Ganztagsbetreuung auf wackligen Beinen

Von: Patrick Nowicki
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Gut gelaunt und voller Tatendrang: die Vertreter der OGS-Träger in Eschweiler, (v.l.) Nathalie Schneider, Simone Siemons, Bruno Barth, Mariethres Kaleß und Anne Weiser inmitten einiger Kinder. Foto: Patrick Nowicki

Eschweiler. Nach der Grundschule direkt nach Hause, wo bereits Mutter und Mittagessen warten – ein Bild aus der Vergangenheit. Die aktuelle Wirklichkeit sieht anders aus: Viele Eltern müssen als Doppelverdiener für das Einkommen sorgen, viele Alleinerziehende arbeiten bei Schulschluss des Kindes noch außerhalb.

Die Form der Offene Ganztagsschule (OGS), vor 14 Jahren an der Eduard-Mörike-Schule in Eschweiler gestartet, gibt Erziehungsberechtigten die Sicherheit, dass sich auch nach dem letzten Gong qualifizierte Menschen um die Sprösslinge kümmern. Das Angebot kostet natürlich Personal und Geld. Jetzt schlagen die Träger Alarm. Sie fordern, dass die OGS finanziell und pädagogisch auf sichere Beine gestellt wird.

Bisher richten sich die Ausstattung und das Angebot an der OGS nach dem Geldbeutel der jeweiligen Kommune. Gesetzlich vorgegebene Standards bestehen nicht, es werde nur mit ministerialen Erlassen in Düsseldorf gearbeitet, lautet der Vorwurf der Träger. „Dies kann dazu führen, dass die Qualität der OGS von Ort zu Ort unterschiedlich ist“, berichtet der Vorsitzende des Vereins Betreute Schulen Aachen-Land, Bruno Barth, der in Eschweiler für vier OGS-Standorte verantwortlich zeichnet.

Auch finanziell drückt der Schuh. Vor 14 Jahren übernahm der Kinderschutzbund Eschweiler die Trägerschaft der OGS an der Eduard-Mörike-Schule. Inzwischen ist er an fünf Standorten in Eschweiler aktiv. Immer noch steht und fällt das Angebot mit Spenden. Laut Vorsitzende Mariethres Kaleß werden jährlich mehrere Tausend Euro benötigt, um die Nebenkosten und das erforderliche Personal zu bezahlen. Dieses erhält ohnehin oft weniger, als tariflich angegeben. Die Folge: „Wir haben es der Verbundenheit und dem Engagement unserer Leute zu verdanken, dass noch alles funktioniert, aber dieser Zustand ist dauerhaft nicht mehr zu halten“, sagt Kaleß.

Der tagtägliche und über Jahren gewachsene Druck in den OGS entlädt sich nun in der Initiative „Gute OGS darf kein Zufall sein“. Der Landesverband der Freien Wohlfahrtspflege NRW geht von jährlichen Kosten in Höhe von 79.274 Euro pro Gruppe oder 3171 Euro pro Kind aus. Aktuell würden 1429 Euro pro Kind pauschal vom Land gezahlt. Demnach fehlen 43.549 Euro jährlich. Mit dem 1. August greift eine Erhöhung des Zuschusses um drei Prozent auf 1472 Euro pro Kind. Die Lücke zwischen Forderung der Initiative und der Bezahlung des Landes bleibt groß.

Die Stadt Eschweiler beteiligt sich mit 150.000 Euro pro Jahr an den Kosten der Vormittagsbetreuung an den Grundschulen. Bis zum Jahr 2015 galt dieser Zuschuss als sogenannte freiwillige Leistung und musste Jahr für Jahr von der Aufsichtsbehörde genehmigt werden. Für die Träger ist klar: Ziehen sie sich aus der Betreuung zurück, wird es teuer für die Stadt. „Dies ist allerdings nicht unser Wunsch“, stellt Mariethres Kaleß klar. Ohnehin zielt die Initiative vorrangig auf die Landesregierung. „Schule ist schließlich Ländersache“, meint Barth, der selbst seit vielen Jahren kommunalpolitisch tätig ist. Deswegen wird der Protest auch landesweit betrieben.

Unter pädagogischen Gesichtspunkten liegt in den Augen der Träger einiges im Argen. „Wir betreuen nicht nur, sondern haben auch einen Bildungsauftrag“, betont Nathalie Schneider, Fachberaterin des Vereins Betreute Schulen. Dieser Auftrag schließe auch die Elternarbeit mit ein. Im Erlass heißt es: „Ziel ist der Ausbau zu einem attraktiven, qualitativ hochwertigen und umfassenden örtlichen Bildungs-, Erziehungs- und Betreuungsangebot, das sich an dem jeweiligen Bedarf der Kinder und Jugendlichen sowie der Eltern orientiert.“ Umsetzbar sind die Forderungen jedoch nur bedingt. Die Eschweiler Träger berichten von bis zu 30 Kindern in einer Gruppe, betreut von zwei Personen. Bei der Verteilung des Essens werde pädagogisches Personal eingebunden, Zeit für Nach- und Vorbereitung bleibe kaum, schildern sie.

Der Kinderschutzbund betreut an seinen fünf Standorten allein 425 Kinder, mit dem neuen Schuljahr werden es 440 sein. Hinzu kommen 120 Teilnehmer an den „Kids-Klubs“, die eine geregelte Vormittagsbetreuung sichern. Nicht alle Kinder ergattern einen Platz. „Wir haben inzwischen an drei Schulen Wartelisten“, sagt Mariethres Kaleß. Nach bestimmten sozialen Gesichtspunkten wird ausgewählt, wer die OGS an der Schule besuchen kann. Mit einem Vorurteil räumt Kaleß auf: „Die Eltern sind nicht zu faul, sondern es entsteht zunehmend die Notwendigkeit zu arbeiten.“

Was genau sich die Erziehungsberechtigten in Eschweiler von der Offenen Ganztagsschule wünschen, wird aktuell in einem Fragebogen ermittelt. Die Ergebnisse der Umfrage sollen an die Stadt und das Land weitergeleitet werden. Warum das Land bisher die OGS-Betreuung nicht per Gesetz regelt? „Dann wäre auch klar, wer für die Finanzierung aufzukommen hat“, meint Barth. Dies würde für das Land bedeuten, dass die in diesem Haushalt vorgesehenen 454 Millionen Euro für sämtliche Offenen Ganztagsschulen einschließlich der Betreuungspauschalen bei weitem nicht mehr genügen.

In Eschweiler zahlen Erziehungsberechtigte, nach Einkommen gestaffelt, bis zu 160 Euro pro Monat für einen Platz in einer OGS. Besuchen mehrere Kinder eine OGS, dann kostet jedes weitere die Hälfte. Laut Träger reichen auch die Zuschüsse von Stadt und Land in Kombination mit dem Elternbeitrag nicht aus, die Kosten dauerhaft zu decken. Vielfach sind es der ehrenamtliche Überbau und geringere Löhne, die die Kosten senken. Laut Kaleß sind beide Aspekte ausgereizt: „Es ist offensichtlich, dass wir das Angebot als Kinderschutzbund nicht mehr stemmen können, wenn alles so weiterläuft.“ Die Hoffnungen ruhen nun auf dem Land NRW.

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