Eschweiler - Eschweiler ist ein wenig der Nabel der Welt

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Eschweiler ist ein wenig der Nabel der Welt

Von: Rudolf Müller
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Vorzeigestadt Eschweiler: Drei Dutzend Führungskräfte der Vereinten Nationen informierten sich vor Ort über die Bemühungen, Strategien und Erfolge der Indestadt in Sachen Strukturwandel. Eschweiler gilt bei den Vereinten Nationen als beispielhaft. Schon jetzt haben zwei weitere Gruppen der UN sich hier zu Informationsbesuchen angesagt. Foto: Rudolf Müller
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Den Braunkohletagebau und dessen bevorstehendes Ende nahm UN-Vertreter Michael Croft zum Anlass, Eschweiler eine Kooperation mit dem vietnamesischen Ha Long vorzuschlagen.

Eschweiler. Ihre Schreibtische stehen quer über die Welt verstreut: im jemenitischen Sanaa, in sri lankischen Colombo, im US-amerikanischen Washington DC, im paraguayischen Asuncion, im kongolesischen Brazzaville, im afghanischen Kabul, im vietnamesischen Hanoi, im nepalesischen Kathmandu, im ägyptischen Kairo und im indischen Delhi und im amerikanischen New York, um nur einige Städte zu nennen.

Von überall dort waren sie nun zur Fortbildung ins Rheinland angereist: hochrangige Führungskräfte der Vereinten Nationen (UN), Länderrepräsentanten von Unesco und Unicef, von Welt- und panamerikanischer Gesundheitsorganisation, UN-Bevölkerungsfonds, Internationaler Arbeitsorganisation, UN-Entwicklungsorganisation und Internationaler Organisation für Migration.

Ihr großes Thema: Strukturwandel und wie man ihn meistert. Und da gibt es für Patrick van Weerelt, den Leiter des UN-Mitarbeiter-Kollegs und Wissenszentrums für nachhaltige Entwicklung mit Sitz in Bonn nur eine Adresse: Eschweiler. Keine andere Stadt in Deutschland, so sagt er, könne in Sachen Strukturwandel und Nachhaltigkeit so viele Initiativen und Erfolge aufweisen wie Eschweiler.

Nachdem die UN im vergangenen August an die 100 Nachwuchskräften vor Augen geführt hatte, wie man in Eschweiler die enormen Aufgaben des Strukturwandels meistert, beeindruckte die Indestadt nun auch fast drei Dutzend UN-Führungskräfte. Darunter auch Michael Croft, den Kanadier, der die Unesco in Hanoi/Vietnam vertritt. Und dort gibt es im Norden des Landes, an der Küste, die Provinzhauptstadt Ha Long, die wie Eschweiler den Ausstieg aus der Kohle und den Übergang zu einer „grünen“ Ökonomie sucht. „Eschweiler ist da schon um einiges weiter“, lobte Croft am Abend im Rahmen einer Podiumsdiskussion am Blausteinsee. „Es wäre doch geradezu ideal, im Rahmen einer Städtepartnerschaft zu kooperieren.“

Bürgermeister Rudi Bertram hörte mit Freude von dem nahezu weltweiten Interesse an Eschweilers Antworten auf die Herausforderungen des Strukturwandels : „Wir wollen den Prozess, den wir hier durchlaufen, nicht für uns behalten. Meine Leute“, so Bertram mit Blick auf die neben ihm sitzenden Kollegen Eberhard Büttgen und Stephan Miseré, die Anfang März die brasilianische Kooperationspartnerstadt Alta Floresta besucht hatten, „fliegen auch gerne nach Vietnam.“ Allerdings: „Ich verspreche gar nichts. Eine kleine Stadt wie unsere darf sich nicht übernehmen.“

Begonnen hatte der Besuch der hochkarätigen Delegation am Mittag im Ratssaal, wo Eberhard Büttgen den Gästen die Geschichte Eschweilers seit seiner Industrialisierung erläuterte. Anschließend sprachen die internationalen Besucher mit Migranten über deren Erfahrungen hier und nahmen vor Ort in Augenschein, wie sich Strukturwandel, Tagebau und Renaturierung in und um Eschweiler manifestieren. Zum Beispiel in Morschenich, dem Dorf, das auf dem Weg zur Geisterstadt ist, weil seine Bewohner ihre Häuser räumen und den Tagebaubaggern überlassen müssen. Vom Indemann ging es in den Tagebau Inden und weiter zur Gedächtniskapelle Lohn, die an einstige Dörfer erinnert, denen das gleiche Schicksal widerfuhr.

Dass auch die Umsiedlung ganzer Ortschaften relativ problemlos vonstatten ging und die heute rekultivierten Gebiete – von wertvollen Agrarflächen bis hin zum Blausteinsee – die Landschaft aufwerten, erläuterte Rudi Bertram seinen interessierten Zuhörern bei der abschließenden Diskussion im Seehaus. Ausführungen, die für den gesamten, langwierigen Prozess des Strukturwandels gelten: „Es ist sehr wichtig, den Beteiligten zuzuhören und zu erfahren, wo der Bürger hin will, auch wenn man weiß, dass man nicht alle glücklich machen kann. Aber genauso wichtig ist es, ein Ziel zu formulieren, Entscheidungen zu treffen und sich in der Diskussion nicht verbiegen zu lassen. man muss allen Beteiligten zuhören und sie mitnehmen und dabei nicht in erster Linie aufs Geld, sondern auf die Bedürfnisse der Menschen sehen. Es ist ein schwieriger Weg, auf dem man auch oft enttäuscht wird – aber er lohnt sich.“

Nur gemeinsam lasse sich der Strukturwandel planen und umsetzen. Eine Aufgabe, an der man Tag für Tag arbeiten müsse, um Zukunftsarbeitsplätze zu generieren und den Menschen über das Braunkohlenende hinaus eine Perspektive zu geben.

Gemeinsam mit Rudi Bertram hatten sich RWE-Sprecher Jan Wolff, Gewerkschaftsvertreter Dietmar Krauthausen, Naturschutzbund-Sprecher Franz-Josef Emonts, Planungsamtsmitarbeiter Eberhard Büttgen, Wirtschaftsförderer Stephan Miseré und Matthias Schmitz, Umsiedler und Vorsitzender des Fördervereins Gedächtniskapelle, den vielfältigen Fragen der UN-Vertreter gestellt. Fragen nach der Übernahme von Verantwortung durch das RWE, nach den Auswirkungen von Tagebauen auf Fauna und Flora, nach der Einbindung junger Leute in die Wandlungsprozesse einer demografisch alten Stadt und nach der Beständigkeit von Planungen und Prozessen bei über die Jahre wechselnden Akteuren.

Dass Beständigkeit in Eschweiler kein Problemfall ist, unterstrich Dietmar Krauthausen: „Wir haben hier seit vielen Jahren einen gnadenlos agilen Bürgermeister, der die Sache nach vorne treibt. Und die Unternehmen ziehen mit.“

Rudi Bertram selbst beschreibt seinen Antrieb so: „Ich wünsche mir, dass in 50 Jahren unsere Enkel sich einmal umsehen und sagen: Die das damals begonnen haben, die haben alles richtig gemacht.“

 

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