ETV: Wie die NS-Zeit den Verein veränderte

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Das Hotel Schützenhalle wurde 1864 erbaut und 1957 abgerissen. Nach dem Krieg wies der Saal der Halle bereits Schäden auf. An dieser Stelle steht heute die Sparkasse. Foto aus „Eschweiler. Die Stadt in Bildern vergangener Tage“, M. Bierganz/R. Müller Foto: „Eschweiler. Die Stadt in Bildern vergangener Tage“, M. Bierganz/R. Müller
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Der ETV bot seinen Mitgliedern stets viel: Zum Beispiel eine sogenannte Goetzwanderung zur Laufenburg im Jahre 1954. Foto: ETV

Eschweiler. Im dritten Teil der Chronik zum 150-jährigen Bestehen des Schweiler Turnvereins stehen die Entwicklungen zwischen den beiden Weltkriegen sowie in der Krieg- und Nachkriegszeit im Mittelpunkt. 1927 feierte der Eschweiler Turnverein sein 60-jähriges Bestehen.

Die Festschrift verfasste Wilhelm Hommelsheim, die Rede beim Festakt hielt Wilhelm Seeger, Lehrer am hiesigen Gymnasium. Seit ihrer Gründung im Jahre 1899 hatte sich die Schwimmerabteilung im Eschweiler Turnverein in außerordentlicher Weise entwickelt. Im Jahre 1924 trat sie der Deutschen Schwimmerschaft bei, und ab 1928 war sie selbstständige Abteilung im ETV – in der Stadt nicht mehr wegzudenken.

Bei der Jahreshauptversammlung am 17. März 1928 beschloss der Verein, Turner und Schwimmer in je einer besonderen, selbstständigen Abteilung gleichzustellen und über beide einen gemeinsamen Hauptvorstand zu setzen.

Der Abteilungsleiter und zwei weitere Vorstandsmitglieder der Schwimmabteilung erhielten Sitz und Stimme im Hauptvorstand. Den Vorsitz für den Gesamtverein übernahm Dr. G. Reiche, die Turnabteilung führten F. Kessel, F. Ney, A. Vieten und F. Schlumberger. Leiter der Schwimmabteilung waren H .Kraemer, J. Distelrath und P. Wenzel.

1932 gründeten Turner und Schwimmer des Vereins unter Leitung von Willi Nießen eine Kanuabteilung und bauten ein Kanuheim am Urftsee, das in den Vorkriegsjahren rege genutzt wurde. Nießen und sein Freund Wolter fuhren schon in den 20er Jahren Kanu. Da besonders Willi Wolter sich für das Flüsse-Fahren begeisterte, kam es zur Trennung, sodass die Turner am Urftsee blieben und Willi Wolter und Willi Nießen den heutigen Kanuclub gründeten. Es sollte später wieder zu einer Vereinigung kommen, aber der Zweite Weltkrieg vereitelte dieses Bestreben.

Ab dem Jahr 1929 gab es in der Chronik aus unbekannten Gründen keine Berichterstattung mehr. Das Buch springt von der Seite 189 zu 190 vom Jahre 1929 auf das Jahr 1947, in dem der Turnbetrieb nach dem verheerenden Zweiten Weltkrieg wieder aufgenommen wurde.

Als einzige Quelle für Nachrichten aus dieser Zeit kann nur die Festschrift zum hundertjährigen Bestehen des Eschweiler Turnvereins im Jahre 1967 dienen. Dort wird berichtet, dass im Jahre 1933 eine stattliche Anzahl Turner und Schwimmer das große Deutsche Turnfest in Stuttgart erlebte und die Turnerin Henriette Wolter, später Ruland, Turnfestsiegerin wurde. Die Schwimmer Hermann Kraemer, Michel Lersch und Hugo Bitter siegten ebenfalls. Weiterhin heißt es, dass 1934 der Reichsbund für Leibesübungen gegründet wurde und in dieser Zusammenfassung aller Turn- und Sportvereine die Deutsche Turnerschaft als stärkste Fachsäule aufging.

1937 übernahm Fritz Kinkel die Führung des Vereins und man feierte das 70-jährige Bestehen. Ein Bild von diesem Fest zeigt in der Dekoration zwei große Hakenkreuze anstelle der Vereinsfahne – ein Zeichen, dass auch in diesem Verein die Nazizeit begonnen hatte. Zuletzt wird noch über das Deutsche Turn- und Sportfest in Breslau im Jahre 1938 berichtet.

Dort wurde der Turner Peter Kelleter zur Freude des Vereins Turnfestsieger, aber das Naziregime hatte längst die Führung übernommen, und so schrieb Claus Recker, langjähriger Gauvorsitzender und Augenzeuge dieser Zeit : „Der „Wandel“ hatte im Gau und seinen Vereinen wie andernorts auch personelle Konsequenzen. Wer den neuen Machthabern (politisch) nicht ins Konzept passte, musste gehen. War früher das kritische Wort in Turnkreisen nichts Ungewöhnliches, so konnte dies jetzt böse Folgen haben.“

Das Naziregime hinterließ nach dem sechsjährigen Krieg die Völker Europas in Not und Elend. Viele Mitglieder des Vereins verloren als Soldat oder im Bombenkrieg ihr Leben, Väter kamen nicht zurück, die Familien wurden auseinandergerissen, Häuser und Wohnungen zerstört, eine vollkommen ungewisse Zukunft stand bevor.

Doch schon bald wagten es einige getreue Überlebende, den Verein wieder ins Leben zu rufen. Trotz Verbotes der Besatzungsmacht versammelten sich Ende 1946 im Lokal des Turnbruders A. Maubach (heute „Cesare“) die Turner A. Stockem, W. Seeger, J. Iven, A. Huppertz und Fritz Ney hinter verschlossenen Türen und besprachen die Möglichkeit zur Wiederbelebung des Turnbetriebes. W. Seeger schlug vor, einen Aufruf zu einer Generalversammlung an alle erreichbaren ehemaligen Turner und Turnerinnen heimlich zu verteilen.

1947 wurde schließlich die Generalversammlung mit Genehmigung der Besatzungsmacht unter gewissen Einschränkungen im Lokal Maubach durchgeführt. Die anwesenden 38 Turner und Turnerinnen wählten den Vorstand: W. Seeger: Vorsitzender; Jos. Iven: Geschäftsführer; N. Ohligschäger: Kassierer; Chr. Moll: Männerturnwart; Ida Ney: Frauenturnwartin; F. Ney: Jugend; Jonny Iven: Spielwart. Beisitzer wurden A. Stockem und A. Huppertz.

Auch der Turn- und Schwimmübungsbetrieb wurde kurzfristig und wiederum mit Einschränkungen der Besatzungsinstanz genehmigt. Obwohl Kohlenmangel den Turnern die Turnhalle, den Schwimmern ihre Schwimmhalle versperrte, fand die Jugend zum sportlichen Tun zurück. Zunächst suchten die Mitglieder ihre verschleppten Turngeräte zusammen. Was beschädigt war, wurde „geflickt“, die Fenster der Turnhalle mit Brettern vorerst vernagelt.

Die Schwimmer wussten sich zu helfen, indem sie in Zusammenfassung aller Kräfte das Feuerlöschbecken auf dem ehemaligen Kasernenhof als Sommerschwimmbad herrichteten. Josef Distelrath wurde im Oktober 1947 nach dem Rücktritt von W. Seeger einstimmig zum Vorsitzenden gewählt, und im gleichen Jahr fand die Feier zum 80-jährigen Bestehen im Hotel Kaiserhof statt, da der Saal der Schützenhalle noch Kriegsschäden aufwies.

Der Chronist schrieb: „80 Jahre Eschweiler Turnverein gehen zu Ende in einer Zeit, die noch nie so schwer war. Aber allem zum Trotz heißt es wieder: „Das turnerische Leben im ETV ist wiedererweckt und hat einen sichtbaren Aufschwung genommen.“

An das Gymnasium Eschweiler wurde 1950 der aus der Turnmetropole Stolberg stammende Studienrat Willy Minderjahn versetzt, der sich sofort dem Turnverein anschloss und wesentlichen Anteil am turnerischen Erfolg der ETV-Jugend hatte.

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