Freiwillig zur Polizei. Ohne Blaulicht.

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Was Körpersprache ausmacht: Hier ist Murat Topal eine frühergraute Lehrerin, die mit ihren pubertierenden Girlies nicht zurecht kommt.

Eschweiler. „Ich bin der einzige aus dem Block, der freiwillig zur Polizei gegangen ist. Und nicht mit Blaulicht.” Comedian Murat Topal braucht eigentlich nur aus seinem Leben zu erzählen, und schon rutscht sein Publikum vor Lachen unter den Tisch.

Aufgewachsen im Berliner Multikulti-Viertel Neukölln, zehn Jahre Polizeidienst, meist in Kreuzberg - das ist eine Garantie für skurrile Situationen und Geschichten, die das Leben schreibt. Sofern man erstens einen Blick für die Komik des Alltags hat, zweitens den Witz und die Sprachkraft, dies zu kabarettistischen Szenen zu verdichten, und drittens das schauspielerische Können, alle Figuren auf der Bühne darzustellen.

Topal hat und kann das alles, und deshalb hat er den Polizeihelm an den Nagel gehängt und steht in Fernsehstudios und auf der Kleinkunstbühne. Am Samstag auf der des Talbahnhofs.

Gut, Topal hat schon vor größeren Sälen gespielt. Aber wenn er seine Phantasie explodieren lassen kann, dann kann das sein Publikum auch: „Stellt euch vor, ihr seid 3000!” Geht das? Geht! Jedenfalls hatten die Besucher im Kulturzentrum Talbahnhof Spaß für 3000.

Aber der Mann, der da vor ihnen auf der Bühne stand, war ja auch mehr als nur einer. Da stand nicht nur Murat Topal, der Ex-Polizist, der zum Comedy-Künstler wurde, um mit Programmen wie „Tschüssi Copski!” für Heiterkeit und Nachdenken zu sorgen. Über die Bühne wirbelten, wankten und latschten auch schwerstpubertierende Girlies, Möchtegern-Gangsta-Rapper („Ey, wennste ausm Ghetto kommst, wirste entweda Gangsta-Rapper oder garnix”), spuckende Jung-Machos, ein schwuler Friseur, eine frühergraute verhärmte Lehrerin, Kung-Fu-Kämpfer, Neonazis, pakistanische Geschäftsleute, Marktschreier aus Hamburg, türkische Gemüsehändler, denen die deutschen Kunden wegbleiben, wenn sie Hochdeutsch sprechen („Willstu machen, das ist Folklore”), Breakdancer, Pogo-Tänzer, Ü-30-Partygäste, Rummelplatz-Animateure, Heavy-Metal-Sänger... Und natürlich sein Nachbar Pasulke, „Neuköllner Hochadel, dem sind die Kissen von der Fensterbank schon an den Unterarmen festgewachsen”.

Der Ur-Berliner mit Blockwart-Mentalität also, mit Sprüchen, die wahrscheinlich über Generationen in der Familie Pasulke vererbt werden: „Pass mal uff, mein jefiederter Freund, det klatscht gleich, aber keen Beifall”, „Zu Fuß dauert´s länger als übern Berg”, „Bevor du Brot sachst, hab ick schon zweemal abjebissen”. Nach zweieinhalb Stunden Voll-Power-Programm fragt man sich, ob nicht doch auf der Bühne mehr Leute - und so unterschiedliche! - waren als im Saal. Ach so, nein, im Saal waren ja 3000. „Hey, ihr seid jetzt 3000!”

So viele Charaktere darstellen, so viele Sprachen sprechen (Sächsisch und Schwäbisch waren auch dabei) - das wirkt bei Murat Topal so leicht, so selbstverständlich. Aber es ist natürlich hart erarbeitet. Er war nicht nur auf der Polizeischule, er war auch auf der Schauspielschule.

Mimik und Körpersprache sind bei Murat Topal ausgefeilt bis in die Fingerspitzen. Man kann sehen, wie sich der kleine Finger immer mehr abspreizt, wenn Topal als schwuler türkischer Friseur über seinen Onkel jammert, der ihn verheiraten möchte. Die Augen vor Entsetzen geweitet: „Mit einer Frau!” Perfektion in jeder Geste, auch in wilden Kampf- und Tanzszenen. Nicht nur Schauspieler, auch Stuntman hat Topal gelernt.

Das Programm ist durch, die Zugabe vorbei, die Stimmung auch vor der Bühne grandios, und irgendwie geht die Vorstellung im Talbahnhof in ein munteres Geplauder mit dem Publikum über: „Scheiß auf 10.000, wenn man solche Leute hat wie euch.”

Schließlich holt Topal den 13-jährigen Joschi auf die Bühne, soll der doch weiter machen. Das macht Joschi dann auch und erzählt einen Witz. Topal, sichtbar beeindruckt: „Der Junge hat Cochones”. Gut, das kann er als Berliner nun nicht wissen, dass Joschi Kugel trotz seines jungen Alters schon drei Jahre Bühnenerfahrung hat, als „Et Kälvche” der Hehlrather Karnevalisten.
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