Führerschein mit Handicap? Kein Problem!

Von: Tobias Röber
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Noch anschnallen, dann kann es losgehen: Christian Schmitt ist querschnittsgelähmt und macht derzeit seinen Führerschein bei Cornelia Schiefer. Foto: Tobias Röber

Eschweiler. „Soll ich dich schieben?“, fragt Cornelia Schiefer. Der Blick von Christian Schmitt spricht Bände. Die Antwort „Nee“ hätte er nicht mehr gebraucht. Christian Schmitt ist 20 Jahre alt und steckt gerade mitten in den Vorbereitungen zu seiner Führerscheinprüfung. Das ist für einen jungen Mann in seinem Alter soweit nicht ungewöhnlich. Oder doch? Christian Schmitt ist querschnittsgelähmt.

Und da ist der Führerscheinerwerb nicht ganz so einfach wie bei einem Fußgänger. Bloß einsteigen und losfahren ist nun mal nicht so einfach wie es sich viele vielleicht vorstellen.

Mitte April will Schmitt fertig sein. „Wenn alles gut geht“, sagt er und lächelt. Wie so ziemlich jeder Mann in seinem Alter beschäftigte sich auch Christian Schmitt mit der Frage: „Wo erwerbe ich meinen Führerschein?“ Also suchte er sich einfach eine Fahrschule aus und rief an. Er erklärte, dass er querschnittsgelähmt sei und fragte nach den Kosten. Nach der folgenden Auskunft, war er zunächst ein wenig sprachlos. 10.000 Euro sollte der Führerschein kosten. In Worten: Zehntausend.

Nicht entmutigen lassen

Christian Schmitt ließ sich jedoch nicht entmutigen und suchte weiter. In Eschweiler wurde er schließlich fündig – in der Fahrschule von Cornelia Schiefer. Wie teuer der Führerschein ihn dort zu stehen kommt, soll lieber nicht verraten werden. Aber sagen wir es so: Es geht deutlich günstiger.

Cornelia Schiefer ist familiär „vorbelastet“. Ihre Eltern hatten früher eine Fahrschule, die sich intensiv um Analphabeten kümmerte. Cornelia Schiefer ist bereits seit zehn Jahren Fahrlehrerin. Vor einigen Jahren hatte sie einen schweren Skiunfall. Sie saß wochenlang im Rollstuhl und war in vielen Situationen auf fremde Hilfe angewiesen. Als sie frisch operiert worden war, flog sie durch einen Bus, weil sie sich nicht auf den Beinen halten konnte. „Da macht man sich schon Gedanken“, sagt sie heute.

Als dann ein Kollege fragte, ob sie eine Fahrschule kaufen wolle, war sie zunächst skeptisch, schlug dann aber zu.

„Mut zur Mobilität“

Zur Freude unter anderem von Christian Schmitt. „Mut zur Mobilität – Autofahren sollte nicht an einer Behinderung scheitern“, steht am Fenster neben Cornelia Schiefers Fahrschule. Es gehört einem Autobauer, mit dem die Fahrlehrerin eng zusammenarbeitet, der sich auf die Umrüstung von Wagen für die Bedürfnisse von Menschen mit einem Handicap spezialisiert hat. Mit jedem Fahrschüler steht zunächst eine Fahrt dorthin an.

Denn jedes Handicap erfordert bestimmte Anforderungen an den Fahrschulwagen. So wie übrigens auch die Fahrschule an sich. Als Cornelia Schiefer sie kaufte, mussten die Räume zunächst umgebaut werden. Etwa, damit ein Rollstuhlfahrer auch die Toilette benutzen kann. Aber zurück zum Auto. Nicht nur Rollstuhlfahrer besuchen die Fahrschule. Auch Kleinwüchsige zum Beispiel. Und die können – wie man sich unschwer vorstellen kann – mit den Füßen nicht an die Pedale. Also muss eine Vorrichtung her, um genau das zu ermöglichen.

Auch Menschen mit Lernschwäche werden betreut, ebenso wie Autofahrer, die auf Grund eines Erlebnisses (zum Beispiel ein Unfall) sich nicht mehr ans Steuer trauen. Drei Gehörlose besuchen die Fahrschule derzeit ebenfalls. Cornelia Schiefer lernt aus diesem Grund Gebärdensprache. Sie besucht weitere Seminare zu den Krankheitsbildern, die ihre Fahrschüler haben, und sie nimmt auch selbst immer wieder Fahrstunden.

Klar ist natürlich: Nicht jeder Mensch kann den Führerschein erwerben. Wenn der Arzt sein Okay nicht gibt, dann geht es eben nicht.

Eines sagt Cornelia Schiefer über alle: „Es ist mutig, mit einem Handicap in die Fahrschule zu gehen. Es war unser Ziel, dass sich hier jeder wohlfühlt.“ Mit „wir“ meint die Fahrlehrerin noch Shirin Abbassi, die sie während ihres Studiums kennenlernte, die Cornelia Schiefer bei der Konzeptionierung der Fahrschule unterstützte und auch jetzt noch dort arbeitet. Cornelia Schiefers Vater arbeitet als Fahrlehrer mit.

Christian Schmitt fühlt sich in der integrativen Gruppe gut aufgehoben. „Es ist gut, dass ich die Möglichkeit habe, hier meinen Führerschein zu machen“, sagt er. In seinem Fall mussten natürlich bestimmte Bedienelemente in das Auto eingebaut werden. Ein sogenanntes mechanisches Handbediengerät ersetzt die Pedale. Zusätzlich gibt es einen Multifunktionslenkradhanddrehknauf mit Sekundärfunktion. Nur, um es mal gelesen zu haben. Diese Vorrichtungen ersetzen bei Christian Schmitt die Pedale. Mit der rechten Hand gibt er Gas und bremst, die linke Hand ist für die anderen Funktionen zuständig. Die Sekundärfunktion ist deswegen notwendig, weil in einem herkömmlichen Wagen mit der Hand „nur“ Blinker und Scheibenwischer betätigt werden. Christian Schmitt muss eben alles von Hand steuern.

Eines stellt die Fahlehrerin gleich klar: „Hier wird niemand in Watte gepackt!“ Will heißen: Für Menschen mit Handicap gelten selbstverständlich die gleichen Bedingungen im Unterricht und bei den Prüfungen.

Wenn Christian Schmitt, der derzeit eine Ausbildung zum Groß- und Einzelhandelskaufmann absolviert, seinen Führerschein hat, steht ein eigenes Auto sicher alsbald auf dem Wunschzettel. Dafür wird er in Kürze eine sogenannte Gutachtenfahrt mit einem Mitarbeiter des TÜVs unternehmen. Bei dieser wird geschaut, was für Bedienelemente in ein Auto rein müssen.

Der Fantasie sind dabei im Grunde keine Grenzen gesetzt. So gibt es bereits Wagen, bei denen Rollstuhlfahrer direkt bis ans Lenkrad fahren können. „Ein Rollstuhlfahrer kann nicht mal eben aufstehen und im Winter die Scheibe freikratzen“, sagt Cornelia Schiefer. Eine Standheizung muss somit ebenso sein wie elektrische Fensterheber sowie automatische Sonnenblenden und automatische Sitzverstellung.

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