Eschweiler - Evangelische Kirchengemeinde trennt sich von der Friedenskirche

Evangelische Kirchengemeinde trennt sich von der Friedenskirche

Von: Rudolf Müller
Letzte Aktualisierung:
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Von 1962: Die schäbige Fassade der Friedenskirche an der Friedrichstraße. Foto: Rudolf Müller
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Die Pfarrer Thomas Richter (links) und Dieter Sommer am Altar der Friedenskirche. Die Fenster im Hintergrund sind komplett aus Kunststoff.
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Dieses Foto von zeigt das bald zum Verkauf stehende Pfarrhaus. Foto: Rudolf Müller

Eschweiler. Zugegeben: Äußerlich hat sie etwas vom Betoncharme eines 60er-Jahre-Hallenbads. Oder eines Hochbunkers. Letzteres trifft‘s wohl eher, war es doch die Bundeswehr, die die Friedenskirche an der Friedrichstraße 1962 erbauen ließ. Warum die Soldatenkirche weitab vom Kasernengelände entstand? Auf die Frage gibt‘s seitens der heute Verantwortlichen nur Schulterzucken.

Tatsache ist: Wenige Jahre später baute die Bundeswehr eine neue Kirche innerhalb der Kaserne, und die Friedenskirche, die auch von Anfang an „zivil“ mitgenutzt wurde, wurde der evangelischen Kirchengemeinde übertragen.

Seit fünf Jahren ist Thomas Richter dort Pfarrer. Für ihn, der zuvor einige Jahre am Altenberger Dom, einem der schönsten Gotteshäuser Deutschlands, tätig war, muss der Umzug an die Friedrichstraße ein Kulturschock gewesen sein. Ein viereckigen Betonbau als Kirche – und dazu noch einer, der seine besten Jahre längst hinter sich hat. Gemeinsam mit dem damaligen Presbyteriumsvorsitzenden Pfarrer Dieter Sommer und den übrigen Gemeinde-Oberen hat Richter errechnet, dass die Friedenskirche in den nächsten Jahren einen dringenden Sanierungsbedarf im Wert von einer Million Euro hat – „und das ist für uns nicht zu stemmen!“ Erarbeitet wurden die Zahlen im Rahmen der Gebäudestrukturanalyse, die – wie das Kirchliche Immobilienmanagement auf der katholischen Seite - via Bestandsaufnahme klären soll, wo gespart werden kann.

Rostige Armierungen

„Die Friedenskirche ist vor 53 Jahren als reiner Zweckbau errichtet worden. Zu einer Zeit also, in der Energie noch keine Rolle spielte. All die Mini-Fenster, die wie Glasbausteine aussehen, sind in Wirklichkeit aus Plastik. Durch sie heizen wir den halben Stadtwald mit.“ Feuchtigkeit machte die Orgel schon sanierungsbedürftig, rostige Eisenarmierungen lassen den Beton wegplatzen und sorgen für Risse. Die auf dem Plattenboden quietschenden Stühle sind noch dieselben wie anno 62. Und als Gemeindezentrum ist der Bau ziemlich ungeeignet, gibt es hier doch nur einen Besprechungsraum für etwa 20 Personen – und die längst erneuerungsbedürftigen Toiletten finden sich fern vom Geschehen im Keller. Und für all das summieren sich die Heizungs- und Stromkosten auf bis zu 30000 Euro jährlich. Ohne die Kosten für die Gartenpflege und den Unterhalt des etwa 200 Quadratmeter großen Pfarrhauses.

Umzug nach St. Barbara

Pfarrer Richter und das Presbyterium waren sich schnell einig: Die Kirche muss weg. Noch fällt zwar den Gläubigen nicht im wörtlichen Sinne die Decke auf den Kopf, aber all das nachzuholen, was über die Jahre an Sanierungsbedarf liegengeblieben ist, ist für die Gemeinde schlichtweg unmöglich. Insbesondere vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung sinkender Mitgliederzahlen und rapide rückläufiger Einnahmen. Richter: „Es darf nicht sein, dass wir unser letztes Geld ausgeben, um Kirchen als Heimatmuseen zu erhalten.“

Aber wohin mit den Gläubigen? Etwa 40000 Kirchen gibt es in Deutschland, ganze 70 davon werden simultan genutzt – also abwechselnd von katholischen und evangelischen Christen. Eine dieser Kirchen ist der Altenberger Dom, an dem Richter, wie gesagt, lange Jahre tätig war. Was lag da für ihn näher, als das Gespräch nicht mit seinen evangelischen Glaubensbrüdern und -schwestern, sondern auch mit seinem katholischen Gegenüber Hannokarl Weishaupt zu suchen, der wiederum seine Kirchenoberen bis hin zum Bischof einschaltete. Und alle waren von der Idee angetan. „Es wäre ja auch zu dumm, jetzt die Friedenskirche zu schließen und in zwei-drei Jahren dann auch die Barbarakirche mangels Nutzung zu entwidmen. Wenn wir uns die Kirche teilen, sollte ihr Erhalt auf Dauer sichergestellt sein“, hofft Richter. Die Unterhaltungskosten der Barbara-kirche können man sich teilen. Richter erhofft sich davon sogar eine Belebung des evangelischen Gemeindelebens im Stadtteil. „Der schmucklose Betonklotz hat viele abgeschreckt. Vor allem Trauungen und Taufen wurden lieben in der ,klassischen‘ Dreieinigkeitskirche abgehalten. Jetzt gibt es die Barbarakirche als Alternative.“

Auch die Gemeindegruppen – Frauenfrühstück, Seniorengruppen, Handarbeitskreis etc. – ziehen um ins Gemeindezentrum von St. Barbara, um dort eventuell sogar mit den dortigen Angeboten verschmolzen zu werden. „Pfarrer Weishaupt hat schon laut überlegt, ob man tatsächlich katholisch oder evangelisch kaffeetrinken kann“, schmunzelt Richter. Beiden liegt offenkundig sehr daran, aus dem bisherigen Nebeneinander immer mehr ein Miteinander zu machen. Das geht so weit, dass die evangelischen Gläubigen inzwischen wie ihre katholischen Mitchristen im Gottesdienst nach vorne gehen, um sich die Oblate abzuholen. Der Unterschied: „Bei uns bekommt, wer möchte, noch einen Schluck Wein dazu.“

Mehrfamilienhäuser geplant

Was aus der Friedenskirche wird, ist noch offen. Es gibt Bestrebungen, sie zur Urnenkirche umzugestalten. Was aber ebenso wie Überlegungen, sie zur weiteren Aula für die gegenüberliegende Gesamtschule Waldschule umzufunktionieren, den Sanierungsbedarf kaum mindert. wahrscheinlichsten ist, die Kirche (Grundfläche rund 450 Quadratmeter) und ihr etwa 25 Meter hoher Glockenturm werden „niedergelegt“, sprich: abgerissen und das rund 6500 Quadratmeter große Grundstück wird mit einem Mehrfamilienhaus bebaut. Das 200 Quadratmeter große Pfarrhaus wird als Einfamilienhaus verkauft. Dazu aber müssen höhere Kirchenkreise noch ihre Zustimmung geben.

Abschied und Neubeginn

„Auf keinen Fall wird die Friedenskirche als ,werdende Ruine‘ zurückbleiben“, betont Thomas Richter. Was zurückbleiben wird, sind die Glocken. Während die Orgel über eine Fachfirma verkauft werden soll, werden die Glocken zunächst einmal eingelagert. Das mit dem Geläut der Dreieinigkeitskirche abgestimmte Geläut könnte später einmal dem der Dreieinigkeitskirche zugefügt werden.

Am Pfingstmontag läuten sie zum vorläufig letzten Mal. Dann werden in beiden Kirchen um 10 Uhr Gottesdienste gefeiert, ehe sich die Gemeinde im Anschluss auf der Friedrichstraße treffen, um gemeinsam zur Barbarakirche zu ziehen und dort einzuziehen.

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