Fortsetzung des Sportfestes scheitert an der Asche

Von: Hubert Meisen
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Eschweiler. Genau vor 40 Jahren blickte die Leichtathletikwelt aufs Waldstadion. Dort fand zum letzten Mal eine der bedeutendsten Sportveranstaltungen statt, die es in der Eschweiler Sportgeschichte gegeben hat. In Teil 2 unseres Rückblicks berichten wir vom Höhepunkt und Niedergang der Veranstaltung.

Das ESG-Sportfest am 22. Juni 1973 bleibt noch lange in Erinnerung. Erst im Jahr 2002 wurde bekannt, dass es das beste Sportfest Deutschlands gewesen ist. Der Kölner Sportjournalist Rolf von der Laage hatte erst zu dieser Zeit eine Bewertung aller in Deutschland ausgetragenen Internationalen Leichtathletiksportfeste in den Jahren 1970 bis 2002 vorgenommen.

Grundlage war ein Punktesystem, mit dem die Qualität der teilnehmenden Athleten und die jeweils erzielten Leistungen bewertet wurden. Dieser Sachverhalt ist für Eschweiler als „sporthistorisch“ anzusehen. Die damaligen Sportfeste von Rehlingen, Frankfurt, Koblenz und Trier wurden übertrumpft. Mit den Sportfesten in den Jahren 1970 und 1975 belegte Eschweiler jeweils den 5. Platz in Deutschland.

Aus allen Kontinenten

Erstmals waren 1973 Athleten aus allen Kontinenten am Start. Vor Beginn der Wettkämpfe wurden die Medaillengewinnerinnen der Olympischen Spiele von München und Mexiko (1968) geehrt. Das waren Heide Rosendahl, Ulrike Meyfarth, Rita Wilden-Jahn und Liesel Westermann. Besonders Ulrike Meyfarth, die ein Jahr zuvor in München sensationell als 16-Jährige die Goldmedaille im Hochsprung gewonnen hatte, war der Publikumsliebling dieses Sportfestes.

Dass sie überhaupt teilnahm, war ihr hoch anzurechnen, da sie nur einen Tag später bei einem DLV-Frauensportfest in Frankfurt zur Olympiarevanche gegen die anderen Medaillengewinnerinnen von München anzutreten hatte. So hat man ihr auch nicht verübelt, dass sie sich mit einer für sie mäßigen Leistung von 1,75 m begnügte.

Enttäuschender war da eher der 6. Platz von Heide Rosendahl in 11,8 Sekunden im 100-m-Lauf, bei dem die Ex-Aachenerin Rita Wilden-Jahn Dritte wurde. Zur Erinnerung: Sie holte in München die Silbermedaille über 400 m.

Wie schon zwei Jahre zuvor, nahm erneut der Belgier Gaston Roelants am 5000-m-Lauf teil. Diesmal wurde er in dem hochkarätig besetzten Rennen Dritter in 13:49,9 Minunten hinter dem Überraschungssieger Eddy Thys (Belgien, 13:44,8 Minuten) und dem Weltklasse-Marathonläufer Ferdi Legrange (Südafrika).

Südafrika ist ein wichtiges Stichwort. Das Eschweiler Sportfest kam plötzlich auch international ins Gespräch, weil völlig überraschend ein südafrikanisches Team an die Inde kam, das erstmals nach vielen Jahren aus weißen und farbigen Sportlern bestand. Das war damals eine wirkliche Sensation, da die Apartheid immer noch in diesem Land praktiziert wurde. Deswegen durfte Südafrika in der Zeit von 1964 bis einschließlich 1988 nicht an Olympischen Spielen teilnehmen.

Als direkt beteiligte Person im Eschweiler Waldstadion schon ein paar Tage vor dem Sportfest war es für mich ein unvergessliches Erlebnis zu sehen, wie die Sportler untereinander ganz natürlich miteinander umgingen. Dem schwarzen Langstreckenläufer Titos Mamabolo konnte man beispielsweise anmerken, wie befreit er ständig zu Späßen aufgelegt den Alltag in Deutschland genoss.

Sein ebenfalls schwarzer Landsmann Joseph Leserwane, der in 10,4 Sekunden Zweiter im 100-m-Lauf und in 46,6 Sekunden ebenfalls Zweiter über 400 m wurde, kostete seine seltene Möglichkeit, im Ausland zu starten, sichtbar aus. Nette weiße Menschen um sich zu haben, die Autogramme von ihm haben wollten, war für ihn gewiss eine überaus angenehme Situation.

Auch zwei Amerikaner zogen eine tolle Show im Waldstadion ab. Der Sprinter Fred Newhouse ging gleich dreimal an den Start. Nach seinem 100-m-Vorlaufsieg in 10,3 Sekunden gewann er in der damaligen Weltklassezeit von 45,7 Sek. (wohlgemerkt auf Aschenbahn) die 400 m.

Trotz dieser Belastung siegte er danach auch über 100 m in 10,4 Sek. Der andere Amerikaner war der 800-m-Läufer Mark Winzenried, der seine Spezialstrecke in 1:46,6 Minuten überzeugend vor dem gesundheitlich etwas angeschlagenen Franz-Josef Kemper gewann. Bei diesem Lauf erwies sich der ESG-Läufer und spätere langjährige Erfolgstrainer Herbert Schlütz als vorzüglicher Tempomacher.

Das Sportfest 1973 war so gut, dass es schwerfällt, es bei diesen Ausführungen zu belassen. Eine Anmerkung darf aber nicht fehlen. Zum Team der Südafrikaner gehörte auch der Mittelstreckler Danie Malan. Der war in der Form seines Lebens.

Aber leider konnte er an diesem Tag nicht starten, weil er einen Tag später in München einen Weltrekordversuch unternahm. Dieser war auch erfolgreich. In 2:16,0 Minunten verbesserte er den Weltrekord von Jürgen May und Franz-Josef Kemper um zwei Zehntelsekunden. Eine Woche lang hatte er sich in Eschweiler auf diesen Lauf gezielt vorbereitet. Es war wirklich schade, dass er dem Eschweiler Publikum vorenthalten werden musste.

Allmählich ausgedient

Soweit der Rückblick auf die wichtigsten sportlichen Wettkämpfe dieser Sportfeste. Es stellt sich natürlich die Frage, weshalb es nach dem 4. Juli 1975 keine Fortsetzung gab. Als 1968 erstmals die Leichtathletikwettbewerbe der Olympischen Spiele auf einer Kunststofflaufbahn ausgetragen wurden, fanden in rasch zunehmendem Umfang die Wettkämpfe mit Spitzenathleten auf diesem Belag statt.

Die gute alte Aschenbahn hatte allmählich ausgedient. Zwar gab es in NRW zu dieser Zeit nur ganz wenige Kunststoffbahnen (Lüdenscheid und Bonn), aber es wurde immer schwieriger, die herausragenden Athleten für Wettbewerbe auf der Aschenbahn zu begeistern. Da die Kosten für eine Bahn damals rund 1,5 Millionen Mark betrugen, war das für Städte von der Größenordnung Eschweilers nicht zu stemmen.

Erst ein paar Jahre später verbreiteten sich mehr und mehr Laufbahnen mit diesem Belag. Selbst in Aachen wurde das Waldstadion erst 1982 mit einer Kunststoffbahn ausgestattet, so dass dort erstmals 1983 eine internationale Veranstaltung zustande kam.

Die mit Eschweiler vergleichbaren Sportfeste in Rhede und Koblenz nahmen nun richtig Fahrt auf, während die ESG aufgeben musste. Da nutzte es auch wenig, dass die Aschenbahn in Eschweiler einen überaus guten Ruf hatte. Großen Anteil daran hatte einer der damaligen Aktiven der ESG, Josef Scheller. Mit viel körperlichem Einsatz und Geschick beim Präparieren der Bahn an den Tagen vorher trug er maßgeblich am Gelingen der Veranstaltung bei.

Ein zweiter Grund wäre bestimmt hinzugekommen. Die Leichtathletik wurde professioneller und damit teurer. Beim Kongress des Internationalen Olympischen Komitees 1981 in Baden-Baden wurde offiziell der bis dahin vorgeschriebene Amateurstatus für Olympiateilnehmer aufgehoben. Somit durften die Athleten ganz legal Antrittsgelder und Erfolgsprämien annehmen, die bis dahin allenfalls „unter dem Tisch“ gezahlt wurden. Langer Rede kurzer Sinn: Ein Sportfest von der Güteklasse von 1975 in Eschweiler würde heute etwa 180.000 bis 220.000 Euro kosten.

Engelbert Hoppe hat mal erzählt, das teuerste Sportfest in Eschweiler habe damals 18.000 Mark gekostet. In Euro umgerechnet könnte man damit heute noch nicht einmal einen einzigen Olympiasieger bezahlen. Übrigens hat das Team Dohmen/Hoppe gut gewirtschaftet. Als feststand, dass es keine Folgesportfeste mehr geben wird, wurde von dem übrig gebliebenen Geld für die ESG-Leichtathletikabteilung eine komfortable Krafttrainingsmaschine angeschafft.

Noch ein Wort zu den Leistungen der „Macher“ Männ Dohmen und Engelbert Hoppe. Damals kannte man noch kein Telefax und kein Internet. Auch Athletenmanager, über die man heute Spitzenathleten „buchen“ kann, gab es nicht. Die Arbeit musste also ausschließlich per Telefon und Schreibmaschine sowie in persönlichen Gesprächen mit den Athleten und deren Trainern bei anderen Veranstaltungen geleistet werden.

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