Eschweiler - Gasanlage am Kraftwerk Weisweiler geht wieder ans Netz

Gasanlage am Kraftwerk Weisweiler geht wieder ans Netz

Von: Patrick Nowicki
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Blick in die Herzkammer der Vorschaltgasturbine. Foto: Patrick Nowicki
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Von außen ist sie kaum zu erkennen – sie verbirgt sich in dem grauen Gebäude rechts. Foto: Patrick Nowicki
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Der mittlere Monitor im Leitstand zeigt die Daten der Anlage im Kraftwerk Weisweiler. Foto: Patrick Nowicki

Eschweiler. Vier Jahre lagen sie im Dornröschenschlaf, galten als Verkaufsobjekt, jetzt wurden sie wachgeküsst und sollen ein Zeichen für die Zukunft setzen: die beiden Vorschaltgasturbinen (VGT) im Kraftwerk Weisweiler. In dieser Woche werden sie voraussichtlich wieder ans Netz gehen.

Die Wetterprognosen sagen zum Wochenende wenig Sonne und wenig Wind voraus. Dieses Szenario lässt den Strom auf dem Großhandelsmarkt knapper werden und damit die Preise steigen, weil Solarpaneelen und Windparks keine Energie liefern können.

Trend in vergangenen Monaten

Dass die beiden Anlagen wieder in Betrieb genommen werden, wurde im März entschieden, nachdem an einem besonders kalten und dunklen Tag im Januar der Strom denkbar rar geworden war. Plötzlich war auch die Energiegewinnung aus Gas für die Stromkonzerne wieder attraktiv. Dieser Trend hat sich in den vergangenen Monaten bestätigt.

Seit März wurden die Mitarbeiter im Kraftwerk erneut geschult, um die VGT im Fall der Fälle schnell anzuschalten. Stellt man in Essen die Ampel auf Grün, bleiben in Weisweiler drei Tage Zeit, bis die Turbinen jeweils 188,7 Megawatt Strom produzieren müssen. „Da muss jeder Handgriff sitzen und alles 100-prozentig laufen“, sagt Kraftwerksleiter Guido Schöddert. Am 8. November konnte er sich auf seine Kraftwerksmannschaft verlassen, denn schon nach zwei Tagen war der Einsatz der VGT möglich.

Im sogenannten „Trading Floor“ in Essen kümmern sich RWE-Spezialisten darum, welche Kraftwerke wie viel Strom liefern sollen. Dort sitzen auch Meteorologen an den zahlreichen Monitoren, deren Aufgabe darin besteht, vorherzusagen, wie viel Wind und Sonne in den nächsten Tagen zu erwarten sind.

Dies entscheidet nämlich, wieviel Strom aus dem konventionellen Kraftwerkspark benötigt wird, um den Energiedurst zu stillen. Die Energieproduzenten, die Strom auf dem Großmarkt anbieten, reiben sich dann die Hände. Die Preise schießen in die Höhe. Dies zeichnet sich auch in dieser Woche ab. In der Spitze werden sogar dreistellige Eurosummen für die Megawattstunde gezahlt.

Am beschriebenen 8. November lieferten die Windräder und Photovoltaikanlagen in Deutschland knapp unter zwei Gigawatt. Benötigt wurden in der Spitze allerdings 70 Gigawatt. „Liefern die Braunkohle-Kraftwerke dann keinen Strom, gehen die Lichter aus“, betont Schöddert.

Bei „Dunkelflauten“ sind inzwischen wieder die Gasturbinen in Weisweiler gefragt. Solche Phasen sind vor allem in der kalten Jahreszeit, bevorzugt im Januar und Februar zu erwarten. Der gesamtdeutsche Strombedarf erreicht dann seine Spitze, nämlich zwischen 80 und 84 Gigawatt.

Auch in dieser Zeit kann es zu dem Phänomen kommen, dass zwar starke Windböen durchs Land fegen, aber die Windenergieanlagen still stehen. Die Windgeschwindigkeit wird von Sensoren auf jeder Anlage gemessen. Ab einer Windstärke von etwa 90 Stundenkilometern drehen sich die Rotorblätter automatisch in die sogenannte Fahnenstellung und verharren darin.

Gas statt Kohle

In Eschweiler sieht man in der energiepolitischen Entwicklung eine Chance. Es wird offen darüber gesprochen, dass Weisweiler weiterhin Kraftwerksstandort bleiben könne. Die Rechnung lautet: Wenn nach der Atomkraft auch die Kohle zur Stromproduktion ausfällt, bleibt von den regelbaren und konventionellen Energieträgern nur noch Gas übrig. Kraftwerksleiter Guido Schöddert ist weniger forsch als in diesen Tagen zum Beispiel die Eschweiler SPD, die sich für den Kraftwerksstandort Weisweiler einsetzen wolle, sagt jedoch: „Dies ist für uns eine strategische Option.“

Entlang der Autobahn 4 laufen zwei große Gas-Trassen, die RWE auch für die Vorschaltgasturbinen anzapft. Schöddert ist zudem davon überzeugt, dass konventionelle Stromerzeugung aus physikalischen Gründen noch sehr lange erforderlich sei, um die Stromnetze stabil zu halten und Netzschwankungen auszugleichen. Ein weiteres Plus in Weisweiler für den Energiekonzern RWE: Neue Industrieflächen dürften nur mit einem langen Genehmigungsprozess zu schaffen sein.

Weise Entscheidung

Im Moment ist dies noch Zukunftsmusik. Da die Vorschaltgas­turbinen an den Braunkohleblöcken Heinrich und Gustav in Weisweiler gekoppelt sind, ist der Start aufwändiger und damit auch teurer. „Deswegen gab die Marktsituation auch viele Jahre lang nicht her, sie in Betrieb zu nehmen“, schildert Schöddert. Zwischenzeitlich sei immer wieder darüber diskutiert worden, die Anlagen abzubauen und woanders wieder zu errichten. „Am Ende kamen wir zu dem Schluss, dass sich dies nicht rechnet“, sagt Schöddert. Aus heutiger Sicht eine weise Entscheidung.

Zwar waren die beiden Anlagen an der Ostseite des Kraftwerkblocks vier Jahre außer Betrieb, aber gewartet und kontrolliert werden mussten sie dennoch regelmäßig. Dies sei im normalen Betrieb vom Personal in den Schichten übernommen worden, teilt Schöddert mit.

Das Material reagiert mit der Luft, kommt Feuchtigkeit hinzu, rosten die Metallbestandteile der Turbine sowie die Rohre schnell. Bei der Gasanlage in Weisweiler setzten die RWE-Mitarbeiter auf Lufttrocknung. Am Standort Frimmersdorf, wo zwei Braunkohleblöcke eingemottet wurden, um sie bei Bedarf anschalten zu können, werden auch chemische Hilfsmittel wie Stickstoff eingesetzt, um Korrosion zu vermeiden.

Am Montag ging die Vorschaltgasturbine in einen weiteren Testlauf. Man wolle den Anfahrprozess und den Betrieb optimieren, hieß es. Im Leitstand blickt man dann besonders auf die Monitore, die die Zahlen der Vorschaltgasturbine zeigen. Heute oder morgen wird es wieder ernst. Dann sollen die beiden Gasturbinen wieder Strom ins Netz speisen.

Die Geschichte der Anlage von der Planung bis zum Neustart

Im Jahr 2003 begannen die konkreten Pläne, die neue Anlage mit den beiden Vorschaltgasturbinen (VGT) an den 600-Megawatt-Blöcken G und H zu bauen.

Am 2. Februar 2005 erfolgte der Baustart, nachdem das Genehmigungsverfahren zügig über die Bühne gegangen war. Im März des Jahres 2006 wurde die erste Gasturbine gezündet, die zweite folgte schließlich im September. Vollständig ans Netz gingen die beiden Turbinen am 18. Dezember des gleichen Jahres. Baukosten: 150 Millionen Euro.

Im Jahr 2013 gingen sie zunächst vom Netz. Fast vier Jahre lang wurden sie nicht genutzt, weil ein Großhandelspreis von geschätzten 60 Euro pro Megawattstunde Strom erzielt werden müssten, die VGT wirtschaftlich zu betreiben. Der Preis sank zwischenzeitlich sogar deutlich unter 30 Euro im Schnitt, steigt jedoch inzwischen deutlich.

Dies führte dazu, dass im vergangenen Frühjahr entschieden wurde, die VGT wieder startklar zu machen. Trotz der langen Pause kamen einige Betriebsstunden (Bh) zusammen: Die VGT G drehte sich 13.900 Bh und ihr Pendant von Block H insgesamt 12.200 Bh.

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