Eschweiler Turnverein feiert 150-jähriges Bestehen

Von: Friedhelm Ebbecke-Bückendorf
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Das Hotel Schützenhalle an der Marienstraße (rechts im Bild) war lange Zeit eine erste Adresse in Eschweiler. Nur der Garderobenraum war viel zu klein... Foto: Archiv
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Im Jahr 1920 war in Eschweiler das Karnevalstreiben verboten. Da verstanden die Besatzungstruppen keinen Spaß. Repro: Ebbecke-Bückendorf

Eschweiler. Eigentlich, das muss jetzt einmal gesagt werden, waren ja die Franzosen schuld. Und die Belgier. Also die Besatzer. Aber das hat dem Eschweiler Turnverein nicht geholfen, damals, als all die Mäntel vertauscht oder gar gestohlen wurden, im Jahr 1920.

Die Geschichte findet sich im ältesten noch erhaltenen Protokollbuch des renommierten Vereins, der in diesem Jahr sein 150-jähriges Bestehen feiern kann. In dem dicken Wälzer wurden von 1907 bis 1953 die Ergebnisse von Vorstandssitzungen und Jahreshauptversammlungen festgehalten. Handschriftlich. Weil aber heute nur noch wenige Leute die alten deutschen Schreibschriften lesen können, ist die Sache mit der Garderobe des Hotels Schützenhalle, Vereinslokal des ETV seit alters her, nicht sehr bekannt geworden. Aber das lässt sich ja ändern.

Zurück in das Jahr 1920. Der Erste Weltkrieg war zu Ende, Deutschland hatte verloren, das Rheinland war besetzt. Eschweiler gehörte zur 4. Besatzungszone, in der offiziell Belgien das Sagen hatte. Tatsächlich kontrollierten aber bis August 1921 französische Truppen die Stadt. Auch der Ortskommandant war ein hoher französischer Offizier. Nothberg hingegen, heute Stadtteil von Eschweiler, war damals eine englische Besatzungszone; zeitweise markierte eine Postenkette die Grenze, die niemand ohne Erlaubnis überschreiten durfte.

Die Besatzer verhielten sich, wie sich Sieger manchmal verhalten: Nicht nur Einquartierungen, Ausgehverbote, Post- und Zeitungszensur, Straßensperren, Kuchenbackverbot und ähnliche Schikanen gab es, sondern auch Diebstähle, Vergewaltigungen und Misshandlungen. Besonders erbittert waren die Eschweiler Bürger über die „Marokkaner“. Tatsächlich waren es aber Algerier – Soldaten des „1er Régiment Mixte des Zouaves et Tirailleurs“, ein Regiment aus algerischen Schützen und Zuaven-Söldnern. Untergebracht waren sie in der Kaserne an der Gartenstraße.

Im Protokollbuch des Eschweiler Turnvereins lässt sich nachlesen, wie es bei der Besetzung Eschweilers Ende 1918 zuging: „Da die belgische Besatzung bei ihrem Einmarsch die in der Schützenhalle befindlichen Schränke zertrümmerte, sind nachfolgend aufgeführte Gegenstände verloren gegangen: 1 Schleuderball 35 Mark, 1 Fußball 30 Mark, 1 Schlagball 18 Mark ...“. Bis runter zu „8 Spielleinen à 2 Mark“ listete der Vereinskassierer einen Schaden von 179 Mark auf. „Auch der Schrank in der Turnhalle wurde zerbrochen und sämtliche Fächer geleert.“ Turnen mussten die Sportler damals eine Zeit lang auf einer Kegelbahn, denn Schützenhalle und Turnhalle des Realgymnasiums waren zeitweise von Soldaten belegt.

Nach 22 Uhr durfte damals niemand auf der Straße unterwegs sein. Arbeiter mit Nachtschicht brauchten einen Ausweis, der allmonatlich verlängert werden musste, natürlich gegen Zahlung einer Gebühr. Die Kommandantur ordnete an: „Die Arbeitgeber haben auf allen ausgegebenen Nachtausweisen für ihre Arbeiter in französischer Sprache zu bemerken, welchen Weg (genau nach Straßen) der Arbeiter von und nach der Fabrik zurückzulegen hat. Nur zu der Zurücklegung dieses Weges berechtigt der Nachtausweis.“

Für die Karnevalszeit gab es ein Kostümverbot. Am 14. Februar 1920 stand im Boten an der Inde zu lesen: „Verbot des Karnevalstreibens. Der Befehlshaber der vierten Zone, Generalleutnant Michel, erlässt folgenden Befehl: Jede Maskerade, jedes Tragen von Masken und jede Verkleidung in den Straßen, sowie in den öffentlichen Lokalen ist während der bevorstehenden Karnevalstage untersagt. Zuwiderhandelnde werden den Gerichten vorgeführt werden.“

Gefeiert wurde trotzdem. Einen Tag nach dem gerade zitierten Befehl feierte der Eschweiler Turnverein „in den festlich geschmückten Räumen des Hotels Schützenhalle“ Karneval. Allerdings gab es, wie in einer Zeitungsanzeige betont wurde, „anstelle des sonst üblichen Maskenfestes einen Ballabend“.

Los ging es an jenem 15. Februar 1920, dem Karnevalssonntag, bereits um 17 Uhr – schließlich durfte nach 22 Uhr niemand mehr auf der Straße sein. Das Fest „nahm einen sehr schönen und gemütlichen Verlauf“, berichtete die Lokalzeitung. Als dann allerdings die vielen Besucher heimgehen wollten, zumal ja die Ausgangssperre drohte, brach Chaos aus. Das Publikum stürmte den Garderobenraum, „und wer nicht gleich seine Sachen finden konnte, nahm die ersten besten“.

Der ETV klagte zwei Tage später in einer Zeitungsanzeige: „Durch das verwerfliche und durch nichts berechtigte Verhalten eines Teils der Festbesucher, welche ohne jede Berechtigung in den Garderobenraum drangen und unverantwortlich-frivoler Weise zur Selbsthilfe schritten, geriet die ganze Garderobe in Unordnung.“ Der Verein rief alle Besucher auf, die fremden Mäntel zurück zu geben: „Nur eiligste, dringendste Mitarbeit aller Beteiligten kann Ordnung schaffen.“

Tatsächlich wurden Mäntel zurück gebracht. Aber nicht alle. In der Folge hing der Haussegen zwischen dem Wirt der Schützenhalle, Huppertz, und dem ETV schief. Seine nächste große Veranstaltung führte der Verein nicht in der Schützenhalle durch, sondern im Hotel Wantzen an der Marktstraße. Solange der Schützenhalle-Wirt nicht „durchgreifende Maßnahmen“ treffe, um Vorkommnisse wie beim Karnevalsfest zu verhüten, sei der Vorstand „nicht gewillt, die Verantwortung betreffs der Garderobe zu übernehmen“. Zumal der Raum, der als Garderobe benutzt worden war, „unzureichend und überhaupt nicht zu diesem Zweck eingerichtet“ gewesen sei. So stand es später im Jahresbericht.

Der Verein war nämlich von mehreren Festbesuchern verklagt worden, die ihre Bekleidung nicht wiederbekommen hatten. Und die Festgäste gewannen den Prozess! Der Eschweiler Turnverein wurde „zur Zahlung hoher Entschädigungen verurteilt“. Bis der ETV wieder in sein Vereinslokal Schützenhalle zurückkehrte, gab es „lange, schwierige Verhandlungen“ mit dem Vereinswirt, heißt es im Protokoll einer Vorstandssitzung vom August 1920.

Am Ende erklärte Huppertz sich bereit, die Hälfte der vom Gericht festgesetzten Kosten für die gestohlenen und nicht zurück gebrachten Mäntel zu übernehmen. Und zusätzlich noch „einen ansehnlichen Zuschuss“ zu den nächsten drei Festen des Vereins zu zahlen. Der Schriftführer des Vereins: „Dafür stellten wir ihm das Sommerfest, ein Winterfest und den Oktober-Kirmesball in Aussicht.“

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