Für die Flüchtlinge ist kaum noch Platz

Von: Patrick Nowicki und Tobias Röber
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Eschweiler. Das sichtbare Gepäck bleibt überschaubar, aber innerlich haben sie eine schwere Last zu tragen: Derzeit kommen immer mehr Menschen nach Eschweiler, die ihre ferne Heimat Hals über Kopf verlassen haben, um in Deutschland ein neues Glück zu finden.

In diesem Jahr erreichten bereits 403 Flüchtlinge die Inde­stadt, 27 davon illegal. Im Vorjahr zählte die Stadt bis Mitte September 269 Menschen.

Diese Entwicklung stellt die Verwaltung vor eine Herkulesaufgabe. Von den bis Jahresende prognostizierten Kosten in Höhe von etwa 1,7 Millionen Euro muss der Großteil von der Kommune bezahlt werden. Das Land beteiligt sich lediglich mit 278.356 Euro plus einer einmaligen Pauschale in Höhe von 62.327 Euro. „Es gibt keine Möglichkeit, die Kosten zu verringern“, sagt Kämmerer Stefan Kaever.

Die finanzielle Belastung der Stadt ist die eine Seite der Medaille, die personelle die andere: Die Menschen, die in ihrer Not nach Eschweiler flüchten, benötigen vielfältige Hilfe. Damit sie sich besser zurecht finden, schaltet sich auch der Integrationsrat ein. Allerdings sind dessen Möglichkeiten ebenso begrenzt, wie die der Verwaltung. Zwar werden einige Schritte im Rathaus eingeleitet und vor allem die finanziellen Dinge geklärt, aber eine darüber hinaus gehende Betreuung findet nicht statt. „Natürlich würde man sich das wünschen, ich bin schließlich Sozialarbeiterin, aber es ist einfach nicht möglich“, sagt Demet Jawher vom Eschweiler Sozialamt. Ihre traumatischen Erlebnisse müssen die Menschen also selbst aufarbeiten. Oft helfen die Hausmeister in den städtischen Einrichtungen.

Eine Aufstockung des Personals im Sozialamt ist nicht vorgesehen. Dies bestätigt Kämmerer Stefan Kaever. Er glaubt ohnehin daran, dass die Zahl der Asylbewerber wieder sinken wird und erinnert in diesem Zusammenhang auch an die Zeiten des Balkankrieges: „Mitte der 90er Jahre kamen auch viele Flüchtlinge aus diesen Ländern zu uns. Aber diese Zahl ebbte auch schnell wieder ab.“

Die landläufigen Klischees, die manche mit Flüchtlingen und Asylbewerbern verbinden, kann man in der Stadtverwaltung nicht bestätigen. Marianne Bohlig, die ebenfalls Ansprechpartnerin für Asylbewerber im Rathaus ist, kennt einige Betroffene, die „sich sogar schämen, Geld anzunehmen“. Viele wollen arbeiten. Dies ist aber für Asylbewerber ausdrücklich untersagt. Der Bildungsstand vieler Menschen, die nach Eschweiler kommen, sei zudem hoch. „Sie suchen hier eine neue Heimat und sehnen sich nach einem Zuhause“, berichtet Demet Jawher. Schwarze Schafe gebe es natürlich auch unter den Asylbewerbern. Diese seien jedoch deutlich in der Minderheit.

Die aktuell hohe Zahl der Menschen, die nach Eschweiler kommen, führt auch zu Raumproblemen. Alleinstehende Männer werden in den Unterkünften an der Grachtstraße untergebracht. Für Familien sucht die Stadt geeignete Wohnungen auf dem freien Markt. „Dies sind ganz normale Familien, deswegen würden wir uns auch über Wohnungsangebote freuen“, sagt Kaever. Allerdings schränkt er ein: Ankäufe von Immobilien seien nicht geplant.

Auch die Pläne für die Häuser an der Grachtstraße sollen nach heutigem Stand nicht überarbeitet werden. Derzeit wird geprüft, ob die Gebäude saniert oder ersetzt werden müssen. Eine Kostenkalkulation soll den Parteien in naher Zukunft vorgelegt werden. Neben der Grachtstraße besitzt die Stadt noch Unterkünfte an der Hütten- und Severinstraße.

Kämmerer Stefan Kaever warnt vor falschen Diskussionen: „Bei allem Geld, das wir aufbringen müssen, dürfen wir nicht vergessen, dass diese Menschen nicht freiwillig zu uns kommen, sondern unsere Hilfe benötigen.“ Wer lasse schließlich einfach so alles hinter sich, um in einem neuen Land sein Glück zu versuchen? Dennoch hofft er, dass die Kommunen entlastet werden. Denn nicht nur die Regelleistungen schlagen sich deutlich im Stadtetat nieder, die Krankheitskosten der Menschen müssen ebenfalls von der Stadt übernommen werden. Dies kann in die Tausende gehen. Einen aktuellen Fall kennen die Verwaltungsmitarbeiter in Eschweiler: Während ihrer Flucht nach Deutschland erlitt eine Frau einen Schlaganfall. Die Nachbehandlung kostete die Stadt bis heute 9000 Euro.

Eschweiler schließt sich darum den Forderungen des Städte- und Gemeindebundes Nordrhein-Westfalen an. Der Verband hat sich mit einem Fünf-Punkte-Sofortprogramm an die Landesregierung gewandt. Er fordert die Anpassung der Landespauschalen und der Landeserstattung, eine eigenständige Kostenerstattung für Einzelfälle hoher Krankheitskosten, eine längere Verweildauer in Landeseinrichtungen und ein Finanzierungsprogramm für neue Asylbewerberunterkünfte in den Kommunen. Letztere Forderungen könnte bei den Plänen für die Gebäude an der Grachtstraße eine Rolle spielen.

Eine Entlastung für Eschweiler zeichnet sich ab: Die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge, für die die Stadt Eschweiler zuständig ist, wenn die Bundespolizei ins Gebäude an der Rue de Wattrelos zieht, sollen bei der Zahl der aufzunehmenden Asylbewerber angerechnet werden. Das Gesetz ist in der Mache.

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