Gesellschaftlichen Herausforderungen im Haus St. Josef

Von: Patrick Nowicki
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In der ehemaligen Kirche St. Michael sind aktuell Gruppen des Hauses St. Josef untergebracht. Auf dem Gelände an der Dechant-Kirchbaum-Straße sollen bald die Räume für zwei weitere Gruppen erreichtet werden. Foto: Patrick Nowicki

Eschweiler. Entspannt lehnt sich Wolfgang Gerhards auf dem Sessel des Cafés des Hauses St. Josef zurück. Der Leiter wurde erst vor wenigen Tagen für 25 Jahre an der Einrichtung ausgezeichnet. Man könnte meinen, er ruht in sich, hat seinen beruflichen Höhepunkt erreicht.

Doch dieser erste Eindruck bestätigt sich nicht. „Ich habe noch manche Idee im Kopf, es gibt immer noch viel zu tun“, sagt er. Das neuste Projekt: Das Haus St. Josef plant zwei weitere Außengruppen an der entweihten Kirche St. Michael an der Steinstraße. Die ersten Entwürfe liegen bereits in der Schublade. „Der Bedarf ist nach wie vor vorhanden“, berichtet er. 18 zusätzliche Plätze sollen so entstehen.

„Zahlen sind explodiert“

In dem Vierteljahrhundert als Leiter hat er viel zu erzählen, manche sogenannte Krise meistern müssen. Vieles musste schnell passieren. Der schreckliche Tod des zweijährigen Kevin in Bremen löste vor elf Jahren einen Aufschrei in der Republik aus. Sämtliche Abläufe in den Jugendämtern wurden auf den Kopf gestellt, die „frühen Hilfen“ rückten in den Mittelpunkt der Jugendhilfe. Die Konsequenz im Haus St. Josef: „Die Zahlen in der ambulanten Hilfe, aber auch in anderen Bereichen unseres Hauses sind explodiert“, erinnert sich Gerhards. Seitdem sei viel geschehen im Kinder- und Jugendschutz.

Dass die Kinder heute schlimmer seien oder die Eltern zunehmend unfähiger, sieht Gerhards nicht. „Die Herausforderungen heute sind andere als vor 25 Jahren.“ Allerdings macht er den Trend aus, dass verschiedene Probleme oft gemeinsam auftreten. Als Beispiel nennt er die Alleinerziehende, die wirtschaftlich von Armut bedroht ist und deswegen wenig Zeit für ihren Nachwuchs aufbringen kann. „Oft müssen mehrere Jobs her, um den Lebensunterhalt zu bestreiten, dies trifft natürlich die Kinder“, berichtet er.

Manche Schicksale treffen auch den erfahrenen Sozialpädagogen, der vor seinem Studium eine Ausbildung zum Industriekaufmann tätigte. „Die Missbrauchsdiskussion um unsere Einrichtung hat mich sehr belastet“, gesteht er. Zwar datierten die von ehemaligen Heimkindern vorgeworfenen Übergriffe aus den 50er Jahren, aber er habe sich selbst auch in der Verantwortung gesehen, die Dinge aufzuarbeiten. Es kam zu Gesprächen mit den Betroffenen und Vertretern der Pfarre St. Peter und Paul, aber auch des Bistums. Heute, etwa 15 Jahre nach der Prozesswelle, kann Gerhards sagen: „Ich glaube, dass vieles an- und ausgesprochen wurde.“ Ab und zu besuchen die ehemaligen Heimkinder heute die Einrichtung.

Vor wenigen Monaten stellte die Flüchtlingswelle das Haus St. Josef vor große Aufgaben. Mit dem Umzug der Bundespolizei an die Auerbachstraße gingen die Behörden lange davon aus, dass sämtliche minderjährigen Flüchtlinge, die auf der Autobahn ohne Begleitung aufgegriffen wurden, in Eschweiler untergebracht werden mussten. Deswegen wurden schnell die erforderlichen Strukturen geschaffen.

Bekanntlich verzögerte sich der Einzug der Bundespolizei um einige Monate, das Personal war zu diesem Zeitpunkt aber schon im Haus St. Josef aufgestockt worden. Dies führte sogar dazu, dass sich Mitarbeiter nach einiger Zeit wieder verabschiedeten. „Ich hatte Verständnis dafür, weil die eigentliche Aufgabe noch gar nicht vorhanden war“, schildert Gerhards. Inzwischen hat sich die Gesetzeslage geändert. Sämtliche Kommunen müssen nun unbegleitete minderjährige Flüchtlinge aufnehmen, aber die Kompetenzen sind im Haus St. Josef geblieben.

In einer Endlosschleife

Rechnerisch landete die Einrichtung eine „Punktlandung“, wie Gerhards betont. Dies bedeutet, dass man ausreichend Plätze bereithalten konnte. Von den Erfahrungen mit den jungen Menschen hingegen zeigt er sich sehr beeindruckt. „Was sie erlebt haben, beschäftigt sie jeden Tag und lässt sie nicht mehr los“, berichtet er. Die Aufgabe in der therapeutischen und pädagogischen Begleitung besteht dann vorrangig darin, diese Endlosschleife aufzubrechen.

Es gilt natürlich auch, kulturelle Unterschiede herauszuarbeiten und Regeln in Deutschland zu erklären. Gerhards bestätigt, dass dies gelingt: „Die jungen Menschen sind dankbar, eine Chance zu bekommen.“ Umso weniger Verständnis hat er für rechte Parolen und Aufmärsche wie die der Pegida. „Ich frage mich dann, wie kann man so ahnungslos und borniert sein“, sagt er.

Zwei Monate arbeitete er noch mit den Schwestern des Ordens Arme Dienstmägde Jesu Christi zusammen, die das Haus St. Josef bis vor 25 Jahren leiteten und führten. Damals war nicht jede Schwester eine Erzieherin. „Ich glaube, die Schwestern würden sich heute nicht mehr zurecht finden, es ist eine andere Zeit“, meint Gerhards und meint diese Worte nicht abschätzig. Seine Entscheidung vor einem Vierteljahrhundert habe er nie bereut: „Ich bewege mich in einem Umfeld, in dem ich mit jungen Menschen arbeiten und viel bewegen kann.“ Dass ihm der Träger, die Pfarre St. Peter und Paul, den dafür erforderlichen Spielraum lässt, hat er schon mehrfach betont.

Der Blick geht nach vorne. Die zwei neuen Gruppen an der ehemaligen Kirche St. Michael öffnen das nächste Kapitel einer Erfolgsgeschichte des Hauses St. Josef, der Gerhards seinen Stempel aufgedrückt hat.

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