Gedankenanstöße im Rathaus zu Rassismus und Vorurteilen

Von: Patrick Nowicki
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Legte den Finger in Wunden: Der Politik-Professor Christoph Butterwegge sprach im Rathaus über den tagtäglichen Rassismus. Foto: Patrick Nowicki
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Auch Usama Elyas alias Ususmango, der humorvoll zum Nachdenken anregte, kennt alltäglichen Rassismus. Foto: Patrick Nowicki

Eschweiler. Als Nora Hamidi am Montagabend im Ratssaal darüber berichtet, wie sie tagtäglich Rassismus in Eschweiler erfährt, ahnt sie noch nicht, dass sie am nächsten Morgen zu Terroranschlägen in Brüssel Stellung beziehen muss. Die Vorsitzende des Integrationsrates hat wahrlich kein leichtes Amt übernommen.

Die Veranstaltung im Rathaus zu den „Wochen gegen Rassismus“ will Gedankenanstöße geben, zum Nachdenken anregen und auch warnen. Dazu spricht Professor Dr. Christoph Butterwegge von der Universität Köln. Der Politikwissenschaftler beschäftigt sich seit Jahren mit rechtsgerichtetem Gedankengut in Deutschland und sagt: „Der Rassismus ist fest in unserer Gesellschaft verankert.“

Auch in Eschweiler. Zumindest muss man diesen Eindruck bei den Worten von Nora Hamidi gewinnen. Sie habe Benachteiligung auf vielerlei Hinsicht erfahren, schildert sie. Als Frau. Als Muslimin. Als Deutsche mit Vorfahren in Marokko. Immer wieder höre sie die gleichen Sätze: „Als Ausländerin sprichst du aber gut Deutsch.“ Oder: „Wieso trägst du als Muslimin kein Kopftuch?“ Einige Menschen im Publikum nicken schweigend. Auch sie haben dies erfahren. „An den Eingängen der Stadt stehen die Schilder, dass Eschweiler keinen Platz für Rassismus hat, das müssen wir auch leben“, fordert sie.

Genau mit diesen Phänomenen setzt sich Professor Butterwegge in seiner wissenschaftlichen Arbeit auseinander. Vom Einzug der rechtsgerichteten Deutschen Volksunion in ein Landesparlament im Jahr 1987 motiviert, schrieb er mehrere Bücher über Rassismus. Dieser werde inzwischen mit zahlreichen „Kosenamen“ beschrieben: Fremdenfeindlichkeit zum Beispiel. Dabei seien Menschen nicht in Rassen zu unterteilen, schließlich seien sie nicht gezüchtet wie Hunde. Bleibt die Frage, was den Rassismus attraktiv macht? „Er liefert einfache Erklärungen. Das Leben ist aber kompliziert “, sagt Butterwegge.

Dass rechtsgerichtetes Gedankengut wieder salonfähig wird, hat für Butterwegge auch etwas mit Egoismus zu tun: Man wolle anderen Privilegien vorenthalten. Dabei sei das „Kardinalproblem“ in Deutschland nicht die Flüchtlinge. „Die Schere zwischen arm und reich geht immer weiter auseinander“, sagt er. Man habe also kein Außen-Innen-Problem, sondern ein Innen-Problem.

Für den Politikwissenschaftler, der in Köln auch vergleichende Bildungsforschung und Sozialwissenschaften betreibt, könne man dem Rassismus vielfach begegnen. Es gebe Argumentationstraining gegen Stammtischparolen. Nicht hilfreich sei es hingegen, Menschen nach ihrem Wert zu beurteilen. Darin offenbart sich in seinen Augen das Problem: „In einem Sozialstaat muss es gelingen, dass jeder seinen Platz hat, ohne dass man nach seinem Wert für die Wirtschaft fragt.“ Man müsse darum die soziale Frage mit der demokratischen verknüpfen, also die Kluft zwischen arm und reich verringern.

Reichlich Diskussionsstoff liefert Butterwegge, der in den Wortbeiträgen aus dem Publikum viel Zuspruch erfährt und das Forum nutzt, auch für eine Änderung des Wahlrechts und Staatsbürgerschaftsrecht zu werben. „Dass Menschen, die in einer Stadt seit Jahren leben, ein Kommunalparlament nicht mitwählen dürfen, ist an Abstrusität kaum zu überbieten“, meint er und erntet dafür Beifall. Bestimmte Begriffe stießen ihm sauer auf: „Wirtschaftsflüchtlinge – das sind die Schreinemakers und Beckenbauers, die ihr Geld in ein anderes Land bringen, um dort Steuern zu sparen.“

Zurück nach Eschweiler, wo ein junger Mann mit der Gruppe Rebell Comedy auf den Bühnen begeistert, indem er die Finger in Wunden unserer Gesellschaft legt: Usama Elyas alias Ususmango. Der Indestädter gründete die Comedy-Gruppe im Jahr 2005 und zeigt im Ratssaal, warum er mit dem Projekt bundesweit erfolgreich ist. Er berichtet, wie er als einziger immer am Flughafen in eine Einzelkontrolle muss, wie er als Zehnjähriger im Eschweiler Gymnasium den Irak-Krieg erklären soll und wie er erkennt, dass jemand ein „neuer Ausländer“ ist. Das Publikum lacht, die Wirklichkeit kann manchmal sehr amüsant sein. Aber mancher fühlt sich auch ertappt.

Der Rassismus sei fest in unserer Gesellschaft verankert, lautet die These Professor Butterwegges. Am Ende der Veranstaltung weiß man, auch in Eschweiler gilt dies. Die Vorsitzende des Integrationsrates, Nora Hamidi, lieferte bei der Eröffnung der Veranstaltung selbst zahlreiche Beispiele, auch wenn sie am Ende ihrer Worte beschwichtigt: „Entschuldigt, dass ich keine schnuffelige Rede vorbereitet habe, aber was ich sage, ist die Wahrheit.“ Übel genommen hat ihr das im Ratssaal niemand. Im Gegenteil.

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