Eschweiler - Gefahren an Bahngleisen: Das Leben ist wichtiger als ein Fußball

Gefahren an Bahngleisen: Das Leben ist wichtiger als ein Fußball

Von: Patrick Nowicki
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Ganz schön schnell und groß, so ein Zug: Bundespolizist Manfred Breuer berichtete Bergrather Grundschülern von den Gefahren an der Bahnstrecke. Foto: Patrick Nowicki

Eschweiler. Kinder in Bergrath leben gefährlich – zumindest wenn sie auf die dumme Idee kommen, ihr Spielfeld unmittelbar an die Bahnstrecke zu legen. Dass an den Schienen lebensgefährliche Gefahren lauern, erläuterte am Donnerstag Bundespolizist Manfred Breuer den Grundschülern der Klasse 3a.

Der 47-Jährige, der ebenfalls in Bergrath wohnt, arbeitet als Kriminalpräventionsbeauftragter in der Bundespolizeiinspektion Aachen. Zu seinen Aufgaben gehört es auch, Schülern zu zeigen, dass eine Mutprobe an den Gleisen verheerende Folgen haben kann.

„Es macht uns Polizisten keinen Spaß, wenn wir zu Einsätzen gerufen werden, bei denen junge Menschen zu Schaden gekommen sind“, machte er direkt zu Beginn klar. Eine Stunde lang besprach er mit den Kindern der Bergrather Grundschule anschaulich, wie man sich an der Bahnstrecke zu verhalten hat, und auch, was alles passieren kann. Unfälle mit Zügen enden nämlich in den seltensten Fällen glimpflich. Fasziniert und aufmerksam hörten die Kleinen zu – bei einem einstündigen Vortrag eines Beamten keine Selbstverständlichkeit.

Der erhobene Zeigefinger wurde zu keiner Zeit in die Höhe gehalten. „Ich möchte euch auffordern, das zu benutzen, was sich zwischen euren Ohren befindet“, sagte er. Wer nämlich die Gefahren kenne und seinen Verstand einsetze, der werde schnell merken, wie „dumm und gefährlich manches Handeln“ sei.

Am besten verstehen Acht- und Neunjährige natürlich wirkliche Fälle: die Geschichte des Jungen Daniel, der einen Stein auf die Schiene legte und von den Splittern am Kopf getroffen wurde, zum Beispiel. „Daniel lernt nun langsam wieder zu sprechen“, berichtete Breuer. Wenn ein Zug über einen Stein rollt, dann zerberstet dieser in viele Kleinteile, die sich zu Geschossen entwickeln können, die bis zu 30 Meter weit fliegen.

An der Bergrather Grundschule kommt es immer wieder zu gefährlichen Situationen. Unmittelbar neben der Hauptstrecke Aachen-Köln befinden sich ein Kleinspielfeld und ein Spielplatz. Die Strecke selbst ist nur von einem Jägerzaun umgeben – für Kinder kein unüberwindbares Hindernis. Immer wieder landet ein Ball auf dem Schienenstrang, die Versuchung, den Ball wiederzuholen, ist dann groß. Lehrer Andreas Dohmen mahnte darum: „Geht nicht auf die Bahnstrecke, denn einen Ball können wir ersetzen – und wie haben viele davon –, euch jedoch nicht.“

Seit dem 1. September dieses Jahres ist Manfred Breuer als Kriminalpräventionsberater im Einsatz, bis zum Jahreswechsel wird er insgesamt 39 Schulen und 115 Klassen auf dem Areal zwischen Mönchengladbach, Euskirchen, der Grenze zu Rheinland-Pfalz und zu den Niederlanden besucht haben. Dabei spricht er nicht nur vor Grundschülern. Vor wenigen Tagen erläuterte er Jugendlichen in Bad Münstereifel die Gefahren an den Gleisen. Der Hintergrund: Sie nutzen die Bahn auch als Transportmittel auf dem Schulweg. Kommt es in der Nähe von Schulen zu Unfällen, dann versucht er, „möglichst ein, zwei Wochen später dort einen Vortrag zu halten“.

Dass Kinder Gefahren oft unterschätzen, liegt in der Natur der Sache. In dem Comic-Film „Ollis Schatten“ werden alle wichtigen Aspekte aufgegriffen. Auch das Risiko, einen tödlichen Stromschlag zu erleiden, wenn man einen Strommast erklimmt. Schon bei einem Abstand von zwei Metern kann sich bei feuchter Witterung ein Spannungsbogen entwickeln – mit tödlichem Ende, denn durch die Oberleitung fließt Strom mit 15000 Volt. „Strom ist wie ein wildes Tier und packt einen, aber man kann Strom weder sehen noch hören“, veranschaulicht Breuer das Risiko. Als Warnhinweis für Hochspannungsstrom gilt ein roter Pfeil.

Grundschülern abstrakte Zahlen näher zu bringen, ist nicht ganz einfach. Wie erklärt man einem Neunjährigen, dass der Bremsweg eines Personenzuges etwa 1000 Meter bei 100 Stundenkilometern beträgt? Breuer bedient sich der Länge von Fußballfeldern – nämlich zehn solcher Felder sind nötig, um einen Kilometer Strecke zu erreichen. Zum Vergleich: Ein Mittelklassewagen benötigt bei gleicher Geschwindigkeit gerade einmal 50 Meter.

„Wenn ein Lokführer jemanden auf dem Gleis erblickt, hat er meistens keine Chance mehr, rechtzeitig zu bremsen“, betont Breuer. Um jemanden mitzureißen, muss dieser noch nicht einmal auf den Gleisen stehen: Die mehrere Hundert Tonnen schweren Züge wirbeln bei schneller dermaßen die Luft auf, dass sich am Rand eine Sogwirkung entwickelt. Breuer spricht von „kleinen Tornados“, die den Zug begleiten.

Nicht alles, was an der Bahnstrecke passiert, muss lebensbedrohlich sein. Graffiti mag manch einer als Kunst betrachten, wenn aber damit Züge besprüht werden, ist das in den Augen des Gesetzes eine Sachbeschädigung. Natürlich auch der Steinwurf, bei dem eine Scheibe des Zuges zu Bruch geht. Neben dem Ärger, der Kindern und Jugendlichen dann droht, gehen solche Vergehen gehörig ins Geld.

Manfred Breuer hat auch für dieses Vergehen ein Beispiel aus der Region bereit: Die Euregiobahn wurde mit Steinen beschmissen, die Frontscheibe ging zu Bruch. „Ein Kind, das diesen Schaden verursacht, kann man zwar nicht zur Kasse bitten – aber deren Eltern“, berichtete Manfred Breuer, „da dürfte dann die Stimmung sehr gut sein, wenn man den Urlaub absagen muss, weil das eigene Kind einen Schaden in Höhe von 3000 Euro verursacht hat.“ Auch bei Graffiti-Werken kenne die Bahn keine Gnade und verlange Schadenersatz.

Natürlich blieben die Kinder nicht nur im Klassenraum, sondern spazierten den kurzen Weg bis zur Bahnstrecke. Dort, wo sich vor Jahren in Bergrath noch ein Bahnübergang befand, ist der Maschendrahtzaun niedergetreten. „Man kann dort sehen, dass dort jemand die dumme Idee hatte, eine Abkürzung über die Schiene zu nehmen – das kann die letzte Idee sein“, sagte Manfred Breuer.

Diese Information wird er an die Deutsche Bahn weitergeben, die die Reparatur des Zauns veranlassen wird. Da auch noch zu diesem Zeitpunkt der Regionalexpress an der Gruppe vorbeirollte, konnten die Kinder Grundschüler selbst feststellen, dass die Züge inzwischen sehr leise fahren und deswegen oft erst gehört werden, wenn es zu spät ist. Breuers Fazit lautete deswegen einfach: „Auf und an Schienen habt ihr nichts zu suchen.“

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