Gerichtsvollzieher Thalheim und seine vielfältigen Aufgaben

Von: Tobias Röber
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Der Kuckuck an der Türe: Mitunter kommt es vor, dass Gerichtsvollzieher das Pfandsiegel anbringen. Foto: imago/imagebroker
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Einer von acht Gerichtsvollziehern: Holger Thalheim. Foto: Tobias Röber

Eschweiler. Auf den ersten Blick klingt die Jobbeschreibung von Holger Thalheim doch recht komfortabel. Er hat viel mit Menschen zu tun und verbringt auch einen recht großen Teil seiner Arbeitszeit mit Außenterminen, also nicht immer nur am Schreibtisch in seinem Büro. Und sein Beruf ist sehr abwechslungsreich. Immer zu beneiden ist er jedoch nicht. Thalheim ist Gerichtsvollzieher. Einer von acht in Eschweiler.

Wenn man sich vor Augen führt, was Thalheim & Co. mitunter vor der Brust haben, wird man als Außenstehender schon gleich weniger neidisch auf den Job. Bis hin zu Kindeswegnahmen kann es gehen. „Das hatte ich aber erst drei oder vier Mal“, sagt Thalheim.

Holger Thalheim und seine Kollegen, die in einem Bürokomplex an der Arndtstraße sitzen, sind ausschließlich für Zwangsvollstreckungen ins bewegliche Vermögen zuständig. Der Gerichtsvollzieher wird tätig aufgrund eines schriftlich oder mündlich erteilten Auftrages des Gläubigers. Es genügt auch die Übergabe des sogenannten Vollstreckungstitels (etwa ein Urteil, ein Vollstreckungsbescheid oder eine notarielle Urkunde) an den Gerichtsvollzieher.

Kurzum: Die primäre Aufgabe des Gerichtsvollziehers besteht in der Durchsetzung von Geldforderungen des Gläubigers gegen den Schuldner. Oder anders ausgedrückt: „Wir sind die einzigen, die zum Bürger hingehen und nach pfändbaren Sachen schauen“, sagt Thalheim. Allerdings gebe es kaum noch Verwertbares. Es sei etwas ganz besonderes, wenn etwa ein Auto gepfändet werde. „Vor 30 Jahren war ein Fernseher etwas anderes als heute“, erklärt Thalheim. Will heißen: Der Bürger hat das Recht, sich über das Weltgeschehen zu informieren. Fernseher und Radio sind unpfändbar.

Und dann sind auch noch die Fragen des Transports zu klären. Die Pfändung eines teuren Schranks etwa wäre finanziell sicher erstmal reizvoll. Nur muss er auch abtransportiert werden, und das kostet eine Menge Geld. Eine Möglichkeit ist die Internetversteigerung, die für Gerichtsvollzieher eingerichtet wurde. Wird etwas gepfändet, kommt zunächst der Kuckuck zum Einsatz. So heißt das Pfandsiegel, das auf Fernseher & Co. angebracht wird und nicht abgenommen werden darf. Doch auch das hat Thalheim erst drei oder vier Mal anbringen müssen.

Meistens wird Thalheim ohne Widerstand in die Wohnungen gelassen, und selten hält er sich länger als fünf Minuten dort auf. Menschenkenntnis und ein Blick, ob es „etwas zu holen“ gibt oder nicht, gehören zum Job dazu. Natürlich muss ein Gerichtsvollzieher zudem fit im Zwangsvollstreckungsrecht sein, das Bürgerliche Gesetzbuch und das Handelsgesetzbuch sowie die Prozessordnung kennen. Solide Kenntnisse in Familienrecht, dem Gewaltschutzgesetz und dem Gerichtsvollzieherkostenrecht sind ebenfalls von Vorteil.

Zurück zur Wohnung: Alles wird dort protokolliert, und schon ist der Besuch vorbei. Manchmal – wenn der Gläubiger es beantragt – sind auch Wohnungsöffnungen nötig. Dann nimmt der Gerichtsvollzieher Zeugen mit.

In den meisten Fällen bewilligen Thalheim und Kollegen Ratenzahlungen. „Manchmal geht es dann zu wie auf einem Basar“, sagt Holger Thalheim und lacht. Bei einem Betrag von 100 Euro etwa gebe es Leute, die fragen, ob sie das in drei Raten zahlen können. „Wir sind aber kein Inkasso-Institut“, sagt Thalheim und erteilt solchen Plänen eine Absage. Dennoch sind Verhandlungen an der Tagesordnung. In vielen Fällen erklärt sich der Gläubiger nach Rücksprache mit dem Gerichtsvollzieher mit den neuen Bedingungen einverstanden. Die haben sich ohnehin jetzt geändert. Das Zeitfenster, in dem die Raten gezahlt werden müssen, ist nicht mehr sechs bis acht Monate, sondern zwölf. Mit Genehmigung des Gläubigers auch etwas länger.

Zu den Aufgaben des Gerichtsvollzieherdienstes gehören auch die Entgegennahme des Vermögensverzeichnisses und die Abnahme der eidesstattlichen Versicherung (früher Offenbarungseid). Auch Wohnungsräumungen und sogenannte Austauschpfändungen gehören mitunter zu den Aufgaben.

Zum 1. Januar hat sich einiges geändert. Der Aufgabenkatalog der Gerichtsvollzieher hat sich zudem erweitert. Für Gläubiger gebe es einige neue Vorteile, sagt Thalheim. Was jetzt zunehmen werde, sei die Zeit, die Gerichtsvollzieher im Büro verbringen müssen. Auf 40 bis 50 Stunden beziffert Thalheim die Wochenarbeitszeit. 1500 bis 1600 Verfahren kommen laut Thalheim pro Gerichtsvollzieher jährlich zusammen.

Auch werde mehr Druck auf die Schuldner ausgeübt. Unter anderem, weil wesentlich mehr in die Schuldnerkartei eingetragen werde.

Natürlich erleben Gerichtsvollzieher dann und wann auch kuriose Situationen. Etwa diese: Holger Thalheim betrat eine Wohnung, sein Blick fiel gleich auf einen riesigen Fernseher. Der Schuldner musste 2000 Euro zahlen. Als Thalheim andeutete, den Fernseher pfänden zu wollen, sagte der Schuldner: „Moment!“. Er verschwand und kehrte nach nur eine Minute mit 2000 Euro wieder.

Über solche Erlebnisse schmunzelt Thalheim. Das gilt natürlich nicht für Kindeswegnahmen. „Das ist eine emotionale Sache“, betont er und ist froh, dass er „erst“ vier Mal dabei sein musste. Eine Kindeswegnahme folgt auf einen Beschluss des Familiengerichts. Der Gerichtsvollzieher geht in diesem Fall nicht alleine, sondern mit einem Vertreter des Jugendamts und der Polizei.

Die Besonderheit: Polizei und Gerichtsvollzieher dürfen das Kind nicht anfassen. Was sich mitunter für emotionale Szenen bei einer Kindeswegnahme abspielen, kann sich wohl jeder denken. Ein Beruf für Zartbesaitete ist der des Gerichtsvollziehers ganz bestimmt nicht.

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