Eschweiler - Große Angst vor der Perspektivlosigkeit

Große Angst vor der Perspektivlosigkeit

Von: Elisa Zander
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Gemeinsam auf dem Weg zum Abitur: Maximilian Ahr und Alexander Heinrich (v.l.) legen das nach neun Jahren am städtischen Gymnasium ab, Tobias Groß nach acht Jahren. Foto: Elisa Zander

Eschweiler. Wenn Maximilian Ahr und Alexander Heinrich an ihre Zukunft denken, sind sie eigentlich entspannt. Beide wollen an einer Universität studieren. Zwar müssen sie noch ihre Abiturprüfung ablegen, aber das ist bei den beiden Schülern mehr eine Formsache. Die Pennäler des städtischen Gymnasiums gehören der letzten Stufe an, die dort nach dem neunjährigen Besuch an der Schule, also nach G9, ihr Abitur ablegen.

Zeitgleich werden die Schüler der jetzigen Klasse 12 erstmals das verkürzte Abitur (G8) machen. Organisatorisch bedeutet das für die Schule vor allem mehr Räumlichkeiten für Prüfungen und mehr Aufsichtspersonal für die insgesamt etwa doppelte Zahl an Prüflingen. Schulleiter Dr. Friedhelm Mersch sieht den Betrieb gut gerüstet. „Wir gehen mit klarem Blick und relativ gelassen damit um.“

Und doch ist es eine Umstellung – vor allem für die betroffenen Schüler. „Mein Bruder“, erzählt Maximilian Ahr, „macht auch G8. Ich sehe Zuhause die Mehrbelastung. Er muss zwei Kurse mehr belegen, das sind zusätzliche sechs Wochenstunden.“ Alexander Heinrich kann Ähnliches berichten. „Ich gebe einem Nachbarn Nachhilfe. Er geht in die siebte Klasse. Er braucht Unterstützung bei den Hausaufgaben, weil er das nicht alleine stemmen kann.“ Tobias Groß kennt diese Probleme. Er wird in diesem Jahr sein Abitur nach G8 machen. „Oftmals fehlen uns grundlegende Fundamente, zum Beispiel in Mathe, weil keine Zeit war, das zu vertiefen. Man geht von Thema zu Thema.“

Eine „große Umstellung“ im Rahmen von G8 gibt es auch für die jungen Schüler, die jetzt in der Unterstufe sind, nämlich „die zweite Fremdsprache in der 6. Klasse“, sagt Andrea Herrmann, Stufenleiterin der Q2, der jetzigen 12. Klasse. Ebenfalls die anfangs fehlenden G8-Lehrpläne für die unteren Klassen hat das Kollegium vor eine Herausforderung gestellt, erzählt Michael Fell, Beratungslehrer der Stufe 13.

An dem Vorteil, der von der Regierung dargelegt wird, mit dem früheren Abschluss „international konkurrenzfähiger zu sein“, ist nach Ansicht von Schulleiter Mersch „etwas dran“. Er wisse, dass der „Preis, der dafür zu zahlen ist, eine hohe Arbeitsleistung“ sei. Und auch der „Freizeitbereich, den junge Leute dringend nötig haben, ist beeinträchtigt“. Es werde noch einige Zeit verstreichen, bis die G8-Struktur gewachsen ist und zur Normalität wird, schätzt er.

Im Einvernehmen mit den Schülern hat die Schule die beiden Abiturjahrgänge getrennt voneinander unterrichtet. So musste die doppelte Zahl an Leistungskursen eingerichtet werden, das braucht ebenfalls Raum- und Kollegiumskapazität. Wegen der vielen Prüfungen wird das Gymnasium die vorgeschrieben Zweitkorrektur der Abiturklausuren, die sonst von einer anderen Schule gemacht wird, selbst übernehmen. „Das Tauschverfahren wäre ein zu großer Aufwand“, sagt Mersch.

Viel Aufwand also für Schüler und Lehrer. Doch Dr. Manfred Vogt, der gemeinsam mit Andrea Herrmann die Q2 leitet, hat „nicht gehört, dass sich die Schüler nicht fit für das Abi fühlen“. Aber: „Dass man mit zwei Jahrgängen auf den Arbeitsmarkt trifft, macht den Schülern Angst.“

„Enttäuschung bei den Schülern“, beobachtet auch Claus Buchholz, Beratungslehrer der 13. „Sie müssen sich irgendwo parken.“ Diese Überbelastung der Ausbildungs- und Studienmärkte sieht auch Dr. Mersch. „Es wird von beiden Jahrgängen verlangt, dass sie sich öffnen und auf andere Bundesländer ausweichen. Das braucht eine hohe Mobilität und Geld.“ Maximilian Ahr schmunzelt. „Viele, die G8 machen, sind 17. Die dürfen gar nicht alleine Auto fahren.“ Eine Schülerin wird bei ihrer Abiturfeier sogar erst 16 Jahre alt sein. Michael Fell berichtet, dass viele Pennäler überlegten, „wegen der Perspektivlosigkeit zum Bund zu gehen“.

„Wir nehmen das so wahr, dass wir Versuchskaninchen sind, die sich blindem, politischem Aktionismus beugen müssen“, sagt Tobias Groß. Alexander Heinrich hat mitbekommen, dass viele der Schüler die Vorteile, die durch das verkürzte Abitur eintreten sollen, nicht sehen. „G9 hat immer gut funktioniert.“ Auch Claus Buchholz sagt: „Das deutsche Bildungssystem wurde im Ausland immer als gut angesehen.“

Die Unsicherheit ist groß. Darum wissen die Schüler, dass sie sich nicht erst Gedanken um ihre Zukunft machen können, wenn sie ihr Abiturzeugnis in den Händen halten. Dass es die ersten G8-Abiturienten nicht schaffen, denkt Maximilian Ahr nicht. „Wenn man sein Ziel vor Augen hat, schafft man das, auch mit G8. Man darf keine Angst davor haben.“

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