„Eschweiler-Effekt“: Keine Angst vorm Heim

Von: Sonja Essers
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Allein im Alter: Senioren wollen nicht isoliert leben. Das ist ein Ergebnis einer groß angelegten Umfrage. Foto: Stock/Sabine Gudath

Eschweiler. Der Anteil der älteren Menschen steigt an – auch in der Indestadt. Derzeit leben in Eschweiler 24.000 Menschen, die älter als 50 Jahre alt sind. Ihr Wunsch: günstig, innenstadtnah und selbstbestimmt wohnen.

Das war das Ergebnis einer Umfrage, die im Rahmen des Projekts „Innenstadtnahes Wohnen für ältere Menschen in Eschweiler“ stattfand und am Donnerstagabend im Rathaus vorgestellt wurde. Überraschend: In einigen Punkten stimmen die Meinungen der Indestädter nicht mit dem bundesweiten Durchschnitt überein.

Im September hatten sich Mitglieder der Verwaltung, Bürger und Vertreter von Einrichtungen und Organisationen aus der Seniorenarbeit, Gesundheit, Dienstleistung und Wohnungswirtschaft zu einem ersten Planungsworkshop getroffen. Gefördert wird das Projekt vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

Das Projektteam, bestehend aus Jürgen Rombach (Leiter des Amtes für Soziales, Senioren und Integration), dem Seniorenbeauftragten Peter Toporowski, dem Demografiebeauftragten Eberhard Büttgen sowie den Arbeitsgruppenmoderatoren Johannes Burggraef und Piet Severijnen und dem wissenschaftlichen Berater Dr. Wolfgang Joußen hatte die Umfrage nach einem Workshop entwickelt.

Ergebnisse repräsentativ

Im Fokus des Abends standen die Ergebnisse, die von Joußen präsentiert wurden. 400 Indestädter, die über 50 Jahre alt sind, wurden anhand eines Zufallsprinzips ausgewählt, sollten den Fragebogen ausfüllen und diese wieder an die Verwaltung schicken. Joußen war mit dem Rücklauf, der bei 20 Prozent lag, sehr zufrieden. „Bei schriftlichen Befragungen liegt die Rücklaufquote in der Regel zwischen zwei und fünf Prozent. Deshalb ist eine Quote von 20 Prozent sehr hoch und die Ergebnisse sind repräsentativ.“

56 Prozent der Befragten sind weiblich, männlich sind 41 Prozent. Drei Prozent machten keine Angabe. Die Umfrage richtete sich an Einwohner ab 50 Jahre und wurde in die Altersgruppen 50-59, 60-69, 70-79, und über 80 Jahre eingeteilt. Die meisten Befragten (72 Prozent) leben mit einem Partner zusammen, zwölf Prozent sind alleinstehend. Im Seniorenheim wohnt ein Prozent der Befragten. Ein Großteil der Teilnehmer (55 Prozent) besitzt ein eigenes Haus oder lebt in einer Mietwohnung (36 Prozent). Außerdem waren aus jedem Stadtteil Befragte vertreten. Die Innenstadt dominierte. Dort leben 29 Prozent der Teilnehmer. 59 Prozent der Befragten sind zudem nicht mehr erwerbstätig.

Zunächst sollte der Effekt des demografischen Wandels einschätzt werden. Dabei kam heraus, dass eine hohe Chancenerwartung (38 Prozent), aber auch eine hohe Unsicherheit (36 Prozent) besteht. Der größte Wunsch für das Leben im Alter: möglichst lange und ohne fremde Hilfe leben (80 Prozent). Die Möglichkeit lange selbst Auto zu fahren, war weniger wichtig (45 Prozent). Auch die Themen Mobilität und Reisen spielten keine große Rolle. Das war gerade einmal 17 Prozent der Befragten wichtig. Diese Einstellung widerspreche allerdings dem bundesweiten Durschnitt, wie Joußen mitteilte.

Für 49 Prozent der Befragten ist es wichtig, nicht isoliert zu leben und einsam zu sein. Die weiteren Antwortmöglichkeiten, zu denen das Zusammenleben von jüngeren und älteren Menschen (elf Prozent) sowie die Teilnahme am sozialen Leben (33 Prozent) gehörten, wurden weitaus weniger angekreuzt. Nur acht Prozent der Teilnehmer wollen möglichst lange erwerbstätig bleiben, eine politische Partizipation ist nur sieben Prozent der Befragten wichtig. Joußen folgerte daraus, dass die Indestädter im Alter zwar nicht isoliert und einsam, allerdings ohne hohen sozialen und familialen Bezug leben wollen. Das Alterskonzept der Befragten sieht zudem eine Lebensphase ohne Erwerbsarbeit vor.

Im Bereich Hilfe und Unterstützung ergab die Umfrage, dass die Teilnehmer einen hohen Wunsch nach Autonomie, jedoch eine geringe Unterstützungserwartung an Angehörige und Bekannte haben. Nur 30 Prozent der Befragten gaben zudem an, ihren Lebensstandard im Alter halten zu wollen. Auch damit setzen sich die Inde-städter vom bundesweiten Trend ab, wie Joußen verriet.

Doch welche Altersgruppe setzt sich mit dem Thema Wohnen im Alter auseinander? Für die 50- bis 59-Jährigen sei dies noch kein großes Thema, meinte Joußen. Auf die Frage, ob im Alter eine kleinere Wohnung gewünscht sei, war die Antwort deutlich: Die Größe spielt keine wichtige Rolle. Wichtig sei jedoch, dass die Wohnung bezahlbar und altersgerecht sei (70 Prozent). Zwölf Prozent der Befragten sind bereits in eine kleinere Wohnung gezogen. Dabei schwankt die Wohnungsgröße der Befragten zwischen 45 und 88 Quadratmeter. Die ideale Wohnungsgröße liegt für 17 Prozent der Teilnehmer zwischen 60 und 70 Quadratmeter.

Wunsch nach Eigentum

Die Befragung ergab zudem, dass die Teilnehmer mit ihrem Wohnstandort zufrieden sind (86 Prozent). Dabei müsse allerdings berücksichtigt werden, dass 29 Prozent der Befragten in der Innenstadt leben, so Joußen. Als Zukunftsoption ist diese mit neun Prozent beliebter als der Stadtrand (drei Prozent).

Ein Großteil der Befragten (86 Prozent) wünscht sich so zu wohnen wie bisher. Trotzdem gibt es einen ausgeprägten Wunsch nach Eigentum (fünf Prozent). Barrierefreie Wohnungen sind für 61 Prozent wichtig, 54 Prozent möchten in einem barrierearmen Wohnquartier leben. Ein Wohnquartier mit einer ausreichenden Anzahl gut erreichbarer Geschäfte für den täglichen Bedarf liegt 63 Prozent am Herzen. „Die Idealwohnung im Alter sollte bezahlbar, geschäftsnah und barrierefrei in einem barrierearmen Wohnquartier liegen“, schlussfolgerte Joußen.

Erstaunlich oft wurde das Seniorenheim als denkbare Wohnform im Alter genannt (20 Prozent). Dass dies dem bundesweiten Durschnitt widerspricht, begründete Joußen so: „Wir nennen das den Eschweiler-Effekt. Das bedeutet, dass die Menschen hier mit den Seniorenheimen viele gute Erfahrungen gemacht haben und deshalb nicht davor zurückschrecken.“ Die Senioren-Wohngemeinschaft kam bei den Befragten weniger gut an (elf Prozent).

Um das Wohnen für ältere Menschen zu optimieren, wünschen sich die Befragten mehr altersgerechte Miet- und Eigentumswohnungen (58 Prozent), auch mehr Wohnanlagen für Pflege- und Nicht-Pflegebedürftige mit eigenen Wohnungen wurden oft von den Teilnehmern (49 Prozent) angekreuzt, wie Dr. Wolfgang Joußen den Besuchern mitteilte.

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