Häuptling Winnetou stirbt in der Bücherei

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Old Shatter-, Sure- und Fireha
Old Shatter-, Sure- und Firehand? Nein! Horst Schmidt, Albert Schiffer und Peter Adrian (v. l.), die in humorvoller und mitreißender Art und Weise ihrem Publikum die unterschiedlichen Facetten Karl Mays näherbrachten. Foto: Andreas Röchter

Eschweiler. Er war ein durchaus „genialer Hochstapler”, ein „sächsischer Phantast”, verbrachte mehrere Jahre im Zuchthaus und ist der weltweit meistgelesene Autor deutscher Sprache: Karl May.

Der geistige Vater von Winnetou, Old Shatterhand, Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar (um nur einige wenige Figuren zu nennen) stand im Mittelpunkt eines vom Förderverein der Stadtbücherei initiierten Leseabends, der im Rahmen der bundesweiten Aktionswoche „Treffpunkt Bibliothek” stattfand. Horst Schmidt, Peter Adrian und Albert Schiffer unternahmen dabei unter der Überschrift „Ein Schuss, ein Schrei,... war das alles von Karl May?” den sehr gelungenen Versuch, „am Denkmal des vor einhundert Jahren Verstorbenen zu basteln”.

Weniger bekannte Seiten

Im Beisein der ehemaligen Bücherei-Leiterin Christine Rohe legten die drei Protagonisten vor allem Wert auf die weniger bekannten Seiten Karl Mays, der sich in seinem Spätwerk immer weiter von seinen abenteuerlichen Reiseerzählungen entfernte und nach Meinung mancher Kritiker mit Romanen wie „Ardistan und Dschinnistan” die „literarische Hochebene” erreichte. Darüber hinaus spielte neben der Literatur die Musik eine Hauptrolle im Leben des 1842 im sächsischen Ernstthal Geborenen, der der Nachwelt so manche Eigenkomposition hinterlassen hat.

Mit einem von ihm selbst zum 150. Geburtstag Karl Mays im Jahre 1992 verfassten Text, in dem einige wichtige Lebensstationen des Autors beschrieben werden, gab Horst Schmidt den Startschuss zum „Karl-May-Abend”. „Nach eigenen Angaben als Kleinkind erblindet und im Alter von fünf Jahren geheilt, entwickelte sich der junge Karl May zu einer Leseratte mit einer besonderen Vorliebe für Reiseberichte”, so der Verfasser.

Seinen ursprünglichen Wunsch, Lehrer zu werden, konnte er jedoch nicht verwirklichen, da er nach einigen Diebstahl- und Betrugsdelikten Berufsverbot erhielt. Ab 1881 veröffentlichte Karl May schließlich seine Reiseberichte, in denen er vorgab, identisch mit Old Shatterhand beziehungsweise Kara Ben Nemsi zu sein. Schon 1895 waren 60.000 seiner Bände verkauft. „Eine für die damalige Zeit astronomische Zahl”, betonte Horst Schmidt.

Der gesellschaftliche Aufstieg des Schriftstellers erlitt um die Jahrhundertwende allerdings ein abruptes Ende, als zahlreiche Hochstapeleien aufflogen. „Seine Scheidung fand dann in bester Dallas- oder Denver-Manier statt”, wusste Horst Schmidt zu berichten. „Sein Spätwerk, in dem er sich zu einem durch und durch pazifistischen Autor wandelte, fand dann leider zunächst wenig Beachtung, bis die Literaturkritik zuletzt auch darauf stieß.”

Autobiographische Texte

Dass Karl May aber grundsätzlich nicht an mangelndem Selbstbewusstsein litt, zeigt der autobiographische Text „Freuden und Leiden eines Vielgelesenen”, den er 1896 als Dr. Karl May verfasste, wobei der Doktortitel reine Hochstapelei war: In diesem von Horst Schmidt vorgetragenen Text beschreibt der Autor einen Tag in seinem Leben, in dem er sich einerseits der Bettelei eines Literaturkritikers, der auf eine milde Gabe in Höhe von 150 Mark hofft, erwehren muss, andererseits aber auch Briefe von „Fans” erhält, in dem diese ihm mitteilen, durch ihn zu Gott gefunden zu haben.

Vor der Pause, in der übrigens Wein und kein „Feuerwasser” ausgeschenkt wurde, beschäftigte sich Peter Adrian noch mit der Szene, die lange Zeit als die kitschigste der deutschen Literaturgeschichte galt, aber bei keinem Karl-May-Abend fehlen darf: dem Tod Winnetous. In seinen letzten Atemzügen bekennt sich der Häuptling der Apachen zum Christentum, und dies zu den Klängen des von Karl May komponierten „Ave Maria”. „Die Musik spielte eine wichtige Rolle in Mays Literatur”, so Peter Adrian. Seine Kompositionen seien aber auf überschaubarem Niveau geblieben. „Er war ein Dilettant im guten Sinne des Wortes.” Eine Orientreise in den Jahren 1899 bis 1900 müsse dann der Wendepunkt in seinem Leben gewesen sein. „Es folgt ein sublimes, hochliterarisches Spätwerk, in dem er als Pazifist drohende Gedanken in Richtung Erster Weltkrieg äußert.”

Auch heute wichtige Rolle

Dass Karl May auch heute noch bei vielen Zeitgenossen eine Rolle spielt, belegte Albert Schiffer humorvoll unter anderem mit Gedichten von Roger Willemsen. Auch Joschka Fischer habe sich 1999 in einem Spiegel-Interview als Karl-May-Kenner erwiesen, als er betonte, es gelte, „wie Winnetou nach vorne zu schauen”. Dem Einwand des Fragestellers, „Sie wissen, wie dieser endete?”, konterte Fischer: „Als Person der Weltliteratur.” Darauf der Spielgel-Reporter: „Aber früh abgetreten!”

Da sich die Romane Karl Mays bereits zu Lebzeiten sehr gut verkauften, fanden sich auch bald Nachahmer, die den Stil des Schriftstellers kopierten. So las Albert Schiffer abschließend aus der 1912 erschienenen Geschichte „Ich in Aachen” eines unbekannten Verfassers, der in seiner Parodie Old Shatterhand, bewaffnet mit Silberbüchse und Tomahawk, vor dem neuen Rathaus der Kaiserstadt auftauchen lässt.

Zu den Klängen des Liedes „Nun gehst Du hin in Frieden” verabschiedeten Horst Schmidt, Peter Adrian und Albert Schiffer dann ihre Zuhörer in die Nacht. Sie ahnen es: Die Noten und der Text stammen von Karl May!
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