Eschweiler - Flucht ins Ungewisse: Wenn das Leben plötzlich in Trümmern liegt

Flucht ins Ungewisse: Wenn das Leben plötzlich in Trümmern liegt

Von: Rudolf Müller
Letzte Aktualisierung:
13013868.jpg
Glücklich, in Eschweiler angekommen zu sein: Midhat Khalouf und sein Sohn Ahmad. In Idlib besaß der 39-Jährige einen Friseursalon mit vier Angestellten. Jetzt hofft er, dass sein Gesellenbrief ihm auch hier berufliche Perspektiven eröffnet. Foto: Rudolf Müller
13013867.jpg
Ahmads vier Geschwister warten im türkischen Antakya darauf, mit ihrer Mutter Dalal zu Midhat und Ahmad nach Eschweiler reisen zu dürfen. Foto: Rudolf Müller
13013853.jpg
In Idlib hatte Midhat im elterlichen Betrieb auch als Stuckateur und Steinmetz gearbeitet, hatte Torbögen wie den unten links handgearbeitet. Foto: Rudolf Müller
13013864.jpg
Die Trümmer zeigen die zerbombten Überreste seines Hauses in der nach wie vor heftig umkämpften Stadt. Foto: Rudolf Müller

Eschweiler. Nordwest-Syrien, 20 Kilometer südlich der Grenze zur Türkei. Mit einem Cousin steht Midhat Khalouf an einer Kreuzung in seiner Heimatstadt Ildib. Die 164.000-Einwohner-Stadt liegt unter Beschuss. Auf der einen Seite stehen Regierungstruppen, auf der anderen die Rebellen der Freien Syrischen Armee.

Midhat und sein Cousin hören die Salven. „Lass uns weiter gehen, sieht aus, als kämen die Kämpfe näher“, sagt Midhat zu seinem Cousin. Der antwortet nicht. Kann nicht mehr antworten: Als sich Midhat zu ihm umdreht, zerfetzt ein Geschoss den Kopf seines Vetters. Der junge Mann hinterlässt drei Kinder.

Das Grauen des Krieges lässt Midhat Khalouf nicht los. In Idlib, 50 Kilometer südwestlich von Aleppo, hat der heute 39-Jährige bis dahin ein gutes Leben geführt. Midhat ist Friseur, besaß einen eigenen Salon, beschäftigte vier Mitarbeiter und arbeitete nebenher noch im elterlichen Stuckateur- und Steinmetzbetrieb. Etliche Fotos aus dieser Zeit zeigen prunkvolle Fensterlaibungen und Torbögen, die Midhat in Handarbeit geschaffen hat.

Als der Bürgerkrieg die Stadt erreichte, war damit Schluss. Midhat und einer seiner Söhne wurden mehrfach verletzt, sein Salon wurde in den gnadenlosen Kämpfen zerbombt, sein Haus dem Erdboden gleichgemacht. Das war Ende 2013, Anfang 2014. Kurz zuvor hatten sich die Khaloufs – Midhat, seiner Frau Dalal und ihre fünf Kinder – entschlossen, zu fliehen. „Um uns herum lagen Trümmer zerstörter Häuser. Und überall Tote“, berichtet Midhat. Mit dem Auto wollte die Familie Richtung Türkei flüchten. „Aber kurz bevor wir zum Auto kamen, jagte da eine Rakete rein.“

Die Khaloufs flüchteten zu Fuß. Von einem Nachbarort aus brachte ein Schlepper sie zur türkischen Grenze. Dort wollten sie eigentlich das Ende der Auseinandersetzungen abwarten. Doch die Kämpfe, die sich hier vor allem zwischen Schiiten und Sunniten abspielten, wurden eher heftiger denn weniger. Die Familie floh in den rund 200 Kilometer entfernten Libanon. Hier fand Midhat Khalouf, der auf der Flucht in Syrien angeschossen worden war, zwar eine Anstellung als Maurer, doch dauerhafte Perspektiven boten sich dort nicht.

Ein Jahr hielt es die Familie im Libanon aus, dann trennten sich die Wege der Khaloufs: Mutter Dalal (29) und vier ihrer Kinder reisten in die Türkei, wo Vater Midhat ihnen in Antakya ein kleines Appartment gemietet hatte. Antakya liegt gleich hinter der syrischen Grenze; Dalal hat hier Verwandte, die die Familie unterstützen. Midhat und sein heute neunjähriger Sohn Ahmad machten sich ebenfalls auf in die Türkei. Ihr Ziel: die Hafenstadt Izmir.

Wie Tausende andere Flüchtlinge machte sich der Syrer auf, mittels Schlauchboot Europa zu erreichen. „Wir sind bei Nacht gefahren, und wir hatten riesige Angst. Ich habe fest auf Gott vertraut und meinen Sohn die ganze Zeit eng im Arm gehalten“, erinnert sich Midhat Khalouf an die schreckenerregende Überfahrt im überfüllten Schlauchboot Ende August vergangenen Jahres.

Von Griechenland aus galt es für Vater und Sohn, die Balkanroute zu bewältigen. Zu Fuß. Sechs Tage lang marschierten Midhat und Ahmad, überquerten die noch offene Grenze zu Mazedonien, erreichten schließlich Ungarn. „Ich hatte noch etwas Geld dabei. Wo es unterwegs etwas gab, habe ich für Ahmad und mich Lebensmittel gekauft. Aber auch Hilfsorganisationen und viele Ehrenamtler haben uns unterwegs sehr geholfen“, berichtet Midhat Khalouf. Wochen- oder gar monatelanges Warten in Flüchtlingslagern blieben den beiden erspart. Von Ungarn aus wurden sie per Zug nach Österreich und schließlich nach München gebracht. Das war am 6. September. Von München aus wurden Midhat und Ahmad Khalouf nach Viersen gebracht, verbrachten einen Monat in einer Erstaufnahmeeinrichtung des Roten Kreuzes in Viersen, bis sie über eine kurze Zwischenstation schließlich am 10. Oktober Eschweiler zugewiesen wurden.

Midhat und Ahmad bezogen eine Unterkunft in den RWE-Baracken am Kraftwerk; inzwischen leben sie am Stich. „Ich fühle mich hier sehr, sehr wohl“, sagt der 39-Jährige. „Die Menschen hier sind alle nett zu mir.“ Gleichwohl vermisst er sein Land. Und seine Familie. „Ich wünsche mir nichts sehnlicher, als meine Familie wieder in die Arme schließen zu können.“ Damit dies möglichst bald geschieht, hat er in der deutschen Botschaft in Ankara um einen Termin für seine Frau und die vier Kinder, zu denen er über Whatsapp ständigen Kontakt hält, gebeten. „Ich hätte nicht gedacht, dass eine Familienzusammenführung so lange dauert.“ Seine zehnjährige Tochter Hanin ist krank. Im Libanon, so berichtet Midhat, habe man ihr unnötigerweise den Blinddarm entfernt. Jetzt klage sie ständig über Bauchschmerzen, und niemand wisse, was die Ursache ist. Verständlich, dass Midhat sie bei sich haben möchte.

Sein Wunsch: „Ich möchte, dass meine Kinder hier in Deutschland eine gute Schulbildung bekommen. Sohn Ahmad besucht inzwischen die dritte Klasse der Barbaraschule. Leicht hat er‘s nicht: Zuvor hat der Neunjährige noch nie eine Schule besucht. Auch seine vier Geschwister in Antakya – zwei Jungen und zwei Mädchen im Alter von 13, 10, 7 und 3 Jahren – haben dort keinerlei Unterricht. Ob Ahmad in der Schule schon Freunde gefunden hat? „Nein“, sagt der Neunjährige. In der Schule nicht, wohl aber im Wohnhaus Stich 30. In der Schule machen seine noch mangelhaften Deutschkenntnisse nähere Kontakte schwierig. Jetzt nimmt er die Angebote der Offenen Ganztagsbetreuung war, um seine Sprachkenntnisse schneller zu verbessern.

Ob Midhat Khalouf dran denkt, jemals wieder nach Syrien zurückzukehren? „Ich würde mir das wünschen, aber ich sehe keine Hoffnung. Mein Haus, meine Wohnung, mein Salon, mein Auto – alles ist zerstört. Ich versuche nun, mir hier ein neues Leben aufzubauen.“ Und irgendwann vielleicht wieder einen eigenen Salon zu eröffnen.

Leserkommentare

Leserkommentare (2)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert