrunkenen Zustand Bens eigene Ratte in den Kochtopf warf.

Doch auch die schwangere Saskia hat ihre privaten Probleme. Unlösbare Probleme, wie ihr scheint. Ihr Freund liegt nämlich nach einem schweren Autounfall gelähmt und sprachunfähig im Krankenhaus. Ein Reifen hatte sich bei Tempo 120 auf der Autobahn gelöst. Eine Woche, nachdem sie die Reifen am Auto gewechselt hat. Trägt sie die Schuld? Und was geht das alles Ben an?

Immer wieder schlägt die Stimmung um. Eben herrscht noch eine vertrauensvolle Harmonie zwischen Lehrerin und Schüler, wenige Sekunden später wird die Atmosphäre bedrohlich, sogar handgreiflich. „Wenn man immer etwas von Vertrauen hört, dann vertraut man. Und dann kriegt man mit, dass man selbst kein Vertrauen erhält”, klagt Ben seine Umwelt und seine Lehrerin an.

Die fühlt sich überfordert: „Ich bin keine Sozialarbeiterin”, macht sie ihm deutlich. Ihre Welt sei nicht seine Welt. „Vertrauen ist für uns nicht das gleiche Wort”, weist sie ihn zurecht. Um kurze Zeit später seiner Bitte, ihm Nachhilfeunterricht zu erteilen, nachzukommen. Doch schon bald folgt der nächste Tiefpunkt. Ben hat Saskia bis zu ihrer Wohnung verfolgt. Hat er vielleicht die Schrauben am Autoreifen gelockert? „So bin ich nicht!”, beteuert der Schüler. Doch das Urteil der Lehrerin ist hart. „Dein Leben war in dem Moment kaputt, als deine Mutter deine Ratte in den Kochtopf geworfen hat.”

Ein mitreißendes Theaterstück, das Regisseurin Mona Brinkmann inszenierte. Stark auch die beiden Darsteller Nika Wanderer und Raphael Fachner, denen es gelingt, die Gefühlsschwankungen zwischen Zuversicht und Niedergeschlagenheit, Hilfsbereitschaft und Hilflosigkeit sowie Ver- und Misstrauen eindrucksvoll auf die Bühne zu bringen. „Ein in jeder Hinsicht intensives Stück, dass von den Schauspielern durchgehend hohe Konzentration erfordert”, betont auch Theaterpädagogin Monika Reichle.
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