„Glaubensgespräch“ endet vor Gericht

Von: Patrick Nowicki
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Es ging um angebliche Internethetze und um miteinander konkurrierende christliche Glaubensrichtungen. Symbolbild: dpa/Oliver Berg

Eschweiler. Eine Gerichtsverhandlung wegen einfacher Körperverletzung hat am Montag ein Großaufgebot der Polizei an der Kaiserstraße auf den Plan gerufen. In dem Verfahren wurde dem 31-jährigen N. vorgeworfen, im vergangenen Juli den 38 Jahre alten M. mit Tritten gegen den Knöchel zu Fall gebracht zu haben.

Letztlich verurteilte Richterin Ricarda Grammann den Angeklagten zu 50 Tagessätzen á 25 Euro. Er hat auch die Kosten des Verfahrens zu tragen. Dass das Interesse dermaßen groß war, lag jedoch weniger an dem Verfahren selbst, sondern vielmehr an den Hintergründen: Darin geht es um angebliche Internethetze und um miteinander konkurrierende christliche Glaubensrichtungen.

Fotos vom Klingelschild

Immer wieder wurde in der öffentlichen Verhandlung der Name T. erwähnt, der als Prediger auftritt. Dieser soll den 38 Jahre alten M. gebeten haben, von der Wohnungstür und dem Klingelschild des in Eschweiler lebenden N. Fotos zu schießen.

Warum? „Wir wollten eine Demonstration vorbereiten“, gab M. zu Protokoll. Dass die Bilder anschließend im Internet landeten, davon will er nach eigenen Angaben nichts gewusst haben. Die Fotos habe er an T. geschickt, den Prediger. Den habe er einen Tag vorher im Internet kennengelernt.

„Es gibt keinen Streit mehr“

Damit nicht genug: M. wollte auch noch mit N. „über seinen Glauben sprechen“. Nach „13 Versuchen“ habe er N. schließlich angetroffen. In Begleitung seiner Freundin I. seien sie in die Wohnung gelangt. Die erste Frage von N. habe gelautet, ob er die Fotos ins Netz gestellt hätte. „Dies habe ich verneint“, berichtet M.

Über den genauen Verlauf dieses „Glaubensgesprächs“ waren sich die Beteiligten nicht einig, jedenfalls verließen M. und I. die Wohnung, N. setzte ihnen nach.

Auf der Straße trat er zu, die Zahl der Tritte schwankte in den Schilderungen am Montag vor Gericht. N. gab zwei Treffer an. Er räumte auch ein, dass M. gefallen war. Am Ende der Verhandlung lagen sich beide in den Armen: „Es gibt keinen Streit mehr zwischen uns, Bruder“, sagte N.

So ganz friedlich endete das Geschehen jedoch nicht. Während im Gerichtsgebäude alles auf Versöhnung hindeutete, versammelten sich zahlreiche Zuschauer, darunter auch der immer wieder genannte T. Die zahlreichen Polizisten vor Ort sprachen davon, dass das Szenario eher an einen Auflauf einer Rockerbande erinnere und weniger an eine Ansammlung christlicher Glaubensbrüder. Letztlich kam es jedoch nicht mehr zu Zwischenfällen.

Es ist allerdings nicht davon auszugehen, dass der Streit zwischen N. und T. mit dem Urteil beendet ist. N. schilderte in der Verhandlung, dass er sich bedroht gefühlt und „drei Monate lang Terror“ erfahren habe. Er habe immer wieder darüber nachgedacht, die Polizei zu rufen.

Ein Cousin des Angeklagten erzählte, dass N. überall in der Wohnung Messer versteckt habe, um sich im Fall eines Falles wehren zu können. Selbst bei der Tat Anfang Juli soll er nach eigenen Angaben nach der Polizei gerufen haben. Dies schildert der Geschädigte M. vor Gericht anders. N. soll gerufen haben: „Das ist mein Revier. Ich mache euch alle fertig.“

M. erstattete erst zwei Tage nach den Vorfällen Anzeige bei der Polizei. Warum? Er wollte sich erst bei T. absichern, ob er sich rechtlich korrekt verhalten habe. Schwerwiegend seien die Verletzungen nicht gewesen. M. sprach von „Prellungen“, die nach wenigen Tagen abgeklungen seien. Worum gehe es ihm also bei dem Verfahren, wollte Richterin Ricarda Grammann wissen. „Sein Verhalten war nicht in Ordnung“, sagte M.

Frage bleibt offen

Während T., flankiert von einigen Männern, im Publikum zuhörte, bestätigte die Freundin des Geschädigten weitgehend die Vorfälle. Eine Antwort blieb I. der Richterin allerdings schuldig. Inwieweit Fotos von der Türklingel und der Eingangspforte des Angeklagten bei der Vorbereitung einer Demonstration nützlich seien, wollte Grammann wissen. „Das kann ich ihnen nicht sagen“, lautete die Antwort.

Als Hintergründe für das „Glaubensgespräch“ nannte I., dass N. Hetze im Internet betreibe. Diese Posts habe sie allerdings selbst nie gesehen. Am Ende dieses Gesprächs habe M. den Angeklagten noch gesegnet und sei mit I. wortlos aus der Wohnung gegangen.

Da der Angeklagte ein Geständnis ablegte, fiel das Urteil schnell und entsprach dem Antrag von Staatsanwältin Jana Thevis. Für N. kam erschwerend hinzu, dass er vor 2011 schon wegen Diebstählen und Beleidigungen verurteilt worden war.

Allerdings sei auch die „Vorgeschichte“ zu berücksichtigen, wie die Richterin am Montag in ihrer Urteilsbegründung erwähnte. „Solche Fotos im Internet sind nicht schön“, sagte sie und der Angeklagte habe sich dadurch in einer unangenehmen Situation befunden.

Auch nach dem Urteilsspruch setzte sich dies offensichtlich fort, denn N. sowie der in den Zeugenstand berufene Cousin blieben zunächst für einige Minuten im Amtsgericht und wurden schließlich mit Polizeibegleitung über einen Nebenausgang aus dem Gebäude geführt, weil nach wie vor eine größere Gruppe vor dem Haupteingang wartete.

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