Eschweiler - „Forum Gott und die Welt”: Theologische Basis der Papstrede ausgelotet

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„Forum Gott und die Welt”: Theologische Basis der Papstrede ausgelotet

Von: Friedhelm Ebbecke-Bückendorf
Letzte Aktualisierung:
Dr. Ursula Nothelle-Wildfeuer,
Dr. Ursula Nothelle-Wildfeuer, Professorin an der Universität Freiburg, beantwortete im Gemeindezentrum St. Michael Fragen zu einer Papstrede. Hans Coenen vom „Forum Gott und die Welt” moderierte. Foto: Ebbecke-Bückendorf

Eschweiler. „Ratlosigkeit und Entsetzen”, so erinnert sich Dr. Ursula Nothelle-Wildfeuer, waren die ersten Reaktionen vieler Zuhörer auf eine Rede, die Papst Benedikt XVI. vor knapp einem Jahr in Freiburg hielt.

Der Papst sprach dort zum Abschluss seines Deutschlandbesuchs vor 1400 engagierten Katholiken aus Politik und Kirche. Er mahnte eine Entweltlichung der Kirche an. Es sei an der Zeit, „die Weltlichkeit der Kirche beherzt abzulegen. Das heißt natürlich nicht, sich aus der Welt zurückzuziehen, sondern das Gegenteil.” Nothelle-Wildfeuer sprach am Donnerstag im Gemeindezentrum St. Michael über diese Papstrede. Eingeladen hatte das „Forum Gott und die Welt” der Pfarrgemeinde St. Peter und Paul, Hans Coenen als Leiter des Forums moderierte.

Nicht nur Theologen fragen sich seither: „Was wollte der Papst damit sagen?” Die Antworten - denn vom Papst selber gab es keine weiteren Erläuterungen - spiegeln oft mehr das Wunschdenken der Leute wieder, die sich an der Deutung versuchen. Manche konservativen Katholiken verstehen die Freiburger Rede als Absage an eine liberalere Kirche. Eher linksgerichtete Katholiken hingegen sehen sich durch den Papst in ihrer Kritik an der engen Verflechtung von Kirche und Staat bestätigt - wie schön, dass nun auch Benedikt eine arme, schlanke Kirche im Geist des heiligen Franziskus möchte...

Rückbesinnung

Einen anderen Weg geht die Theologin Dr. Ursula Nothelle-Wildfeuer. Die Professorin für Christliche Gesellschaftslehre an der Universität Freiburg suchte und fand in den früheren Schriften des jetzigen Papstes Joseph Ratzinger die Keime seiner Rede. Der „sperrige Begriff” Entweltlichung, der zu irreführenden Assoziationen geradezu einlädt, kann nach ihrer Ansicht aus dem theologischen Denken des Papstes verstanden werden. Nothelle-Wildfeuer zitiert aus einem Ratzinger-Vortrag von 1990: „Alles Menschengemachte in der Kirche muss sich in seinem reinen Dienstcharakter erkennen und zurücktreten vor dem Eigentlichen”. Das Eigentliche ist der Glaube und das Leben aus dem Glauben - wenn man das mitdenkt, kann man die Papstrede wörtlich nehmen und darauf verzichten, etwas heraus- oder hineinzudeuten.

Hineindeuten - das nämlich ist vor einem Jahr geschehen, erzählte die Referentin in St. Michael. Einerseits gab es da diese Ratlosigkeit und das Entsetzen, weil der Begriff Entweltlichung im Gegensatz zum 2. Vatikanischen Konzil zu stehen scheint; dessen zentrales Motiv war ja die Öffnung der Kirche zur Welt hin. Andererseits traten aber jene Leute auf, die „sofort wussten, was der Papst gemeint hatte. Ganz klar: Das konnte nur ein Angriff auf unser Kirchensteuersystem sein!” Nein. Zwar sei die Frage nach der Kirchensteuer nicht irrelevant, doch das sei viel zu kurz gedacht.

„Entweltlichung der Kirche meint nicht Konzentration auf das vermeintliche Kerngeschäft, sondern Rückbesinnung auf den Kern des Geschäfts” - Dr. Nothelle-Wildfeuer belegt diese erste ihrer vier Thesen mit Zitaten aus Ratzinger-Schriften. Kern des „Geschäfts” sind die so genannten Grundvollzüge der Kirche: Martyria, also das Zeugnisgeben, Liturgia, das Feiern des Gottesdienstes, und Diakonia, der Dienst an den Menschen. Die Kirche könne sich nicht auf zwei davon beschränken. Manche rückwärts gewandten katholischen Zirkel wollen das: nur auf der Kanzel den Glauben verkünden und im Gottesdienst den Glauben feiern. Doch zur Kirche gehöre es auch, den Glauben zu leben. Der Liebesdienst der Kirche, zitiert Nothelle-Wildfeuer den Papst, sei nicht einfach „eine Art Wohlfahrtsaktivität, die man auch anderen überlassen könne”. Er habe auch nicht den Zweck, zu missionieren. Sondern: „Die Liebe ist umsonst, sie wird nicht getan, um damit andere Ziele zu erreichen” steht in der ersten Enzyklika Benedikts.

Gott habe „uns ermächtigt und von innen her die Kraft gegeben, ihm auch Positives zu geben: unsere Liebe”, sagte der Papst in seiner Freiburger Rede. Die Kirche müsse sich immer wieder neu den Sorgen der Welt öffnen, sie dürfe nicht zufrieden sein mit sich selbst und sich in dieser Welt einrichten.

Auf der Basis dieser Theologie kritisiert Joseph Ratzinger schon seit Jahrzehnten Organisationen, Strukturen und Institutionen innerhalb der Kirche, wenn sie zum Selbstzweck werden. In seiner Rede zeigte er sich sogar dankbar für die Säkularisierungen - also das Enteignen von Kirchengütern und das Streichen von Privilegien der Kirche. Dadurch habe die Kirche ihre weltliche Armut annehmen können, ihr missionarisches Handeln sei wieder glaubhaft geworden.

Mit dem Hinweis auf diese Passagen der Papstrede belegt Dr. Nothelle-Wildfeuer ihre zweite These: „Entweltlichung der Kirche meint nicht nur Entlassung der Welt in ihre Weltlichkeit, sondern zugleich auch Verchristlichung der Welt”. Die „Entlassung der Welt in ihrer Weltlichkeit” war Thema des 2. Vatikanischen Konzils vor 50 Jahren. Damals erkannte das Konzil an, dass alle Bereiche menschlicher Wirklichkeit wie Wirtschaft, Politik, Kultur nach eigenen Gesetzen funktionieren und nicht von der Theologie bestimmt werden können. Ratzinger akzeptiert das, fordert von der Kirche aber eine liebende Hinwendung zur Welt und nennt das „Verchristlichung der Welt”.

Dr. Nothelle-Wildfeuer wendet solche Theologenworte in die Praxis. Sie fragt, wie die Kirche ihre Entweltlichung vollziehen soll: „Noch ist unklar, was denn der Welt zu überlassen ist und was die Kirche trotzdem zur Erfüllung ihres eigentlichen Auftrags braucht. Braucht die Kirche Krankenhäuser, Kindergärten, Schulen, theologische Fakultäten, um ihr Eigentliches zu tun?” Und wenn sie es braucht, „wo ist dann die Grenze zu ziehen zwischen dem, was für ihren Auftrag der Verchristlichung der Welt notwendig ist und was aus Gründen der Entweltlichung der Kirche zurück gelassen werden muss?”

In Institutionen verheddert

Papst Benedikt schaut bei seiner Forderung nach Entweltlichung der Kirche besonders auf Strukturen und Institutionen. Weil das der Teil der Kirche ist, sagt Dr. Nothelle-Wildfeuer, der von Menschen selbstgemacht ist.

Aufgabe der Kirche sei es nicht, den Macher-Typ zu fördern, der seine eigene Aktivität über alles stellt, sondern den Menschen, der „staunend im Horizont des Ewigen steht”. Diese Überlegung führt zur dritten These des Vortragsabends: „Das Programm der Entweltlichung formuliert mit Recht Vorbehalte gegenüber einer Kirche, die sich störungsfrei mit der Welt arrangiert hat.” Die deutsche katholische Kirche sei übermäßig in Institutionen verheddert, habe sich zu sehr den Strukturen der Welt angeglichen.

Die Referentin zitiert Kardinal Walter Kasper: „Die Kirche muss nicht unbedingt arm sein, aber apostolische Einfachheit und etwas franziskanischer Geist stehen ihr gut an.” Und sie fügt hinzu: „Auch im Blick auf den Vatikan lässt sich sicherlich an einen Abbau des noch sehr stark höfischen Stils und weltlicher Privilegien denken.” Ob das kommt - weniger Prunk im Vatikan, Verzicht auf Kirchensteuer, Auszug aus Gremien - da ist die Referentin vorsichtig. Die Papstrede sei eher ein Denkanstoß. Vor vielen Dingen, die neu entschieden werden, stehe nun die Frage: Dient das, was wir entscheiden, dazu, dass die Menschen den gütigen und barmherzigen Gott erfahren?

Verantwortung wahrnehmen

Eine Pfarrgemeinde darf nur so groß sein, dass jeder den anderen noch kennen kann. Das hat Joseph Ratzinger 1960 in einem kleinen Buch über christliche Brüderlichkeit geschrieben. Heute erscheint das fast illusorisch, aber „legt man diesen Maßstab an, dann zeigt es sich doch, dass unsere heutigen fusionierten Großgemeinden beim menschlichen Miteinander deutlich Nachholbedarf haben”, versichert die Freiburger Professorin. Der Papst verstehe Kirche vor allem als Gemeinschaft der Glaubenden - nicht als eine Parallelgesellschaft, aber eine Kontrastgesellschaft, die aus diesem Kontrast heraus „die Botschaft des Evangeliums zum Leuchten bringt”.

„Gerade die entweltlichte Kirche kann und muss ihre Weltverantwortung wahrnehmen”, formuliert Dr. Nothelle-Wildfeuer als vierte These. Das sei Liebesdienst im Geiste Christi. Wie das geschieht, hat der Papst in seiner Rede nicht gesagt. Für die Referentin gibt es aber einige Handlungsfelder, die ihr offensichtlich erscheinen. Sie nennt drei.

- Kritik an der Weltwirtschaft. Die christliche Botschaft könne deutlich machen, dass nicht alles Markt ist, und der Markt nicht alles. „Menschsein und menschliche Würde entscheiden sich aber nicht am Markt, sondern bereits in der Krippe und am Kreuz.”

- Die Familien müssen sich immer mehr an die Bedürfnisse des Arbeitsmarktes anpassen. Die christliche Botschaft mit ihrer Betonung der besonderen Würde von Ehe und Familie könne helfen, sich gegen diese Verzweckung zu wehren.

- Der christliche Glaube mit seiner Überzeugung von der guten Schöpfung Gottes kann dazu beitragen, dass Menschen ihre Verantwortung zum Beispiel für Klima und Umwelt über die heutige Generation hinaus erkennen.

Kirche ohne Welt? Kirche statt Welt? Beides hat der Papst in seiner Freiburger Rede von der Entweltlichung der Kirche nicht gemeint, versichert die Referentin in ihrem Fazit. Sondern: „Kirche - nicht von der Welt, aber in der Welt”, wie es im Johannes-Evangelium steht, „das meint die Entweltlichungsrede des Papstes.”

Katholische Schulen dürften Muslimen nicht verschlossen bleiben

Wenn der Papst möchte, dass alle Organisationen, Einrichtungen und Gremien der Kirche auf den Prüfstand kommen, was ist dann mit den katholischen Schulen, fragten Besucher des Vortragsabends im Gemeindezentrum St. Michael die Referentin. Die findet katholische Schulen wichtig - ihre fünf Kinder gehen alle auf katholische Schulen. Aber sie hat auch Kritik parat, ganz im Sinne der Papstrede.

Dr. Nothhelle-Wildfeuer schaut auf diese kirchlichen Einrichtungen mit dem Blick der Sozialethikerin. „Was ist das Besondere an einer christlichen Schule?” fragt ein Zuhörer die Referentin. „Nicht das Exklusive”, ist ihre Antwort. Sondern die Art und Weise, wie man mit einzelnen Menschen umgeht.

Leistung ist zwar wichtig, aber der Leistungsdruck ist nicht alles. Sondern: dass Kinder nicht den Glauben an sich selber verlieren, auch wenn etwas schief gegangen ist. Das wünsche sie sich von einer christlichen Schule. Es habe sich eingebürgert, „dass kirchliche Schulen sich als gutbürgerlich etablieren, wo möglichst dann auch wohlsituierte Eltern ihre Kinder in einem entsprechenden Umfeld wissen.” Da stelle sich die Frage, ob es nicht Aufgabe der Kirche wäre, sich davon zu verabschieden. Dass ein kirchliches Gymnasium keine muslimischen Schüler aufnimmt (wie die Bischöfliche Liebfrauenschule in Eschweiler), das „geht gar nicht”, beantwortet sie in einem Gespräch nach der Veranstaltung eine entsprechende Frage.

Kirchliche Schulen sind im Allgemeinen Gymnasien. Sie frage sich immer schon, sagt Dr. Nothelle-Wildfeuer, „warum es nicht zumindest auch ein großes Engagement der Kirche im Hauptschulbereich und bei Förderschulen gibt.” Dort sind doch die Kinder, denen das Lernen schwer fällt, die Hilfe brauchen. „Das sehe ich als eine zentrale Aufgabe kirchlicher Schulen. Und von Kirche überhaupt.”

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