EU-Parlaments-Chef Schulz zu Gast im Antonius-Hospital

Von: ran
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Blick in die Zukunft: Aufmerks
Blick in die Zukunft: Aufmerksam lauschten Martin Schulz (3. v. l.) und Stefan Kämmerling (links), als Elmar Wagenbach (2. v. r.) im Beisein von Professor Dr. Uwe Janssens (2. v. l.), Dr. Andreas Frick (3. v. r.) und Rudolf Henke am Modell die kommenden Bauvorhaben am St.-Antonius-Hspital erläuterte. Foto: Andreas Röchter

Eschweiler. Es ist ein Minenfeld - das Gesundheitswesen. Steigende Kosten, demographischer Wandel, immer höhere Anforderungen an Ärzte und Pflegepersonal - die Probleme sind vielfältig. Bei einem Besuch des St.-Antonius-Hospitals machte sich nun am Samstagnachmittag mit Martin Schulz der Präsident des Europäischen Parlaments ein Bild von der Situation.

In Begleitung von SPD-Landtagskandidat Stefan Kämmerling stand neben der Besichtigung einiger Stationen des Krankenhauses eine Diskussion auf dem Programm, an der auch der Bundestagsabgeordnete Rudolf Henke, Vorsitzender der Ärztegewerkschaft „Marburger Bund” und ehemaliger Arzt am St.-Antonius-Hospital, teilnahm.

Pünktlich um 16.30 Uhr konnten der Kuratoriumsvorsitzende Pfarrer Dr. Andreas Frick sowie der Geschäftsführende Vorstand Elmar Wagenbach die kleine Delegation um Martin Schulz im Foyer des indestädtischen Krankenhauses begrüßen. Kurz darauf führte Professor Dr. Uwe Janssens, Chefarzt der Klinik für Innere Medizin und Internistische Intensivmedizin, den Europapolitiker auf die Mitte März eröffnete „Intermediate Care Station”, die als Übergangsstation zwischen Normal- und Intensivstation umfassende Versorgungs- und Überwachungsmöglichkeiten bietet, sowie in das Herzkatheter-Labor, in dem pro Jahr rund 3000 Untersuchungen stattfinden. „Dieses Labor ist an sieben Tage in der Woche rund um die Uhr besetzt. Zahlreiche Patienten aus der gesamten Region, darunter sehr viele Notfälle, werden hier betreut”, teilte der Mediziner den beeindruckten Besuchern mit.

Im Konferenzraum des Hospitals wurden dann jedoch auch kritische Töne laut. Elmar Wagenbach forderte als Voraussetzung, das hohe medizinische Niveau halten zu können, zuverlässigere Rahmenbedingungen. „Nach nun fast 20 Jahren im Krankenhausmanagement kenne ich nur und einzig den Vorwurf, dass die Kosten in den Krankenhäusern steigen und damit der Volkswirtschaft Schaden zugefügt wird.”

Zwei von starken Einschnitten geprägte Jahrzehnte hätten Spuren hinterlassen. Nicht in erster Linie bei den Patienten, sondern bei den Mitarbeitern. „Wir sind in einigen Bereichen kaum noch in der Lage, qualifiziertes Personal einzustellen, weil die Zukunftsaussichten im Krankenhaus zu schlecht sind”, berichtete der Geschäftsführende Vorstand. Der Vorwurf, in Krankenhäuser werde zuviel operiert, zeige eindeutig, dass nun auch über die Rationierung von medizinischen Leistungen nachgedacht werde.

Auf der anderen Seite werde aber in Erwägung gezogen, die Rücklagen der Gesetzlichen Krankenkasssen in Höhe von 20 Milliarden Euro allen Versicherten als Wahlgeschenk zukommen zu lassen. „Ich bin fest davon überzeugt, dass bei einer Befragung der Bürger sich die Mehrheit für eine stabile Finanzierung der Krankenhäuser und nicht für eine Rationierung der Medizin und der gleichzeitigen Ausschüttung von ein paar Euro entscheiden würden”, erklärte Elmar Wagenbach, der auch der Landesregierung einige Aufgaben ins Stammbuch schrieb. „Die Finanzierung von Baumaßnahmen in Form der Baupauschale ist ein Schritt in die richtige Richtung. Aber das Land kommt seiner Verpflichtung der dualen Finanzierung nur nach, wenn die Summe der pauschalen Fördermittel auch dem Bedarf entspricht.”

Die immer offensichtlicher zutage tretende Rationierung medizinischer Leistungen prangerte auch Professor Dr. Uwe Janssens an: „Ich war sehr erstaunt, als ich vor kurzer Zeit zu den Budgetverhandlungen unseres Hauses mit den Krankenkassen gerufen wurde, um zum wiederholten Mal Stellung zu einem Verfahren mit einer miniaturisierten Herz-Lungen-Maschine zu nehmen, das wir zukünftig zur Verbesserung der Versorgungsqualität schwerst erkrankter Patienten im Herzkatheterlabor sowie auf der Intensivstation anwenden wollen. Und dies obwohl die wissenschaftlichen Fakten den Krankenkassen im Vorfeld mitgeteilt wurden. Meine Darstellung wurde meines Erachtens bewusst missverstanden, das Verfahren nicht genehmigt”, schüttelte der Leiter der Klinik für Innere Medizin den Kopf.

Nachdem Schulz den Ausführungen aufmerksam zugehört hatte, trat er nun selbst an das Rednerpult. „Auch ohne Gesundheitspolitiker zu sein, bin ich mir der gesellschaftspolitischen Dramatik dieses Themas bewusst. Die Aufforderung zum gesellschaftlichen Diskurs ist gerechtfertigt”, begann er. Klar müsse aber auch sein, dass die medizinische Versorgung in Deutschland nach wie vor unvergleichbar gut sei.

„Dies wollen die Menschen dieses Landes allerdings nicht zur Kenntnis nehmen”, nahm Martin Schulz kein Blatt vor den Mund. Es bestehe ein hoher Anspruch an den Staat, obwohl die meisten Bürger nicht wüssten, wie das als Solidargemeinschaftssystem aufgebaute Gesundheitswesen funktioniere. „Es bedarf der Aufklärung über die Macht der Krankenkassen”, so der Sozialdemokrat. „Wenn die Verbesserung der Versorgung an administrativen Strukturen scheitert, ist dies ein Skandal”, wurde er deutlich. Es sei nicht akzeptabel, dass Mediziner ihre Schritte Nichmedizinern gegenüber begründen müssten.

Einen Blick in die Zukunft warf Rudolf Henke: „Momentan ist jeder zehnte Arbeitsplatz in Nordrhein-Westfalen im Bereich des Gesundheitswesens angesiedelt. Soll die Betreuungsintensität gleich bleiben, wird das Verhältnis in 30 Jahren in Anbetracht des demographischen Wandels bei 1:4 liegen. Die Nachfrage nach Fachkräften wird also eminent sein”, erklärte das Mitglied des Bundestags, der dazu aufrief, die Diskussion nicht zu emotionsgeladen zu führen. „Kein Abgeordneter, egal welcher Fraktion, verfolgt das Ziel, Hüftoperationen für wen auch immer auszuschließen”, versicherte er.

Auf europäischer Ebene sei die Lösung dieser Probleme schwierig, bekannte Martin Schulz abschließend. „Aber als Präsidiumsmitglied der SPD nehme ich als Ergebnis dieser Diskussion mit, dass ihre Sorgen zunehmen”, machte er deutlich, dass die Worte der Verantwortlichen des St.-Antonius-Hospitals nicht auf taube Ohren gestoßen sind.
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