Forum Gott und die Welt: Wo sich Islam und Christentum treffen

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Stoff zum Nachdenken über den Blick der Religionen auf Begriffe wie Sühne und Vergebung bot ein Vortrag in Gemeindezentrum St. Michael, zu dem Hans Coenen vom Forum Gott und die Welt (re.) den Religionswissenschaftler und Pfarrer Dr. Martin Bauschke eingeladen hatte.

Eschweiler. Was geschah am Karfreitag wirklich? „Mögliche Hoffnungen und mögliche Ängste können sie begraben - ich werde diese Frage nicht beantworten”, eröffnete verschmitzt lächelnd Dr. Martin Bauschke seinen Vortrag, der genau diese Frage im Titel führte: „Das Kreuz mit dem Kreuz - was geschah am Karfreitag tatsächlich?”

Die folgenden zwei Stunden im Gemeindezentrum St. Michael zeigten dann, wie lehrreich das Nichtbeantworten einer Frage sein kann.

Hans Coenen vom „Forum Gott und die Welt” der Pfarre St. Peter und Paul hatte Dr. Bauschke eingeladen. Der evangelische Pfarrer und Religionswissenschaftler, der seine Doktorarbeit über das Jesusbild des Korans schrieb, leitet seit 1999 das Berliner Büro der Stiftung Weltethos.

Am Donnerstag schilderte er einer interessierten und großen Zuhörerschaft zwar nicht, was im Jahr 30 unserer Zeitrechnung in Jerusalem geschehen ist - denn das weiß niemand - sondern welche doch sehr unterschiedlichen Vorstellungen über das Karfreitagsgeschehen, also den Tod des Wanderpredigers und Heilers Jesus am Kreuz, es im Christentum und im Islam gibt oder gab.

Viele Deutungen

„Es gibt nicht die eine christliche und nicht die eine muslimische Deutung des Karfreitags”, weiß Dr. Bauschke. Schon im neuen Testament wird das Geschehen unterschiedlich gedeutet. Bei Paulus steht der Sühnegedanke im Vordergrund, bei Lukas das Martyrium, bei Johannes der Sieg über die Kräfte der Welt. Bei all diesen Schilderungen müsse man aber bedenken: „Die Darstellungen, die wir haben, kommen nicht von Augenzeugen, sondern sind Glaubensberichte, geschrieben Jahrzehnte oder Jahrhunderte später.”

Und es ist zudem eine gezielte Auswahl. Das Schrifttum von christlichen Strömungen, die sich in den ersten Jahrhunderten nicht durchgesetzt haben, wurde vernichtet. Von drei judenchristlichen Evangelien zum Beispiel wisse man nur durch Zitate bei Kirchenvätern. Besonders das gnostische Denken wurde bekämpft. Bauschke: „Die Gnosis hatte in der Antike einen Klang wie heute New Age oder Esoterik.”

Theologisches Fachvokabular

Bei der Vorstellung der christologischen Theorien, die im Lauf der Jahrhunderte den Glauben der Christen bestimmten und oft auch erbitterte Kämpfe zur Folge hatten, musste Martin Bauschke tief in die Kiste mit dem theologischen Fachvokabular greifen, um etwa die Unterschiede zwischen dem Duophysitismus (der Zweinaturenlehre, nach der Jesus sowohl göttlicher als auch menschlicher Natur gewesen sei) und dem Monophysitismus, auch als Doketismus bekannt, zu erläutern.

Nach dieser Lehre war Jesus von seiner göttlichen Natur so sehr durchdrungen, dass er ganz göttliches Wesen wurde. Zu dieser Auffassung, die dem gnostischen Denken nahe steht, gibt es Ansätze schon im Johannes-Evangelium. Der Streit zwischen diesen Richtungen entzündete sich beispielsweise an der Frage, ob Jesus am Kreuz gelitten habe.

Es gibt aber noch zwei andere Theorien. Nach der Substitutionstheorie entging der wahre Christus der Kreuzigung, er wurde entrückt. Gekreuzigt wurde ein sichtbarer Mensch, der - vielleicht durch Gottes Eingreifen - Jesus ähnlich sah. Diesen Glauben gab es in Teilen des frühen Christentums, zugleich sind die Mehrzahl der Muslime dieser Ansicht, denn so lässt sich nach dem Text des Koran das Geschehen deuten. Wer dieser Ersatzmann war? Der populärste Vorschlag lautet natürlich: Judas, der Verräter.

Man kann die Verse des Koran, die sich auf Jesus beziehen, auch anders verstehen. Nach der Ohnmachtstheorie wurde zwar Jesus selber gekreuzigt, aber er starb nicht, sondern wurde bewusstlos vom Kreuz abgenommen. Das glauben die Ahmadiyya-Muslime. Doch diese Vorstellung ist auch dem Christentum nicht fremd.

In Kaschmir ein Grab Christi?

Große Theologen der Aufklärungszeit, wie Bardt und Schleiermacher, haben sie vertreten. Nach seinem Scheintod, so die Lehre von Mirza Ghulam Ahmad, sei Jesus nach Afghanistan und Kaschmir gewandert. Bauschke: „In der Hauptstadt von Kaschmir könne Sie seit Jahrhunderten ein Grab Christi besichtigen.”

Eines ist Martin Bauschke wichtig, er betonte es mehrfach: In den muslimischen Deutungen des Karfreitagsgeschehens „begegnen uns ursprünglich christliche Vorstellungen”. Zwar lasse sich der Widerspruch nicht auflösen, dass die meisten Muslime glauben, am Kreuz auf Golgatha sei nicht Jesus selber gestorben, während die meisten Christen genau davon ausgehen, dass Jesus dort gekreuzigt wurde und starb.

Doch wichtig sei es auch, so Bauschke, bei allen Unterschieden die hohe Wertschätzung Jesu im Islam zu sehen. Jesus sei für Muslime mehr als nur ein Prophet gewesen, er war ein Gesandter, ein „Augapfel Gottes”, der nicht von Menschen getötet werden konnte.

Barmherzigkeit kontra Sühne

Wichtig sei es - das machte der Referent auch in der ausgiebigen Diskussion mit den Besuchern nach dem Vortrag deutlich - die unterschiedlichen Deutungen des Karfreitagsgeschehens als Bereicherung zu sehen. Oft sei das Fremde und Andere der Muslime nur das verdrängte oder vergessene Eigene aus dem Erbe der Christentums. Und: „Es gibt keine richtige Deutung des Karfreitags”.

Jeder müsse die finden, die ihn in seinem Leben und auch Sterben trägt. Welche Folgen für den Glauben der Christen heute diese theologischen Überlegungen über unterschiedliche christologische Strömungen haben können, wurde in einem zweiten Teil des Vortrags von Martin Bauschke deutlich, an der Frage: Ist Sündenvergebung nur möglich durch den Kreuzestod Christi? „Ohne Blutvergießen geschieht keine Vergebung”, steht im Neuen Testament, im Hebräerbrief 9 Vers 22 (entstanden Ende des 1. Jahrhunderts, Verfasser unbekannt).

Bauschke ließ keinen Zweifel daran, dass er von diesem Sühnegedanken nicht viel hält, und „im christlichen Fußvolk ist dieser Sühnegedanke auch lange nicht so lebendig wie die Amtskirchen meinen”. Das sei jedenfalls seine Erfahrung als Gemeindepfarrer. Besonders vielen Frauen sei diese Vorstellung fremd. „Liebende leben nicht von der Sühne, sondern von der Vergebung” wandelte der Religionswissenschaftler einen Buchtitel von Manfred Hausmann ab. Er selber halte es deshalb auch eher mit einer Stelle im Matth äus-Evangelium, in der Jesus den Propheten Hosea zitiert: „Barmherzigkeit will ich, keine Opfer.”

Gott vergibt unmittelbar denen, die ihn bitten - genau das sei auch die Grundhaltung im Koran. Am Beginn jeder Sure wird er als „der Gnädige, der Barmherzige” bezeichnet. Eine Kollektivschuld ähnlich der Ursünde sei im Islam nicht möglich, und auch nicht eine stellvertretende Sühne für andere.

Jeder Mensch stehe unmittelbar selber vor Gott, und „nichts wiegt in Gottes Sicht so schwer wie ein Herz, das aufrichtig bereut”. Den Gedanken, dass zur Vergebung der Sünde kein blutiges Opfer nötig sei, findet Dr. Bauschke auch im christlichen Vaterunser. In dem sei nicht vom Karfreitag die Rede, sondern von der Bitte um Vergebung. Nur eine Bedingung kommt dort hinzu: „Die einzige Bedingung ist, dass wir selber allen anderen vergeben.”
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