Gewalt gegen Verwaltungs-Mitarbeiter: Deeskalationstraining soll helfen

Von: Patrick Nowicki
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Personalamtsleiter Heinz Rehahn zeigt das Plakat, mit dem die Verwaltung darauf hinweist, dass man Gewalt im Rathaus nicht toleriert. Dennoch werden Mitarbeiter Opfer von Übergriffen. Foto: Patrick Nowicki

Eschweiler. Finanzielle Schwierigkeiten, schmerzhafte Trennungen vom eigenen Kind, menschliche Not – im Rathaus, im Jugend- und Sozialamt, treffen verschiedene emotionale Extreme aufeinander. Auf der anderen Seite müssen die Mitarbeiter der Stadtverwaltung kühlen Kopf bewahren.

Doch nicht immer hat der Gegenüber Verständnis dafür. Wie Personalamtsleiter Heinz Rehahn bestätigt, nehmen die Übergriffe gegen städtische Bedienstete zu. Wird es besonders heikel, dann helfen interne Sicherheitsleute und am Ende auch die Polizei. In zwei Fällen erteilte die Stadtverwaltung in den vergangenen Monaten ein Hausverbot.

Per Knopfdruck können 135 Mitarbeiter im Rathaus um Hilfe bitten. Wenn sie eine Taste betätigen, wird der Dienststellenleiter sofort informiert. Dies bedeutet jedoch nicht, dass sofort Sicherheitsleute in den Raum stürzen, sondern die Mitarbeiter in der Verwaltung wollen beschwichtigen und beruhigen. Dafür wurden sie eigens geschult. „Einige unserer Mitarbeiter haben ein Deeskalationstraining besucht“, berichtet Heinz Rehahn. Doch manchmal wüten Besucher im Rathaus weiter. Auch darauf hat man nun reagiert: Im neuen Fortbildungsprogramm wird auch ein Selbstverteidigungskurs angeboten.

Rehahn geht davon aus, dass einige Rathausmitarbeiter das Angebot wahrnehmen. Ihm wird oft von verbalen Attacken berichtet. „Was manche Menschen an Schimpfworten verwenden, würde ich nicht in den Mund nehmen – das ist unterste Schublade“, sagt Rehahn. Manchmal bleibt es jedoch nicht bei Beleidigungen. Manche Menschen spucken, schlagen und treten und lassen sich selbst von der dann herbeigerufenen Polizei kaum bändigen. Ihnen droht in jedem Fall eine Anzeige, ohne Ausnahme, wie Rehahn betont.

Vor über zwei Jahren unterzeichneten die Verwaltungsspitze und der Personalrat eine Grundsatzerklärung gegen Gewalt am Arbeitsplatz. In den Aufzügen und an Büros weisen Plakate darauf hin. Darauf heißt es: „Die Stadtverwaltung Eschweiler ist ein gewaltfreier Ort. Wir, der Verwaltungsvorstand, der Personalrat und alle Beschäftigten weigern sich, Gewalt am Arbeitsplatz zu tolerieren.“ Man werde alle geeigneten Maßnahmen ergreifen, um das Auftreten von Gewaltvorfällen und Gefährdungen von Mitarbeitern und Bürgern in der Verwaltung zu vermeiden.

Oft ist es nicht nachvollziehbar, warum sich die Situation erhitzt. Immer wieder müssen sich auch Feuerwehrleute bei Einsätzen beschimpfen lassen. Häufig spielen Alkohol und Drogen dann eine Rolle, wenn Menschen im Rettungswagen randalieren. „Es kommt auch vor, dass Bewohner nicht mit dem Brandeinsatz einverstanden sind“, sagt Rehahn.

Bemerkenswerte Szenen beschreibt der stellvertretende Wachleiter Paul Velten-Christopher, denn nicht nur stark alkoholisierte Menschen schlagen im Rettungswagen schon einmal zu, auch unbeteiligte Autofahrer zeigen wenig Verständnis dafür, wenn eine Straße für die Dauer eines Einsatzes gesperrt ist. „Manche Straßen sind so eng, da bleibt uns keine andere Wahl, als sie bei einem Einsatz zu blockieren“, sagt Velten-Christopher. Die Retter könnten schlecht 150 Meter weiter parken und die Strecke dann zum Einsatzort zurücklaufen.

Dennoch werden die Feuerwehrleute oft wüst beschimpft. manche Autofahrer versuchen sogar dreist, an der Absperrung vorbei durch die Einsatzstelle zu fahren. „Ich wäre einmal fast über den Haufen gefahren worden, als ich aus einem Haus schritt“, schildert Velten-Christopher. Der Autofahrer habe versucht, über den Gehweg durch die Einsatzstelle zu gelangen. „Als ich ihn darauf hingewiesen habe, wurde gedroht, dass man sich beim Bürgermeister beschweren würde“, sagt er. Als Reaktion darauf, habe er seine Visitenkarte unter den Scheibenwischer geklemmt. „Der Mann musste ja wissen, über wen er sich beschwert“, berichtet Velten-Christopher schmunzelnd. Ob es letztlich zu einer Beschwerde gekommen ist, weiß er bis heute nicht.

Nicht immer ist den Feuerwehrleuten nach Lachen zumute, wenn Menschen sich lautstark über Einsätze beschweren. Kommt es zu Handgreiflichkeiten im Rettungswagen, dann wird die Polizei dazugerufen. Damit es aber nicht so weit kommt, durchlaufen auch die Mitarbeiter in der Feuerwache ein regelmäßiges Deeskalationstraining. Es ist Bestandteil der Aus- und Fortbildung für die Arbeit im Rettungswagen. „Wir versuchen grundsätzlich mit Worten zu erreichen, dass es nicht zu Gewalt kommt“, betont er.

Zurück ins Rathaus, wo auch zahlreiche Frauen ihren Dienst verrichten. Ihnen soll nicht nur der Alarmknopf ein Gefühl der Sicherheit geben. In sensiblen Bereichen sind sämtliche Büros mit benachbarten verbunden, so dass der Raum nicht nur vom Flur aus zu erreichen ist. Zudem raten die Sicherheitsexperten, den Abstand zu den Klienten nicht zu gering werden zu lassen. „Wenn jemand mehr als eine Armlänge entfernt ist und sich zudem dazwischen ein Schreibtisch befindet, sinkt die Gefahr eines tätlichen Angriffs“, sagt Rehahn.

Verbale und tätliche Übergriffe sind jedoch nach wie vor die absolute Ausnahme im Rathaus. Dennoch bestätigt Heinz Rehahn, dass der Respekt vor den Verwaltungsmitarbeitern abgenommen habe. „Die Zahl der Vorfälle hat schon etwas zugenommen in den vergangenen Jahren, eine besondere Steigerung ist jedoch nicht zu erkennen“, meint er. Eine Statistik dazu besteht nicht. Seit etwa drei Jahren achtet man im Eschweiler Rathaus genauer auf die Sicherheit der Mitarbeiter. In diesem Zuge wurde auch die gemeinsame Erklärung unterzeichnet. Mitarbeiter aus dem Ordnungsamt zeigen in Uniform Präsenz, andere Verwaltungsangestellte wurden extra geschult. „Unsere Mitarbeiter spüren früh die Signale, wenn jemand Ärger machen könnte“, weiß Rehahn.

Andere Behörden wie das Jobcenter dienten der Stadtverwaltung als Beispiel, wie man eigene Mitarbeiter sichern kann. Einen absoluten Schutz kann es allerdings nie geben. Deswegen wirbt man im Rathaus mit Plakaten weiterhin für Verständnis. „Letztlich fällen unsere Mitarbeiter nicht einfach so Entscheidungen, sondern handeln nach zwingenden Vorgaben, auch wenn diese letztlich schmerzlich für manchen Bürger sein können“, sagt Rehahn. Ob dies jeder versteht oder verstehen will?

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