Eschweiler - Flughafen Merzbrück: Für die einen ist’s Lärm, für andere Musik

Flughafen Merzbrück: Für die einen ist’s Lärm, für andere Musik

Von: Rudolf Müller
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Am Himmel über Merzbrück: eine Klemm L25, wie sie ab 1928 in Böblingen gebaut wurde. Die Klemm war das erste deutsche Standardschulflugzeug. Foto: Rudolf Müller
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Manfred Fahr (links) und Jürgen Kraus in einer der beiden Oldtimerhallen auf Merzbrück: „Wir haben das Recht, unserem Hobby nachzugehen.“ Foto: Rudolf Müller
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Technik, die von Experten bestens gewartet wird. Jedes Jahr werden die Maschinen auf Herzen und Nieren geprüft, erläutert Jürgen Kraus. Foto: Rudolf Müller

Eschweiler. „Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein“, sang einst Reinhard Mey. Mag sein. Aber unter den Wolken sieht dies ganz anders aus. Sind Merzbrücks Oldtimerpiloten verantwortlich für unzumutbaren Fluglärm über Röhe? Die Gruppe um Manfred Fahr wehrt sich vehement gegen derartige Vorwürfe.

In Merzbrück gelten am Boden wie in der Luft für Flieger strenge Reglements. Die haben auch viel mit Lärmschutz zu tun. „Und daran halten wir uns“, betont Manfred Fahr. Auch wenn den Oldtimerpiloten manche Vorschrift völlig hirnrissig erscheint: „Wir dürfen nur einmal pro Stunde starten und müssen zu bestimmten Zeiten dann eine Stunde wegbleiben. Das heißt: Auch wenn wir eigentlich nach einer halben Stunde wieder landen würden, sind wir gezwungen, eine weitere halbe Stunden herumzukurven. Lärm zu emittieren und Treibstoff zu verblasen. Das ist unsäglich.“

Die immer strenger werdenden Vorschriften machen den Fliegern zu schaffen: Viele haben inzwischen aufgegeben. „Vor einigen Jahren noch hatten wir auf Merzbrück an die 80.000 Flugbewegungen jährlich zu verzeichnen – in den letzten Jahren waren es nur noch etwa 42.000“, so Fahr, der seit 1972 auf dem Flugplatz sein zweites Zuhause hat. Schon ein Jahr länger ist Jürgen Kraus hier zu finden. Ihm platzt der Kragen, wenn er die Vorwürfe aus Röhe hört, Oldtimer im Formationsflug stellten eine besondere Belästigung dar. „Das sind Leute, die sehen den Lärm, die hören den nicht.“

„Wir werden hingestellt, als ob wir permanent über Röhe fliegen“, sagt Fahr zu den Klagen, die Röher Bürger jüngst der Eschweiler SPD vortrugen und damit bei den Genossen offene Türen einrannten. Die Fakten sprechen eine andere Sprache: „Im gesamten vergangenen Jahr haben wir zehn Formationsflüge unternommen. In diesem Jahr waren es bislang vier. In der Regel sind da jeweils zwei Maschinen unterwegs. Das sind angesichts der 42.000 jährlichen Flugbewegungen gerade mal 0,1 Prozent. Und davon geht die Hälfte der Starts nicht einmal in Richtung Röhe, sondern in die Gegenrichtung.“

Hinzu kommt ein physikalisches Gesetz, das die Klagen von Bürgern über Formationsfluglärm ad absurdum führt: Lärm addiert sich nicht. Verursacht ein Flugzeug einen bestimmten Lärmpegel, so ist der bei zwei Flugzeugen derselbe und nicht etwa verdoppelt.

Röhe liegt vom Flugplatz drei Kilometer entfernt und damit außerhalb der Platzrunde. Die wird von den Piloten ohnehin enger geflogen als zulässig: um nicht über die Autobahn 44 zu fliegen. „Wenn wir über Röhe fliegen, dann in mindestens 2000 Fuß Höhe“, sagt Manfred Fahr. Das sind über 600 Meter. „Wie hoch ein Flugzeug ist, das ist vom Boden gar nicht zu erkennen“, weist Fahr die Behauptungen über geringe Flughöhen über der Ortslage zurück. „Maschinen im Landeanflug fliegen zudem nicht mit Volllast. Das reduziert die Lärmemissionen zusätzlich. Und beim Steigflug gehen wir an die untere Grenze dessen, was vertretbar ist. Wir tun eine Menge, um die Bürger nicht zu belästigen. Das wird auch gerne angenommen, aber nicht honoriert.“

SPD bringt Piloten auf die Palme

Was einige Anwohner als Lärm bezeichnen, das ist für die Merzbrücker Oldtimerpiloten „Sound“, der fast schon Musik in den Ohren ist. Anders als das nervige Geräusch moderner hochtouriger Maschinen geben die mit Spitzendrehzahlen zwischen 1600 und 1800 laufenden Oldtimermotoren ein sonores Brummen von sich.

Nicht so die Schlepper, die auf Merzbrück Segelflugzeuge in die Luft bringen „und dann im Tiefflug zurück über Röhe zum Flugplatz rasen“, wie Bürger sich bei der SPD beklagten.

Bringen es die Oldtimerpiloten auf vier Formationsflüge in fünf Monaten, so zählt man auf Merzbrück laut Fahr bis zu 60 Schlepps pro Tag, die zwar unter Volllast aufsteigen, aber ohne Volllast unter Einhaltung der gesetzlichen Mindesthöhe zum Flugplatz zurückkehren. Dass ausgerechnet die SPD die Klagen der Bürger auf ihr Panier schreibt, lässt bei Jürgen Kraus die Halsschlagader anschwellen. „Es ist die SPD, die seit Jahren mit aller Macht die überfällige Verlängerung und Verschwenkung der Start- und Landebahn verhindert! Eine längere Bahn aber würde die Nutzung einer Winde ermöglichen und die ungezählten Schleppstarts überflüssig machen!“

Das weiß auch Uwe Zink, Dezernent für Bauen, Umwelt und Verbraucherschutz bei der Städteregion und Geschäftsführer der Flugplatzgesellschaft FAM GmbH, die von der Städteregion und den Städten Aachen, Eschweiler und Würselen getragen wird. Wie heißt es da auf der Internetseite der Städteregion: „Der Verkehrslandeplatz Aachen-Merzbrück ist ein Schwerpunktlandeplatz für den Geschäftsreiseflugverkehr in Nordrhein-Westfalen. Aufgrund neuer EU-Sicherheitsrichtlinien ist der Ausbau der Start- und Landebahn erforderlich, damit auch künftig Geschäftsreiseflugverkehr möglich ist.“ Auf die Umsetzung aber warten die Merzbrücker seit Jahren vergebens.

„Uwe Zink setzt sich sehr für den Flugplatz ein“, sagt Jürgen Kraus. „Aber diesmal ist er weit übers Ziel hinausgeschossen.“ Kraus, Fahr und ihre Kollegen stößt die Aufforderung Zinks in einem Zeitungsartikel sauer auf, Bürger die sich belästigt fühlten, sollten unverzüglich im Tower anrufen und „auffällige“ Flugzeuge unter Nennung von Kennung, Farbe und Flugrichtung melden. Für die Oldtimerpiloten ist dies eine Unverschämtheit.

Und zwar nicht die einzige: „Die Städteregion zieht hier Jahr für Jahr sechsstellige Beträge für Mieten etc. aus dem Flugplatz. Aber reinvestiert wird davon nichts“, beklagt Jürgen Kraus. Die Hallentore lassen sich nur mit Gewalt öffnen, die Vorfläche wurde seit Jahren nicht erneuert, die Start- und Landebahn weist ungezählte Risse auf. „Aber wenn die Städteregion oder sonst wer hier Veranstaltungen macht, sind wir immer sehr gefragt. Zum Beispiel bei den Inklusionswochen. Wir führen Kinder durch unsere Hallen, lassen sie mal in eine Flugzeug steigen und so weiter. Wir machen das sehr gerne – aber es ist wenig erfreulich, wenn da von der Städteregion nichts zurückkommt. Wir haben nicht nur Pflichten, wir haben auch Rechte. Zum Beispiel das Recht, unserem Hobby nachzugehen.“

Dabei, so betonen Fahr und Kraus, werde es den Tatsachen nicht gerecht, Merzbrück als Hobbyflugplatz abzutun. „Merzbrück ist ein Verkehrslandeplatz mit Geschäftsreiseverkehr. Da hängen Hunderte Mitarbeiter dran.“

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