Eschweiler - Familie Al Ahmad aus Syrien: Verzweiflung, Tod und neue Hoffnung

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Familie Al Ahmad aus Syrien: Verzweiflung, Tod und neue Hoffnung

Von: Rudolf Müller
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Glücklich in Eschweiler: Nach rund zehn Monaten hat Familie Al Ahmad – hier Ayman Al Ahmad mit Tochter Dima – in Eschweiler wieder zusammengefunden . Der diplomierte Elektrotechniker und frühere Profifußball-Funktionär brennt darauf, hier endlich arbeiten zu dürfen. Tochter Dima hat in ihrer Schule bereits viele Freundinnen gefunden. Foto: Rudolf Müller
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Nur scheinbar ein idyllisches Bild: Ungezählte Kilometer legte der sechsjährige Mohammad mit seiner Mutter auf gefährlichen Wegen zurück. Foto: Rudolf Müller
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Ein Bild aus glücklicheren Tagen: Dima und May Al Ahmad zu Hause in Deir al-Azour. May starb im Februar an den Folgen eines Herzfehlers. Foto: Rudolf Müller
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Hilft als Dolmetscherin bei unseren Gesprächen mit Flüchtlingen: Awo-Migrationsberaterin Bouchra Baboua. Foto: Rudolf Müller

Eschweiler. „Manchmal schäme ich mich, wenn ein Deutscher mich sieht. Der muss ja denken: ,Ich arbeite, und der sitzt hier rum‘.“ Arbeiten würde auch er gerne. Aber das darf er nicht. Noch nicht. Noch läuft sein Asylverfahren.

Zuhause in Syrien, da war Ayman al Ahmad Berufsschullehrer. In Deir al-Zour, einer 290 000-Einwohner-Stadt am Euphrat, im Osten Syriens, unterrichtete er Elektrotechnik, betrieb ein wenig Landwirtschaft und handelte mit Wertpapieren. Und war zudem Vorstandsmitglied im Fußballclub al-Futowa. Der ist mehrfacher syrischer Meister und Pokalsieger – der FC Bayern Syriens.

„Uns ging es rundum gut“, sagt er. Vor knapp zwei Jahren erst hatte er für sich und seine Familie ein neues, dreistöckiges Haus gebaut, hatte zudem eine Ferienwohnung im 450 Kilometer entfernten Damaskus. „Von da aus fuhren wir in den Ferien für zehn Tage ans Meer“, schwärmt der 52-Jährige. Es war einmal. Heute ist das Wohnhaus zerbombt, Auto und Ferienwohnung verkauft: um die Flucht zu finanzieren.

Deir al-Zour, Zentrum der syrischen Erdölindustrie, wurde immer wieder von Kämpfern der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) angegriffen. Regierungstruppen schlugen zurück; russische Kampfjets bombardierten von hier aus IS-Stellungen. Tausende IS-Kämpfer belagerten die Stadt, nahmen Teile davon ein. Die syrische Armee beschoss die Stadt von einem nahen Berg aus. Mittendrin im Chaos von Tod und Zerstörung: Familie Al Ahmad.

Die Familie, zu der neben Aymans Frau Bouthaina die Töchter Fatima (18), Mona (15), Jude (14), Ranim (13), Dima (9) und May (2) sowie Sohn Mohammad (6) gehörten, beschloss, zu fliehen. Zunächst nach Damaskus, dann nach al-Hasaka nahe der Grenze zur Türkei. Was dort begann, war eine Odyssee, die die Familie mehr als einmal an den Rand der Verzweiflung brachte und um ihr Leben fürchten ließ.

Von al-Hasaka aus machte sich Ayman Anfang September vergangenen Jahres allein mit der 18-jährigen Fatima und der heute neunjährigen Dima auf den Weg über die Grenze und quer durch die Türkei. Warum nur sie? „Ich hatte gehofft, sobald ich in Deutschland bin, kann meine Familie offiziell im Zuge der Familienzusammenführung nachkommen. Weil Fatima schon 18 war, hätte das aber für sie nicht gegolten. Und die kleine Dima habe ich mitgenommen, weil ich hoffte, dass es dann schneller gehen würde, dass die Behörden einem Kleinkind nicht die Mutter vorenthalten würden.“ Es kam anders.

Zweijährige stirbt an der Grenze

Drei Tage waren die drei durch die Türkei unterwegs, dann setzten sie mit einem Schlauchboot nach Samos über. Die griechischen Behörden setzten sie auf ein Schiff nach Athen – für die Überfahrt zahlen mussten sie selber. Von dort ging es über die noch offene Grenze nach Mazedonien und per Bus weiter nach Serbien. Wieder auf eigene Kosten reisten die Al Ahmads per Zug nach Ungarn, von wo sie auf Staatskosten ebenfalls per Zug nach Österreich geschickt wurden.

Einen Tag lang mussten sie an der Grenze ausharren, dann ging es weiter nach München und von dort nach Dortmund. Am 24. September, nach 20-tägiger Flucht, wurden sie dort als Flüchtlinge registriert. „Die griechischen, österreichischen und deutschen Behörden haben uns gut behandelt“, sagt Ayman Al Ahmad.

Über Handy hielt er die ganze Zeit über Kontakt zum Rest seiner Familie im syrischen al-Hasaka. Dort verbrachte seine Frau die wohl bitterste Zeit ihres Lebens. Weil das Asylverfahren ihres Mannes sich hinzog und beide die Hoffnung auf eine offizielle Familienzusammenführung aufgegeben hatten, hatten sie beschlossen, dass auch Bouthaina und ihre übrigen Kinder die illegale Tour über die berüchtigte Balkanroute versuchen sollten.

Neunmal hatte die gelernte Krankenschwester mit ihren Kindern bereits mit Hilfe von Schleusern versucht, in die Türkei zu gelangen – jedes Mal waren sie gefasst und zurückgeschickt worden. Immer nur nachts unterwegs, hatten sie sich immer wieder auf den eisigen Boden geworfen, wenn die Scheinwerfer der Grenzpatrouillen auf sie zu schwenkten. Die zweijährige May, die mit einem Herzfehler zur Welt gekommen, aber nun zu schwach war für eine dringend nötige Operation, überstand die Anstrengungen bei Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt nicht. Fernab jeder medizinischen Versorgung starb die Kleine am 16. Februar.

Beim zehnten Versuch kamen Bouthaina und ihre Kinder über die Grenze. In 23-stündiger Busfahrt brachten Schleuser sie nach Izmir. Von dort ging es bei unruhiger See in einem mit Wasser vollgeschlagenen Schlauchboot nach Mytilini auf der griechischen Insel Lesbos und weiter an die inzwischen geschlossene griechisch-mazedonische Grenze. Vier Monate mussten Bouthaina Al Ahmad und ihre Kinder mit 8000 weiteren Flüchtlingen in einem kleinen Zelt im Lager Idomeni ausharren.

„Die haben dort richtig gelitten“, sagt Ayman. Miserable Verpflegung, miserable Unterbringung, miserable sanitäre Verhältnisse. Nicht alle ertrugen das mit Gelassenheit. Gegen verzweifelte junge Männer, die die Hoffnung auf eine Öffnung der Grenze bereits aufgegeben hatten, gingen mazedonische Wachleute mit Tränengas vor. Das traf auch die Kinder der Familie Al Ahmad. Sie mussten in einem Krankenhaus behandelt werden.

Mit Schleusern aus Afghanistan und Afrika versuchte die Familie über die Grenze zu kommen. Von 8 Uhr abends bis 5 Uhr morgens liefen sie durch Wälder, wurden erwischt und zurückgeschickt. Bei einem zweiten Versuch wurde die Familie weiter getrennt: Zwei Mädchen schafften es, Mutter und zwei weitere Kinder blieben zurück. In einem Kühltransporter, der alle sechs Stunden eine Pause einlegte, brachten Schleuser die beiden Mädchen nach Köln, wo sie von ihrem Vater – der per Handy informiert war – abgeholt wurden.

Das war vor sechs Wochen. Zehn Tage später kamen auch Mutter Bouthaina und ihre beiden weiteren Kinder endlich in Deutschland an. Die Al Ahmads hatten Glück: Zunächst in der Flüchtlingsunterkunft Stich 30 untergebracht, können sie heute eine frisch renovierte 90-Quadratmeter-Wohnung in der Gutenbergstraße beziehen.

Und von einer guten, lebenswerten Zukunft träumen. Tochter Dima hat in drei Monaten schon gut Deutsch gelernt. Und Freundinnen hat die Drittklässlerin der Grundschule Bohl auch etliche: Lisa, Sina und Klara zum Beispiel. Ihre Lieblingslehrerin: „Frau Broedel!“ Ihr Berufswunsch: „Ärztin!“

Überhaupt: sehr gute Noten hatten alle Kinder der Al Ahmads, damals in Syrien. Fatima hatte begonnen, petrochemische Ingenieurwissenschaften an der al-Furat-Universität zu studieren. Mit sehr guten Leistungen. Heute gibt es in 80 Prozent Syriens keine Schulen mehr. Die Kinder, die dort jetzt heranwachsen, bleiben Analphabeten.

Dass seine Frau Bouthaina, wenn sie demnächst Deutsch gelernt haben wird, als Krankenschwester gute Aussichten auf eine Stelle hat, daran zweifelt Ayman nicht. Und auch er will möglichst schnell Deutsch lernen, um als E-Techniker arbeiten zu können. Syrien – das ist Vergangenheit. Die Zukunft heißt Deutschland. Willkommen in Eschweiler.

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