Eschweiler - Forum der VHS: Von Sprache, Identität und der Zukunft

Forum der VHS: Von Sprache, Identität und der Zukunft

Von: Andreas Röchter
Letzte Aktualisierung:
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Angeregte Diskussion in der Volkshochschule Eschweiler: Übersetzerin Anna Herling, Lokalredakteur Patrick Nowicki, Schriftsteller und Philosoph Suleman Taufiq und Stadtkämmerer Stefan Kaever (von links) setzten sich im Rahmen des „Sprachenforums“ mit dem „Wesen der Sprache“ auseinander.

Eschweiler. Sprache – ist sie Ausdruck nationaler Identität? Ist sie Ware und/oder Akteur? Wie beeinflusst sie unsere Denkmechanismen in Zeiten globaler Herausforderungen ungeheurer Größe? Die Zahl aufgenommener und womöglich noch aufzunehmender Flüchtlinge stellt Deutschland vor noch gar nicht wirklich abzusehende Aufgaben, die auch die Zukunft der offenen Gesellschaft betreffen.

Welche Rolle spielt dabei die Sprache? Fragen, die im Zentrum des Sprachenforums standen, zu dem am Donnerstagabend die Verantwortlichen der Volkshochschule in das VHS-Haus an der Kaiserstraße eingeladen hatten.

Unter der Überschrift „Wesen der Sprache“ stellten sich mit der Übersetzerin Anna Herling, dem Schriftsteller und Philosophen Suleman Taufiq, Dezernent und Stadtkämmerer Stefan Kaever und Patrick Nowicki, Redakteur dieser Zeitung, vier Personen den Fragen von Moderatorin Malgorzata Müller, Leiterin des Fachbereichs Sprachen bei der VHS, die sich täglich dem Thema Sprache widmen. Jeder auf eine andere Weise.

Fachsprache grenzt ab

„Das Potenzial einer Sprache zu erhalten, gehört zu den Kernaufgaben jedes Erziehungssystems“, eröffnete Malgorzata Müller den Diskussionsabend. „Ist Sprache in erster Linie ein Instinkt?“, stellte die Moderatorin die erste Frage in den Raum. „Für mich ist die Sprache zunächst ein Werkzeug, das mit Melodie und Rhythmus versehen ist“, antwortete Suleman Taufiq. Ein Bild, das Stefan Kaever aufnahm, um Sprache in Verbindung mit der Flüchtlingssituation zu bringen.

„Die sogenannte Beamtensprache, die selbst bei uns im Rathaus nur sehr ungerne benutzt wird, ist ja eine Fachsprache, die eher zur Abgrenzung statt zur Integration beiträgt“, sagte er und fuhr fort: „Ich sehe die Sprache als einen Werkzeugkasten. Und wir müssen dahinkommen, dass jeder mit den darin enthaltenen Werkzeugen umzugehen lernt. Dabei beginnen wir mit den leichter zu handhabenden Werkzeugen, um uns später den schwierigeren zu widmen.“

Patrick Nowicki beschrieb seine Rolle als Zeitungsredakteur als Mittler vieler Sprachformen: „Im Idealfall kreativ wie ein Schriftsteller, auf den Punkt genau wie ein Übersetzer, aber auch in der Lage, mit dem sprachlichen Nominalstil von Behörden umzugehen. Ein herausforderndes Spannungsfeld, bei dem niemals außer Acht gelassen werden darf, dass geschriebene Sprache häufig ganz anders zu verstehen ist als gesprochene.“

Kurz darauf wagte sich Malgorzata Müller auf philosophisches Terrain, als sie in Bezug auf das Handeln von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) die Frage aufwarf, ob es „nichts Besseres und Machtvolleres“ gebe als den guten Willen? Die Antworten der Diskutanten fielen nüchtern aus. So erkennt Suleman Taufiq in ihrem Handeln eher Pragmatismus als guten Willen. Stefan Kaever fragte, ob der Ausdruck „Wir schaffen das“ einen philosophischen Überbau benötige.

„Die Kanzlerin hat ihre Verantwortung wahrgenommen und eine Botschaft nach innen gegeben. Schließlich stellt die Aufnahme der Flüchtlinge eine Gemeinschaftsaufgabe dar, die ein Gemeinschaftsgefühl benötigt.“ Generell seien sowohl eine gefühlvolle als auch eine rationale Herangehensweise an das Thema Flüchtlinge vonnöten. „Der Ansatz, anzupacken, ist pragmatisch zu sehen. Dies spontan und ohne große Vorbereitung getan zu haben, entspringt einer Haltung, die ohne Gefühl nicht möglich ist.“

Die Frage, ob es einen Kern deutscher Identität gebe, wurde unterschiedlich beantwortet: Suleman Taufiq sieht sich als „Öcher Syrer“, für den sich der Begriff Identität stets im Wandel befindet und der den Humanismus als einen Kanon universeller Werte begreift. Patrick Nowicki erklärte, dass sich die Vertreter dieses Landes viel zu wichtig nähmen, wenn sie von „deutscher Identität“ redeten.

„Ich denke, wenn Syrer oder Ukrainer zu uns kommen, dann kommen vor allem Menschen.“ Etwas anders interpretierte die polnischstämmige Übersetzerin Anna Herling den Begriff Identität. Sie erklärte: „Ich sehe darin grundsätzlich nichts Negatives, wenn ein Mensch von einer nationalen Identität spricht, solange jeder Mensch eben als gleichberechtigter Mensch betrachtet wird und nicht über – zum Beispiel – die Nationalität beurteilt wird.“

Und wie sehen die Erfolgsindikatoren in 20 Jahren aus? Wann haben wir es geschafft? Das sind für Stefan Kaever sehr schwierig zu beantwortende Fragen. „In dieser Hinsicht möchte ich keine Zahlen in Richtung Wirtschaftskraft oder Ähnliches nennen. Ich denke, wenn einerseits die Flüchtlinge ihren Weg nach Deutschland nicht bereut haben und geblieben sind, und andererseits wir es nicht bereuen, uns auf die Aufnahme eingelassen zu haben, wäre viel erreicht.“

Auf Deutschland einlassen

Suleman Taufiq sieht in der Entstehung von Parallelgesellschaften eine Gefahr und fordert von den Flüchtlingen, sich auf Deutschland einzulassen. „Die Angst vieler Flüchtlinge und Asylbewerber, die eigene Kultur zu verlieren, ist in einem Land wie Deutschland unbegründet.“ Patrick Nowickis Forderung, klare Ziele zu formulieren, geht an die politisch Verantwortlichen.

„Hier kommt doch meine deutsche Seele zum Vorschein: Im Moment läuft zu vieles zu unstrukturiert. Statt etwas aufzubauen, wird nur repariert.“ Eine Sicht, die Anna Herling durchaus teilt: „Dem Ausruf ,Wir schaffen das‘ sollte ein Plan zugrunde liegen.“ Ein nicht zu verhandelnder Wert sei das Grundgesetz, unterstrichen die vier Diskutanten.

Suleman Taufiq äußerte abschließend die Hoffnung, voneinander zu lernen. „In diesem Land gibt es unveräußerliche Werte, die selbstredend auch für jeden Flüchtling gelten. Doch nicht alles in Deutschland ist vorbildlich. Viele ältere Menschen hier sind einsam. Vielleicht können nicht zuletzt meine Landsleute zeigen, dass es auch anders geht.“

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