Ganztagsschule lässt keine Zeit für Fußballvereine

Von: Patrick Nowicki und Tyrone Schwark
Letzte Aktualisierung:
Jugendfußballmannschaften Kreis Aachen
Die Entwicklung der Mitglieder von Jugendfußballmannschaften im Kreis Aachen von 2005 bis 2016. Grafik: ZVA/Thomas Heinen, Foto: Colourbox, Quelle: Fußballverein Mittelrhein
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Steht den Vereinen mit seinem Team auch für Beratungen zur Verfügung: Detlef Knehaus, Vorsitzender des Kreisjugendausschusses. Foto: T. Schwark

Eschweiler. Die 45. Minute im Spiel gegen den FC Roetgen II wird Kevin-Marius Gulba nicht so schnell vergessen. In dieser Minute verwandelte er einen Elfmeter und sicherte seinem SV St. Jöris damit den vielumjubelten Aufstieg in die Kreisliga A. Wenig Anlass zum Feiern gibt jedoch der Blick auf die Jugendabteilung des Vereins – diese besteht nämlich nicht.

In St. Jöris besteht schon seit Jahren das Problem, Nachwuchsmannschaften zu finden. Dies führte in der Vergangenheit auch dazu, mit dem Lokalrivalen, dem SF Hehlrath, zu kooperieren. Doch auch dies gehört der Vergangenarbeit an.

Sinkende Zahlen

Eine Bestandserhebung des Fußballverbands Mittelrhein (FVM) zeigt eine Entwicklung, die auch die Eschweiler Vereine vor eine schwierige Aufgabe stellt. Laut dieser FVM-Statistik gehen die Zahlen der aktiven Jugendmannschaften drastisch zurück. Waren vor zehn Jahren noch 840 Jugendteams im Fußballkreis Aachen gemeldet, gab es 2016 nur noch 655 Mannschaften.

Das macht ein Minus von 185 Teams. Damit fällt immer mehr Vereinen das Grundgerüst einer zukunftsorientierten Ausrichtung weg. Für viele von ihnen gibt es dann nur noch eine Lösung: eine Kooperation, Spielgemeinschaft oder gar Fusion mit einem anderen Verein.

Diesen Weg hat man in Eschweilers Süden beschritten: Der aus dem Zusammenschluss von FC Preußen Hastenrath und SV Nothberg entstandene SC Berger Preuß verfügt inzwischen über eine große Jugendabteilung. Elf Mannschaften gehen dort in allen Nachwuchskategorien auf Punkte- und Torejagd. Diese Zahl wird vom SV Falke Bergrath noch übertroffen.

Dort vertreten sogar 16 Jugendmannschaften die Vereinsfarben. Was beide Clubs verbindet: Beide verfügen über einen Kunstrasenplatz. Dies will Michel Henke, Jugendleiter des SV Falke Bergrath, allerdings nicht als Grund gelten lassen: „Es war früher sicherlich so, dass Eltern ihre Kinder bei uns anmeldeten, damit sie nicht auf einem Ascheplatz spielen mussten, dies ist allerdings heute nicht mehr so.“

Mit etwa 300 Kindern und Jugendlichen zählt die Jugendabteilung des SV zu den mitgliedsstärksten in Eschweiler. Dennoch spürt auch Henke, dass Jungs nicht mehr zwangsläufig zum Hobbyfußballer werden. „Wir haben das Glück, dass diese Lücke in den unteren Jahrgängen von Mädchen geschlossen wird“, berichtet er. Dies führt dazu, dass die Falken in älteren Jahrgängen reine Mädchenmannschaften ins Rennen schicken können.

Ältere Jahrgänge fehlen

Vor allem A- und B-Jugendmannschaften sind in Eschweiler rar. Der Jugendleiter des FC Germania Dürwiß, Frank Dickmeis, macht auch die Ganztagsschulen für diesen Trend verantwortlich. „Viele Jugendliche müssen heute bis 16 Uhr in der Schule bleiben und haben danach einfach keine Zeit und Lust mehr, zum Sportplatz zu gehen“, meint er.

Zwar werde Vereinen immer wieder geraten, auf die Schulen zuzugehen und zu kooperieren, aber dies sei in den Augen von Dickmeis schwer umzusetzen. „Welcher ehrenamtliche Fußballtrainer hat denn die Möglichkeit, nachmittags vor 16 Uhr einen Kurs in einer Schule zu leiten?“ fragt er.

Die Germania, vor wenigen Jahren noch federführend im Jugendfußball, spürt wie alle anderen den Schwund an Nachwuchskickern. Außer Bergrath und der SV Berger Preuß gelingt es keinem Verein mehr, alle Jahrgangsmannschaften zu besetzen. In Dürwiß mangelt es an A-Jugendlichen, der SCB Laurenzberg schickte in dieser Saison keine B-Jugend ins Meisterschaftsrennen.

Schlusslichter sind neben dem SV St. Jöris die ESG mit zwei Jugendmannschaften und Fortuna Weisweiler mit einem Nachwuchsteam. Dieser Trend lässt sich auch an den Jugendfußball-Stadtmeisterschaften ablesen: Nahmen an dem Wettbewerb im Jahr 2012, bei dem neun Titel vergeben wurden, noch 52 Teams teil, so waren es im vergangenen Sommer nur noch 38 Teams aus sieben Vereinen.

Beim Kreisjugendausschuss des Fußballkreises Aachen verfällt man trotz der fallenden Zahlen nicht in Panik. „Schließlich kann man auch erkennen, dass sich die Anzahl der Teams in den letzten drei Jahren stabilisiert hat“, so dessen Vorsitzender Detlef Knehaus. Außerdem seien gerade die Meldungen im Bambini-Bereich ein ungewisser Parameter, da dort zwar viele Teams Freundschaftsspiele organisieren, sich aber nicht für den Spielbetrieb anmelden.

„Ich würde sagen, das sind so 30 bis 40 Mannschaften“, sagt Knehaus. „Das soll aber nicht heißen, dass kein Abwärtstrend zu erkennen wäre.“ Ein Hauptgrund dafür seien fehlende qualifizierte Trainer, die im Jugendbereich benötigt werden. Aber das sei ein gesellschaftliches Problem. „Es wird immer schwieriger, Personen für ein Ehrenamt zu überzeugen“, so Knehaus.

Den Schritt, eine Spielgemeinschaft zu gründen, findet er sinnvoll. Es sei gut, zu sehen, dass Vereine dann doch vernünftig seien. Oft scheitere so etwas nämlich an den Erwachsenen. „Die Kinder wollen doch nur Fußball spielen“, sagt er. Knehaus und sein Team stehen auch für Beratungstermine zur Verfügung, falls es Probleme mit der Rechtsgebung oder Durchführung von Spielgemeinschaften gibt. „Aber wir würden nie aktiv auf einen Verein zugehen“, sagt Knehaus, „das steht nicht in unserem Ermessen.“

Außerdem versucht der Jugendausschuss immer wieder Konzepte in den Spielbetrieb einfließen zu lassen, die noch mehr potenzielle Jugendspieler ansprechen sollen. Die eingeführte Fair-Play-Liga sei dabei bereits schon ein Selbstläufer geworden. Bei den Spielefesten wünscht er sich allerdings noch, dass die Vereine sie besser annehmen würden.

In einem Punkt widersprechen die Eschweiler Verantwortlichen für den Jugendfußball Knehaus: Trainer und Betreuer zu finden, sei nicht das Problem, meint Germania-Jugendleiter Frank Dickmeis, „es findet sich immer ein Vater, der helfen möchte.“

In die gleiche Kerbe schlägt auch sein Bergrather Pendant Michel Henke: „Bei uns haben viele Ehrenamtler auch an der Ausbildung zur C-Trainer-Lizenz teilgenommen.“ Der Unterricht fand an Samstagen und zweimal in der Woche statt. Am Ende stand eine Prüfung. Über 16 Jugendtrainer in Bergrath besitzen nun die C-Lizenz. „Dies hebt das Trainingsniveau und zeigt, dass es noch viele engagierte Menschen für den Fußball gibt“, sagt Henke.

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