Familie nimmt Flüchtlinge auf: Kampf mit den Behörden

Von: Patrick Nowicki
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Neue Mitbewohner und Nachbarn: Luma Vajdulla lebt derzeit mit ihrem Sohn bei Judith und Martin Winter in St. Jöris. Links Demet Jawher vom Integrationsamt.

Eschweiler. In diesen Wochen erhält das Eschweiler Sozialamt häufiger Wohnungsangebote. Aber der Anruf von Judith Winter aus St. Jöris machte die Verwaltungsmitarbeiter sprachlos. Die 31-jährige angehende Medizinerin wollte in ihrem Haus Flüchtlinge aufnehmen – ohne eine Miete zu verlangen.

Das Angebot war nur an zwei Bedingungen geknüpft: Eine grundsätzliche Kommunikation müsse mit den Flüchtlingen möglich sein und die Nebenkosten müsse die Stadt tragen. „Wir wollen und können nichts draufzahlen“, sagt Martin Winter.

Das Sozialamt ging auf das Angebot ein. Seit vier Wochen lebt Luma Vajdulla mit ihrem drei Jahre alten Sohn in der etwa 70 Quadratmeter großen Wohnung. Eine weitere alleinerziehende Mutter aus Pakistan soll in den nächsten Tagen noch hinzukommen. Der Bereich für die Familie Winter mit ihren zwei kleinen Kindern ist nur durch eine Treppe im Flur von der Wohnung der Flüchtlinge getrennt. Klare Absprachen regeln das Miteinander, damit die Privatsphäre aller gewährt bleibt.

Was bewegt eine junge Familie, unbekannte Menschen aus einem anderen Land in ihren vier Wänden aufzunehmen? „Die Wohnung stand leer, und als wir die Nachrichten verfolgten, haben wir uns gedacht: Was sollen die Räume unten verstauben, wenn man damit helfen kann“, berichtet Judith Winter. Dies bedeute nicht, dass man frei von Vorurteilen sei. Auch die Nachbarschaft habe zunächst skeptisch reagiert. Anschließend brach allerdings eine Welle der Hilfsbereitschaft aus. „Nachdem ich genau erklärt hatte, was wir vorhaben, brachte man uns Möbel, Fernseher und mehr für die Flüchtlinge“, erzählt sie.

Die erste Reaktion von Luma Vajdulla, als sie die neue Wohnung betrat, berührt die Familie noch heute. Die junge Albanerin brach in Tränen aus. Sie hatte schließlich eine lange Odyssee hinter sich, ehe sie von den Übergangslagern in Dortmund und Hemer nach Eschweiler in das Haus an der Severinstraße kam. Dort musste sich die 31-Jährige mit ihrem Sohn die Dusche und Toilette mit vielen anderen teilen. „Die Zustände dort sind schlimm“, sagt Judith Winter, die sich vor Ort selbst ein Bild gemacht hat.

Dass Luma Vajdulla ihre Heimat Albanien verlassen hat, liegt an einem Spot im Fernsehen: Darin wurden Pflegekräfte in Deutschland gesucht. Sie selbst besitzt ein Diplom als Krankenschwester und war zu diesem Zeitpunkt arbeitslos. Zuvor bekam sie einen Hungerlohn (100 Euro im Monat) in einer Arztpraxis. Für eine junge Frau, die fünf Jahre lang studiert hat, keine verlockende Perspektive. „In Albanien regiert die Korruption“, schilderte sie der Familie Winter. Ob ihre Zukunft in Deutschland rosiger ist, ist zumindest fraglich: Als Albanerin zählt sie zu den sogenannten Wirtschaftsflüchtlingen. Derzeit wird ihr Asylantrag geprüft, ihr Aufenthaltsstatus ist ungeklärt.

Judith Winter versucht seit Wochen, eine Lösung zu finden. Ihr Mann und sie wissen als angehende Mediziner, dass qualifizierte Kräfte in Pflegeeinrichtungen und Krankenhäusern gesucht werden. Doch so einfach ist es nicht, einen Job zu finden, denn als Asylbewerber muss man einige bürokratische Hürden nehmen. Sie sind so hoch, dass selbst Judith Winter sich seit Wochen vergebends die Finger wund telefoniert: „Es kann doch nicht sein, dass ein Mensch, der arbeiten will und kann, und für den Arbeit da ist, nicht arbeiten darf?!“ Selbst ein Praktikum sei nicht möglich.

In diesem Fall bedeutet dies konkret: Sie muss in Albanien zunächst Deutsch lernen und eine Prüfung auf dem Level B1 ablegen. darüber hinaus müssen die Diplome amtlich beglaubigt übersetzt und an das Landesprüfungsamt in Düsseldorf gesandt werden. Zudem muss sie ein Visum bei der Deutschen Botschaft in Albanien beantragen. Wie man mit solchen Anfragen dort umgeht, hat Luma Vajdulla schon an der Kanadischen Botschaft erfahren: Dort sollte sie erst 8000 Euro zahlen, ehe ihr Antrag positiv beschieden werde. Dieses Geld besitzt sie natürlich nicht.

Dies alles und noch weitere bürokratische Fußangeln lernte Judith Winter in zahlreichen Gesprächen mit Behörden kennen, die sich gegenseitig die Verantwortung zuschieben. Vor allem die Ausländerbehörde bekommt von ihr ein schlechtes Zeugnis. Den Mitarbeitern der Stadt Eschweiler sind die Hände gebunden. Die Kommune legt nicht den Aufenthaltstitel fest. Dennoch will die Integrationsberaterin Demet Jawher helfen. Erste Gespräche hat es gegeben.

Im Sozialamt hofft man natürlich, dass das Beispiel der Familie Winter Schule macht, schließlich machte man bisher andere Erfahrungen. „Es haben sich auch Vermieter gemeldet, die hinter dem Flüchtlingsstrom ein Geschäft wittern“, berichtet Jawher. Nach wie vor ist man in der Verwaltung bestrebt, die Flüchtlingsfamilien in Wohnungen auf dem freien Wohnungsmarkt unterzubringen. Der Mietvertrag wird dann zwischen Familie und Vermieter geschlossen.

Paten als Helfer

Ein solches Schriftstück besteht zwischen der Familie Winter und Luma Vajdulla nicht. In den nächsten Tagen soll auch der zweite Raum der Wohnung im Haus in St. Jöris bezogen werden. Einen Wunsch haben Judith und Martin Winter jedoch: Sie haben von Freunden in anderen Städten erfahren, dass sich dort Menschen als Paten ehrenamtlich für Flüchtlinge einsetzen und diesen Menschen das Ankommen erleichtern. Eine solche Willkommenskultur erhoffen sie sich auch für Eschweiler. Schließlich wissen sie, dass die behördlichen Hürden hoch sind...

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