Familie Al Ahmad: Fürs große Glück fehlen ein paar Zimmer

Von: Rudolf Müller
Letzte Aktualisierung:
13074976.jpg
Gedränge in der Wohnküche der Al Ahmads am Stich 30: Vater Akram (Mitte) mit seiner Frau Majida (links neben ihm), vier seiner Kinder und Betreuer Thomas Ahwisus. Ihr größter Wunsch: eine größere Wohnung, in der die kleineren Kinder spielen, die größeren in Ruhe lernen können. Foto: Rudolf Müller
13074979.jpg
Ein Trümmerfeld: Seit Jahren von Regierungstruppen, Freier Syrischer Arme und IS-Terrormilizen umkämpft liegt Deir ez-Zor, die Heimatstadt der Familie Al Ahmad, längst in Schutt und Asche. Foto: Imago EST&OST
13074980.jpg
Etagenbetten auf beiden Seiten des Zimmers: Für Möbel, an denen die größeren Kinder lernen könnten, ist hier kein Platz.

Eschweiler. Die Stadt, in der er lebte, liegt in Schutt und Asche. Sein Wohnhaus existiert nicht mehr. Deir ez-Zor, die Universitätsstadt im Osten Syriens, die einst knapp 300.000 Einwohner zählte, ist längst zwischen Regierungstruppen, Rebellen der Freien Syrischen Armee und IS-Terroristen zerrieben.

Mitte August 2014 sollen Angehörige des IS rund 700 Einwohner, darunter 600 Zivilisten, gefangen genommen und getötet haben. Am 15. Januar 2016 begann der IS eine Offensive gegen die belagerte und immer wieder umkämpfte Stadt.

Ende Januar zog der IS nach russischen Meldungen zweitausend Kämpfer zusammen, um die Stadt ganz einzunehmen; die russische Luftwaffe flog Angriffe auf Stellungen des IS, während in der belagerten Stadt Menschen verhungerten. Im Mai gelang es Truppen der Regierung nach eigenen Angaben, den IS zurückzuschlagen.

Schleuser kassiert 10000 Dollar

Akram Al Ahmad hatte in der Verwaltung der al-Furat-Universität gearbeitet und nebenher als Busfahrer gejobbt. Seine Frau Majida war Englischlehrerin. Irgendwann hatten beide keine Gehälter mehr bekommen. Gemeinsam mit ihren sechs Kindern war es ihnen gelungen, die Stadt rechzeitig zu verlassen.

„Die Freie Syrische Armee hatte unseren Stadtteil eingenommen. Immer wieder belästigen die Kämpfer Mädchen, viele wurden entführt. Wir hatten von Tag zu Tag mehr Angst um unsere Töchter“, berichtet der heute 44-Jährige. In der syrischen Hauptstadt Damaskus suchten sie Sicherheit, fanden sogar Jobs. Doch die erhoffte Sicherheit fanden sie nicht. „Immer wieder gab es Luftangriffe. Wir konnte nicht mehr schlafen. Wenn die Angriffe kamen, haben wir uns im Badezimmer versteckt.“

Die Al Ahmads lebten an der Nahtstelle der Territorien von Freier Syrischer Armee und Regierungstruppen. „Hier wurde immer wieder Leute verschleppt. Und ein Cousin von mir starb bei einem Luftangriff.“

Im Juli 2015 sah Akram ein, dass ein Überleben auch in Damaskus ein Vabanquespiel war. Er reiste über den Libanon in die Türkei. Allein, ohne Familie.- „Ich wollte von dort aus alles organisieren, dass meine Familie sicher nachkommen konnte.“ Ende August folgten Majida und ihre Kinder dem Ehemann und Vater in die Türkei. Via Libanon, per Schiff.

In der Türkei fanden sie einen Schleuser, der sie nach Griechenland brachte. Für 10.000 US-Dollar – die gesamten Ersparnisse der Familie. Mit einem Schlauchboot ging es nach Samos, von dort nach Saloniki. Die achtköpfige Familie verbrachte eine Nacht auf der Straße, ehe es am nächsten Tag weiterging: zu Fuß über die damals noch offene Grenze nach Mazedonien.

Brüder in Deutschland

Die Al Ahmads lebten von Nahrungsmitteln, die ihnen von Bürgern und Hilfsorganisationen gespendet wurden. In einem Erstaufnahmelager gab man ihnen Busticket für die Weiterfahrt: zunächst nach Serbien, dann weiter nach Ungarn und Österreich. Und schließlich, am 14. September, vor fast genau einem Jahr, nach Landshut.

Deutschland war erreicht. Warum Deutschland und kein anderes europäisches Land? „Weil hier unsere Zukunft eine bessere ist als anderswo.“ Und weil zwei von Akrams Brüder, die schon ein Jahr zuvor dem Krieg entflohen waren, in Dortmund lebten. Ein weiterer Bruder lebt in Schweden. Und ein vierter in Eschweiler – in der Gutenbergstraße.

Nur einen Tag blieb Familie Al Ahmad in Landshut, dann ging‘s weiter nach Lippstadt, die bislang längste Station ihrer Flucht: 20 Tage blieben sie in einem Camp, wurden ärztlich untersucht und geimpft. Dann wurden sie Eschweiler zugewiesen. Nach einem Monat in einer der Baracken an der Grachtstraße bekamen sie schließlich eine Wohnung im Haus Stich 30.

Hier träumt die 41-jährige Majida el Ali (in Syrien behalten die Frauen ihren Mädchennamen auch nach der Eheschließung) davon, wieder eine Stelle als Englischlehrerin zu finden, und Akram würde gerne seinen Busführerschein erneuern, um als Busfahrer arbeiten zu können. Deutschkurse haben beide schon besucht; jetzt lernen sie die Sprache ihres neuen Heimatlandes vor allem von ihren Kindern, die nach einem Jahr in Deutschland teils schon hervorragendes Deutsch sprechen.

Die 18-jährige Tochter Sham hat noch in Syrien ihr Abitur gemacht – jetzt besucht sie in Aachen eine Sprachakademie, um danach hier Pharmazie zu studieren. Die 17-jährige Ayat macht am Berufskolleg ihr Fachabitur, die 14-jährige Sarah macht sich in der 7. Klasse des Städtischen Gymnasiums sehr gut, Esra (9) und Maria (8) besuchen die Grundschule in Bohl, und der einzige Sohn, Mohammad (4) besucht den Kindergarten.

„Ich schäme mich“

In Deir ez-Zor hatten die Al Ahmads ein eigenes Haus, mit je drei Zimmern auf zwei Etagen. Bis eine Bombe das Obergeschoss auf das untere stürzen ließ. Im Haus Stich 30 haben sie eine Drei-Zimmer-Wohnung. Eine Wohnküche mit Esstisch, ein Schlafzimmer für die Eltern und eines für die sechs Kinder.

Hier stehen Etagenbetten an den Wänden, daneben ein viel zu kleiner Schrank – für mehr ist kein Platz. Und das ist für die Al Ahmads ein Riesenproblem: „Unsere Kleinen brauchen Platz zum Spielen. Und unsere größeren Töchter müssen in Ruhe lernen können. Aber beides geht hier nicht“, sagt Majida el Ali. Schreibtische passen nicht in die Wohnung.

Und der Esstisch reicht bei weitem nicht aus, um drei Kinder daran spielen und drei weitere gleichzeitig daran lernen zu lassen während Mutter Majida einen Meter entfernt für die achtköpfige Familie kocht. Was auch gar nicht so leicht ist, wenn ständig Kinder herumwuseln.

Thomas Awihsus kümmert sich als Betreuer um die Familie. Und versucht seit längerem, für seine Schützlinge eine geeignete Wohnung zu finden. „Wenn ich nur das Wort ,Flüchtlinge‘ erwähne, bekomme ich von Vermietern immer wieder einiges zu hören. Manchmal sitze ich zu Hause und mir kommen die Tränen. Ich schäme mich für diese Gesellschaft!“

Immer wieder, so sagt er, werde behauptet, den Flüchtlingen werde „alles in den Hintern geschoben“. Ahwisus weiß, dass das blanker Unsinn ist. „Ich wünsche mir, dass dieses AfD-Niveau aus den Köpfen verschwindet.“

Dass die Mietzahlungen unsicher seien, wie häufig behauptet, weist Awo-Migrationsberaterin Bouchra Baboua zurück: Die werden von der Stadt garantiert. Und auch das Argument kaum möglicher Kommunikation lässt sie nicht gelten: „Wir helfen bei Problemen jederzeit gerne.“

Was im Fall der Familie Al Ahmad aber kaum nötig wäre: Die Kinder sprechen sehr gut Deutsch, die Eltern holen auf. Akram und seine Frau haben in ihrem ersten Jahr in Deutschland schon viele Kontakte geknüpft, haben auch etliche deutsche Freunde gefunden.

Betreuer Thomas Ahwisus: „Das ist eine ganz tolle Familie!“ Er setzt darauf, dass die Al Ahmads in der Prioritätenliste von Arbeiterwohlfahrt und Stadt ganz oben stehen: Sobald sich eine geeignete Wohnung findet, können sie auf ein ‚normales Leben hoffen. Aber: „Ich habe eine andere Familie betreut, die hat acht Jahre auf eine passende Unterkunft warten müssen.“

So lange soll es für Akram, Majida und ihre Sprösslinge nicht dauern. Das Wohnungsproblemen ist das einzige, das dem stets gut gelaunten, immer optimistischen Familienoberhaupt immer wieder etwas die Stimmung verhagelt. Denn seine Familie geht Akram Al Ahmad über alles.

Zukunft hier aufbauen

Ob sie daran denken, irgendwann, wenn die Waffen in Syrien schweigen, in ihre alte Heimat zurückzukehren? „Nein“, sagt Majida. „Wir müssen uns unsere Zukunft jetzt hier aufbauen. Wir können unsere Kinder, die hier zur Schule gehen, nicht noch einmal verpflanzen.“ Dennoch wünscht sie sich nichts sehnlicher als Frieden für ihr Land. Das Land, in dem ihr Bruder, ihre Schwiegermutter und weitere Verwandte noch immer im Bombenhagel ausharren.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert