Freie Kita-Wahl? Eltern fühlen sich unter Druck

Von: Patrick Nowicki und Naima Wolfsperger
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Der gesetzliche Betreuungsanspruch garantiert keine Unterbringung in eine Wunsch-Kita. Foto: Patrick Pleul

Eschweiler. Die U3-Betreuung, für Kinder unter drei Jahren, sollte Eltern erleichtern Familie und Beruf unter einen Hut zu bekommen. Auch für die soziale Entwicklung der Kleinen wird das Konzept politisch oft als pädagogischer Coup verstanden. Was den Eltern aber mehr Wahlfreiheit bieten sollte, setzt sie nicht selten unter Druck.

Die U3-Betreuungsplätze sind oft umstrukturierte Betreuungsplätze für Kinder ab drei Jahre (Ü3). Eltern werden von den Kindertagesstätten (Kita) oft vorgewarnt, dass für Kinder der Platz in der Wunscheinrichtung nicht gesichert ist, wenn sie ihre Kleinen erst ab drei Jahren in die Kita bringen wollen. „Ich kenne viele Eltern, die ihre Kinder deshalb – schweren Herzens – bereits mit zwei Jahren in die Kita bringen“, sagt Stefanie Lamm, dreifache Mutter und ehemalige Leiterin einer Kita in Mönchengladbach.

Der gesetzliche Betreuungsanspruch garantiert eben keine Unterbringung in eine Wunsch-Kita. Viele Eltern fühlen sich dadurch genötigt, ihr Kind auch entgegen des eigentlichen Wunsches früh in einer Kita anzumelden, um den Platz zu sichern.

Entgegen der Politik

Das verlaufe gänzlich entgegen der Politik, in der dafür geworben werde, dass Familien die Kinderbetreuung frei wählen sollten, findet Lamm: Während die Wahl der Schule und der Schulform den Eltern übergeben wurde, mit dem Argument, dass sie ihr Kind am besten kennen, scheint das für die Kleinsten nicht so wichtig zu sein. „Ein großer Fehler“, findet Lamm. „Gerade bei Kindern unter drei Jahren sei eine Betreuung Zuhause absolut gerechtfertigt. Die großen Gruppen und die großen Räume können Kinder auch überfordern.“

Das hänge von der Persönlichkeit des Kindes ab. „Diese wird mit der Kibiz-Regelung außer Acht gelassen.“ Mit dem Kibiz, dem Kinderbildungsgesetz von 2008, hat die Landesregierung NRW die Finanzierung der Betreuung neu geregelt. „Auf die Fördergelder für die U3-Betreuung können die Kommunen nicht verzichten“, sagt Jürgen Termath, Jugendamtsleiter der Stadt Eschweiler. Beschwerden oder laufende Klagen auf einen rechtlichen Betreuungsplatz gebe es keine, sagt Termath.

Für das neue Kita-Jahr wird die seit dem Kibiz geltende Investitionskostenpauschale pro Betreuungsplatz in Höhe von 20.000 Euro (zehn Prozent muss die Kommune übernehmen) erweitert. Das ursprünglich für das Betreuungsgeld im Bund geplante Budget wurde an die Länder zurückgegeben. Das Land NRW beschloss im März, auch Ü3- Plätze zu fördern. In Eschweiler werden in diesem Jahr weiterer Kitas gebaut. Zwei neue Einrichtungen mit insgesamt zehn Gruppen sollen entstehen.

Eine Kita soll in der ehemaligen Hauptschule Dürwiß entstehen. Dort werden 28 U3- und 42 Ü3-Plätze eingerichtet. Auch die neue Kita am Patternhof hinter der Realschule wird einen hohen Ü3-Anteil haben. Einige der zehn Gruppen sollen, neben gemischten und U3, auch für Kinder ab drei Jahren entstehen.

Ob dies das Problem löst, das Lamm anspricht, ist fraglich. Es gehe ihr um die freie Entscheidung der Eltern, das Kind in jener Kita betreut zu wissen, die ihnen am geeignetsten erscheint. Umstände wie alleinerziehende Elternteile oder eine Situation in der beide Eltern arbeiten müssten, seien nicht mehr entscheidend.

„Wir haben unsere Kita nach ganz bestimmten Kriterien ausgesucht, die in unser Erziehungskonzept passen.“ Wo das Kind betreut wird ist nicht allein die Frage nach dem nächstgelegenen Betreuungsplatz. Lamm hat besonders darauf geachtet, dass ihre Kinder in der Kita täglich nach draußen gehen, „bei Wind und Wetter“. Deshalb sei es ihr auch so wichtig gewesen, dass alle ihrer drei Kinder in derselben Tagesstätte untergebracht werden.

Und sie hat Glück gehabt. Auch ihre dritte Tochter kann die Awo-Kita „Der kleine Prinz“ besuchen, in der auch die älteste betreut wurde und die mittlere noch betreut wird. „Das war aber nicht sicher“, sagt Lamm. Dass Eltern bei der Wahl der Kita unter Druck gesetzt werden, finde sie nicht in Ordnung. „Ich habe mich davon nicht so stark beeinflussen lassen“, sagt die 36-Jährige. Obwohl auch sie darüber informiert wurde, dass es nicht sicher sei, dass ihre Jüngste einen Platz erhalte.

„Nicht mehr frei entscheiden“

„Den Kitas und den Erziehern sind da die Hände gebunden“, sagt Lamm. Sie versuchen, die U3-Plätze auszubuchen und warnen die Eltern deshalb berechtigter Weise vor, dass der Platz für das Kind später nicht garantiert werden kann. Dass Eltern so unter Druck gesetzt werden und, aus Angst nicht den gewünschten Betreuungsplatz zu erhalten, ihre Kinder bereits mit zwei Jahren in die Einrichtung bringen müssten, ärgere Lamm: „Sie können nicht mehr frei für ihr Kind entscheiden.“

Für den zuständigen Dezernenten der Stadt Eschweiler, Stefan Kaever, handelt es sich um ein landesweites Problem: „Im Jahr 2013 sind viele Gruppen in U3-Gruppen umgewandelt worden. Dadurch sind natürlich Ü3-Plätze weggefallen“, sagt er. In Eschweiler stehe man nun vor dem Problem, dass auch die Nachfrage nach U3-Plätzen weiter steige. Darum werde man weiter in den Bau von Kita-Plätzen investieren müssen, wenn der Bedarf weiter wachse.

Die Leiterin der Awo-Kita „Der kleine Prinz“, Antje Würsig, beschreibt die aktuelle Situation so: „Die Eltern melden sich wie immer, wir können allerdings nicht immer einen Platz garantieren.“ Letztlich sei das Nachfrageverhalten der Eltern entscheidend, wie die Gruppen einerseits zusammengestellt werden und wie viele Plätze frei werden. Dies bestätigen auch die Fachbereichsleiterin Pia Rohm und der kaufmännische Leiter der Awo-Kisa, Guido Dohmen. Letzterer lobt allerdings ausdrücklich die Stadt: „Bisher ist es immer gelungen, für Kinder und Eltern eine gute Lösung zu finden.“

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