Eschweiler Bürgermeister Bertram: Positive Signale und große Baustellen

Von: Rudolf Müller und Patrick Nowicki
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Rudi Bertram
Hat auch im kommenden Jahr eine Menge Baustellen zu beackern: Bürgermeister Rudi Bertram. Foto: Nowicki

Eschweiler. Was war gut im zurückliegenden Jahr? Was schlecht? Was sind die großen Herausforderungen, denen Eschweiler sich im neuen Jahr stellen muss? Im Gespräch mit unseren Redakteuren Rudolf Müller und Patrick Nowicki macht Bürgermeister Rudi Bertram aus seinem Herzen keine Mördergrube.

Welche drei zentralen Themen kommen Ihnen mit Blick auf 2016 in den Kopf?

Bertram: Was mich umtreibt, sind die politische Stimmung im Land und die zum Teil erschreckenden Landtagswahlergebnisse mit dem Erstarken der Rechtspopulisten. Dies gilt auch für den Blick nach vorne, denn wir haben im kommenden Jahr sowohl die Landtagswahl NRW als auch die Bundestagswahl.

Was mich hingegen freut, ist die Tatsache, dass wir den Wirtschaftsstandort Eschweiler weiter nach vorne gebracht haben. Dies kann man deutlich erkennen. Wir konnten den Industrie- und Gewerbepark mit Ansiedlungen erweitern. Nunmehr sind die weiteren Flächen am RWE-Kraftwerk in Weisweiler, insbesondere im interkommunalen Industriegebiet „Am Grachtweg“, an interessierte Unternehmer mit dem Eigentümer RWE anzubieten.

Die Arbeitslosenzahl in Eschweiler ist allerdings mit 8,2 Prozent sehr hoch…

Bertram: Die ist natürlich zu hoch. Nur dies korrespondiert nicht mit den Anrufen, die ich fast täglich erhalte, dass Gewerbetreibende und Unternehmer immer wieder Mitarbeiter suchen. Wir haben in der Vergangenheit schwierige Situationen gehabt. Ich erinnere an die Insolvenz des Röhrenwerks, die aber nicht die Arbeitslosenquote hat steigen lassen.

Dies zeigt mir, dass die Mitarbeiter auf dem Arbeitsmarkt wieder eine Stelle gefunden haben. Der Wirtschaftsstandort Eschweiler ist also wirklich positiv zu sehen. Als dritten Punkt nenne ich die Marktumgestaltung. Diese politische Entscheidung stand zwar in der Kritik, aber ich glaube, sie war sinnvoll. Das höre ich von vielen Leuten. Der Weihnachtsmarkt brummte, das Music Festival war herrlich und die Aufenthaltsqualität, insbesondere in den Sommermonaten, ist wesentlich verbessert.

Fehlt an guten Nachrichten doch eigentlich die Entwicklung von City-Center und Hertie-Gelände, oder?

Bertram: Dies stimmt. Der Zustand des Hertie-Geländes hat mich lange auch persönlich sehr belastet. Tausende Mal wurden wir befragt, konnten und durften jedoch aufgrund verschiedener Interessenslagen nichts sagen. Als dann die Botschaft kam, dass die Kaufverträge durch die Herren Pieroth und Schumacher unterschrieben waren, sind uns Steine vom Herzen gefallen.

Die ersten Ideen zur städtebaulichen Ausgestaltung liegen nun vor. Wenn diese Ideen umgesetzt werden, bin ich mehr als zufrieden. Die Entwicklung des Hertie-Geländes ist natürlich die entscheidende Entwicklung in unserer Innenstadt in den kommenden zwei Jahren.

Sie sprachen die Landtagswahlen und die Ergebnisse an. Welche Konsequenzen ziehen Sie daraus?

Bertram: Wir müssen noch mehr informieren. Wir müssen noch mehr versuchen, den Bürgerinnen und Bürgern die komplizierten Zusammenhänge zu erläutern. Oft merke ich, dass sich das Meinungsbild der Menschen dreht, wenn sie weitergehende Informationen erhalten haben. Was mich oft wundert, ist, dass die Menschen verschiedene Informationen nicht erhalten, weil sie die Informationsquellen nicht kennen bzw. nutzen. Auch da müssen wir noch mehr auf die Leute zugehen.

Ich ärgere mich über mich selbst, dass ich mich nicht noch lauter und intensiver gegen die restriktive Sparpolitik gewehrt habe. Ich habe nun ein Beispiel am Gymnasium erlebt, wo ich mit Jugendlichen gesprochen habe. Die erste Aussage eines Schülers war sofort: „Mein Vater hat nur eine kleine Rente und für Flüchtlinge ist viel Geld vorhanden“. Da ist man zunächst sprachlos. Ich stehe nach wie vor dazu, dass wir die Menschen, die auf der Flucht sind, unterstützen. Die Bürgerinnen und Bürger hier vor Ort dürfen aber nicht das Gefühl haben, hintenan zu stehen. Dies hätte ich noch intensiver fordern müssen. Es ist anstrengend, aber jetzt im Wahlkampf gibt es eine Plattform, mit den Bürgerinnen und Bürgern ins Gespräch zu kommen und sich auszutauschen.

Die Rechten behaupten, einfache Lösungen anbieten zu können…

Bertram: Diesen Anspruch habe ich nicht. Diese Menschen versuchen, komplexen Sachverhalten und Fragestellungen ganz einfache Antworten zu entgegnen. Dies ist jedoch praxis- und realitätsfremd. Es wird wahnsinnig anstrengend, aber wir müssen den Leuten auch reinen Wein einschenken. Wir müssen bei der Wahrheit bleiben, sonst glaubt man der Politik nichts mehr.

Dann muss man sich um die Demokratie sorgen. Und dies treibt mich an, denn ich habe schon an anderer Stelle gesagt, dass ich immer auf der Sonnenseite des Lebens stand. Dies will ich verteidigen und insbesondere den nachfolgenden Generationen erhalten. Da werde ich auch deutlich und eckig und lasse mich nicht einschüchtern!

Woher sollen Ihrer Meinung nach die Arbeitsplätze kommen, die auch Menschen mit geringem Bildungsstand erreichen können?

Bertram: Man muss ehrlich sein, dass sich die Ansprüche an die Arbeitnehmer stark geändert haben. Nimmt man einen Logistiker als Beispiel: Selbst Helfer müssen heute mit Smartphones und Tablets umgehen können. Es sind nicht mehr Handlanger oder Hilfsarbeiter auf dem Bau gefragt, sondern man muss selbst bei einfachen Tätigkeiten mit modernen Maschinen und Kommunikationsmitteln umgehen können.

Wir können die Rahmenbedingungen schaffen, indem wir weitere Gebiete für Dienstleistung, Gewerbe und Industrie schaffen und diese an den öffentlichen Personennahverkehr anschließen. Was mich beim Thema Logistikstandort umtreibt, ist die Frage, wie dieser Wirtschaftszweig in zehn, zwanzig Jahren aussieht. Fallen diese Stellen im Zeitalter von Industrie 4.0 wieder weg? Was wir vorhaben, ist, Warenströme zu brechen und mit Menschenhand wieder zu steuern. Dann sehe ich darin eine Chance und Perspektiven. Die Menschen müssen auch am Arbeitsplatz im Mittelpunkt bleiben.

Wie passen die Pläne zum Industriedrehkreuz am Kraftwerk Weisweiler mit den Stolberger Plänen zum Railport am dortigen Hauptbahnhof zusammen?

Bertram: Dies passt zusammen. Die Gespräche laufen mit den großen Häfen an der Nordsee, die die Waren auf die Schiene hierhin bringen und die dann auf Lkw umgeladen werden. Dies darf natürlich nicht dazu führen, dass der Güterverkehr in Massen durch die Eschweiler Innenstadt rollt. Das weiß aber jeder. Wir müssen schauen, dass wir über die Hauptverkehrsachsen Anschlüsse hinbekommen.

Dieses Projekt wird im Rahmen der Innovationsregion Rheinisches Revier nach vorne gebracht und es kann erfolgreich sein. Ohnehin müssen wir uns beim Zweckverband Region Aachen immer wieder in Erinnerung bringen, denn auch andere Städte wollen mitmischen und profitieren. Die Hochschulen sind eingebunden und entwickeln innovative Ansätze.

Innovativ sollte auch das Camp 02 Zero im Propsteier Wald sein. Wie ist da der Stand der Dinge?

Bertram: Da gibt es nichts Neues, wir werden von der Bundesanstalt für Immobilienangelegenheiten hingehalten und darüber bin ich verärgert. Wir werden an diesem Projekt dranbleiben, aber die Unterstützung von „oben“ ist nicht vorhanden. Die Pläne werden aber politisch gehemmt, was sicherlich auch damit zusammenhängt, dass die Stolberger den Autobahnanschluss an die A4 haben möchten.

Es wird zunehmend schwieriger, Flächen zu entwickeln, weil der Landesentwicklungsplan klare Grenzen setzt. Wie begegnen Sie dem?

Bertram: Da müssen wir auch einmal über den Tellerrand schauen, auch mal in die Nachbargemeinden gehen, damit wir dort Tauschland erwerben können, denn Landwirte haben nicht mehr unbedingt den Anspruch, ihr Land direkt in der Nähe der Hofstelle zu haben. Entscheidend wird auch die Vermarktung der schon bestehenden Gewerbeflächen sein. An diesem Punkt müssen wir stärker nach draußen gehen und den Standort Eschweiler als Marke insgesamt präsentieren.

Eine Fläche, die es zu entwickeln gilt, ist das Areal am Rathaus. Die ersten Konzepte liegen vor. Was nicht angesprochen wurde, ist ein möglicher Rückbau der Indestraße. Ist das Thema vom Tisch?

Bertram: Dies ist nach wie vor ein Thema. Wenn wir nach Maastricht schauen, dann sehen wir, was möglich ist, wenn auch bei uns im kleineren Rahmen. Die sind in die Tiefe gegangen…

…was sehr viel Geld gekostet hat.

Bertram: Aber trotzdem sollte man diese Vision nicht aus dem Kopf lassen. Ich weiß, dass viele dann die Kosten erwähnen und hieraus ein KO-Argument machen. Aber ich glaube, dass wäre der Kick für die Innenstadt: oben Aufenthalts- und Lebensqualität schaffen und unten den Verkehr laufen lassen. Darüber hinaus haben wir den Vorteil, dass ein Fluss durch unsere Stadt fließt. Diesen müssen wir städtebaulich nutzen.

Werden erste Schritte dazu mit der Umgestaltung des Rathausvorplatzes eingeleitet?

Bertram: Dies ist natürlich angedacht, aber das Projekt am Rathaus will ich auch nicht überfrachten. Wenn es uns aber bei der Umgestaltung des Umfeldes gelingen würde, eine Treppe zur Inde zu ermöglichen, dann sollten wir diese Chance ergreifen und den Wasserverband mit ins Boot holen. Wir sollten nicht der typisch deutschen Krankheit unterliegen, jede Idee nach einer Welle von Bedenken sofort zu verwerfen. Da müssen wir als Politik und Verwaltung lernen, anders zu denken.

Wann werden die Kreuzung Langwahn und der Sticher Tunnel erledigt sein?

Bertram: Die Erweiterung des Tunnels dauert mindestens noch zehn Jahre. Es könnte sich etwas bewegen, wenn der Bahnübergang Jägerspfad geschlossen wird. Wir sind auch bei der Umgestaltung des Hauptbahnhofes schon wieder terminlich nach hinten geschoben worden. Was die Kreuzung Langwahn betrifft, so werden zwischen der Städteregion und Euregio-Verkehrsschienennetz-GmbH die Doppelpässe gespielt. Bis jetzt hat die Städteregion noch keine Haushaltsmittel für die Kreuzung eingestellt. Leidtragende sind die Eschweiler Bürger. Die Themen „Schrankenschließzeiten“ und „Durchfahrt für Rettungswagen“ geben wir immer wieder weiter, wie gewohnt passiert jedoch nichts.

In der letzten Ratssitzung meinte die Opposition, dass Bürgermeister Bertram und die Verwaltung die Politik bestimmen würden und nicht umgekehrt. Wer hat nun zu sagen: Der Bürgermeister oder die Ratsmehrheit?

Bertram: Der Rat der Stadt Eschweiler hat das Sagen. Dass die SPD mit absoluter Mehrheit die Politik bestimmt, ist Demokratie. Genauso ist es verständlich, dass zwischen einer SPD-Mehrheit und einem SPD-Bürgermeister eine Nähe vorhanden ist. Auf der anderen Seite ist dies eine Chance für die Opposition…

…, die allerdings behauptet, von SPD und Verwaltung in vielen Dingen außen vor gelassen zu werden.

Bertram: Absoluter Quatsch! Das stimmt nicht. Wir versuchen, alle zeitgleich zu informieren. Dass der Austausch zu einer Mehrheit intensiver ist, liegt in der Natur der Sache. Ich wundere mich, dass bei Etatreden einige aus der Opposition die Gunst der Stunde einer kritischen Auseinandersetzung nicht nutzen. Jeder bekommt die Information, wie jede anderer auch.

Blick nach vorne: Wann würden Sie sagen, dass 2017 ein gutes Jahr ist?

Bertram: 2017 ist ein gutes Jahr, wenn sich bei den Wahlen im Mai und September die Demokraten durchsetzen. Es wäre auch ein gutes Jahr, wenn die Menschen wieder sagen, dass man der Politik vertrauen kann, und sich unser soziales und gesellschaftliches Gefüge wieder stabilisiert. In diesem Zusammenhang wünsche ich mir, dass nicht aus jedem Erfolg ein Neidthema wird. Was mir auch wichtig ist: Ich werbe dafür, dass sich die junge Generation politisch engagiert. Ich wünsche allen Bürgern ein frohes Weihnachtsfest und ein gutes, gesundes sowie friedliches Jahr 2017.

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