Fast jede dritte Kneipe hat dicht gemacht

Von: Andreas Gabbert
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Wirt Eschweiler
Erklärungsversuche für das Kneipensterben gibt es viele. Michael Esser, stellvertretender Vorsitzender des Eschweiler Wirtevereins, hat eine Änderung des Ausgehverhaltens beobachtet. Foto: Andreas Gabbert

Eschweiler. Fast jede dritte Kneipe in NRW hat seit 2001 dicht gemacht. Bundesweit ist es jede vierte. Das geht aus Zahlen des Statistischen Bundesamtes und Berechnungen der „Welt am Sonntag” hervor. Während es 2001 in NRW noch rund 14.200 Schankbetriebe gab, ist die Zahl bis 2010 auf 9700 gesunken. Das ist ein Minus von 31,8 Prozent.

In Eschweiler fällt das Minus nur geringfügig kleiner aus. 2001 gab es noch 268 Gaststättenbetriebe in der Indestadt. Dazu zählen beispielsweise auch Imbissstuben mit Alkoholausschank und Restaurants. 2010 waren es 194. Das ist ein Rückgang von rund 27,6 Prozent.

Erklärungsversuche

Erklärungsversuche für das Kneipensterben gibt es viele. Michael Esser, stellvertretender Vorsitzender des Eschweiler Wirtevereins, hat eine Änderung des Ausgehverhaltens beobachtet. „Früher sind die Leute in die Kneipe gekommen, um sich miteinander zu unterhalten. Heute wollen die Leute unterhalten werden. Der Wirt wird zum Entertainer”, sagt Esser. Heute sei es vor allem der „Eventcharakter”, der Menschen in die Gaststätten ziehe. Dazu gehören zum Beispiel Public-Viewing-Veranstaltungen, der Karneval und gezielte Aktionen wie Halloween- und DDR-Partys. Auch das Internet spielt in Essers Augen eine Rolle. Früher sei die Kneipe der Treffpunkt für alle gewesen, dort sei man zusammengekommen und habe die nächsten Verabredungen getroffen. Heute geschehe das häufig im virtuellen Raum auf Plattformen wie Facebook. „Früher sind die Leute rausgegangen, um Leute kennen zu lernen, heute gehen sie dafür ins Internet.”

Kaum noch Frühschoppen

Hinzu komme, dass viele Brauchtümer langsam aussterben. Das beste Beispiel für Esser ist der Frühschoppen. „Wo gibt es das heute noch?”, fragt der Gastwirt. Außerdem sei die Konkurrenz durch andere Freizeitangebote größer geworden. Auch der finanzielle Rahmen habe sich geändert. „Früher hatte hier jeder einen Job und meist noch einen Nebenjob. Was im Nebenjob verdient wurde, wurde in der Kneipe ausgegeben. Jetzt ist man froh, wenn man überhaupt einen Job hat”, sagt Esser. Das Nichtraucherschutzgesetz trage auch seinen Teil zu der Entwicklung bei: „Durch die Regulierung geht ein Teil der Gemütlichkeit verloren.” Ein Problem sei auch die wachsende Konkurrenz durch Vereinslokale, sagt Esser.

Professioneller Barbetrieb

Damit liegt er auf der Linie des Hotel- und Gaststättenverbandes Dehoga. In vielen Vereinsheimen herrsche inzwischen ein beinahe professioneller Barbetrieb - unversteuert und ohne behördliche Auflagen, beklagt die Hauptgeschäftsführerin des Hotel- und Gaststättenverbandes, Ingrid Hartges.

Unter diesen Umständen habe es die klassische Dorfgaststätte besonders schwer, erklärt Dehoga-Pressesprecher Thorsten Hellwig. „Die Kneipe ist vom Flächen- zum Nischenprodukt geworden”, sagt er. Es gebe eine Verlagerung zu mehr Event- und Systemgastronomie, bestätigt er Essers Beobachtung.

Die Zahl der Gaststätten sinkt überall. Für die Wirte gibt es aber Hoffnung. Im Jahr 2011 konnten sie ihr Geschäft sogar ausbauen. Im Vergleich zum Vorjahr stiegen die Umsätze um 3,8 Prozent. Damit legt das Gewerbe nach dem Krisenjahr 2009 zum zweiten Mal in Folge zu. Einigen Wirten ist es offenbar gelungen, sich auf veränderte Bedingungen einzustellen.
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