Es gibt keinen Leitfaden für Gewaltopfer

Von: Naima Wolfsperger
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Willkürliche Gewalt auf der Straße: Laut Angaben der Polizei kommt es aber äußerst selten zu derartigen Übergriffen. Martin Müller ist es dennoch passiert. Foto: imago/STPP

Eschweiler. Als Martin Müller (Name von der Redaktion geändert) vor einem Krankenhaus in Aachen steht, fehlen ihm mehrere Zähne und sein Kopf fühlt sich von den Schlägen immer noch benommen an. Dass er sich im Nachhinein aber mit so viel Papierkram beschäftigen muss, das sei eigentlich das Schlimme.

Und so schildert Müller den Vorfall: Der 49-Jährige aus Eschweiler ist an einem Samstagabend in der Aachener Innenstadt unterwegs und wird angegriffen und geschlagen. Er ist auf dem Weg zu seinem Auto, als er an einer Gruppe Jugendlicher vorbeigeht.

Einer der Jungen zieht ein Taschentuch aus seiner Hosentasche und schnäuzt. Von dem Geräusch aufmerksam gemacht, blickt Müller im Vorbeigehen kurz hinüber zu der Gruppe. Wenige Meter weiter steht einer der Jugendlichen plötzlich vor ihm und sagt: „Du hast mich angeguckt.“ Mehr nicht. Dann schlägt er zu.

Die Seele hat sich ausgeklinkt

„Die Anzahl solcher willkürlichen Gewalttaten ist verschwindend gering“, sagt Sandra Schmitz. In der Statistik werden sie nicht gesondert aufgeführt, aber in der Regel gibt es irgendeine Art von Vorlauf von Streit, betont Schmitz die Seltenheit solcher Angriffe. „Anders steht es natürlich um Raubüberfälle. Dass nur um des Schlagens willen und ohne Motiv jemand Fremdes angegriffen wird, das ist wirklich eine Ausnahme.“

Die Tat ist noch keine zwei Monate her. Das was ihm passiert ist, kann Müller immer noch nicht ganz fassen. Seine Seele hat sich sozusagen ausgeklinkt. „Im Moment fühle ich gar nichts“, sagt er.

Es gibt keine Anleitung, keinen Leitfaden für Menschen, die eine so willkürliche Gewalttat erleben. Als Müller das Krankenhaus verlässt, ist er auf sich allein gestellt. Erst in den kommenden Tagen wird ihm klar, dass er sich wochenlang mit Papierkram auseinandersetzen muss. „Man muss einen solchen Angriff spätestens drei Tage danach bei den meisten Versicherungen melden. Aber das weiß doch keiner.“

Alle wollen informiert werden, sogar die private Unfallversicherung, obwohl sie gar nicht zuständig ist. Und natürlich will keiner zahlen. Hält man die Informationsfristen und Regularien nicht ein, läuft man Gefahr, den Anspruch auf Unterstützung zu verlieren. Die Folge: Fragen und Nachfragen und Weiterleitungen zur nächsten Stelle.

Immer noch krankgeschrieben versucht Müller, fleißig, aber überfordert, die ganzen Anfragen abzuarbeiten, die dem Angriff auf ihn folgten. „Täglich kommen neue Briefe an.“ 13 verschiedene Verfahren sind bei seiner gesetzlichen Versicherung und bei privaten Zusatzversicherungen offen. Und das, obwohl er, entsprechend der ärztlichen Einschätzungen, als arbeitsunfähig gilt. Wenn er nicht den ganzen bürokratischen Kram erledigt, dann könne er auf den Folgekosten sitzen bleiben – und die sieben- bis zehntausend Euro, die im Laufe des Jahres für die Zahnreparatur auf ihn zukommen, seien nur ein Teil davon.

Hinzu kommt die Angst, seinen Job zu verlieren, den Müller erst seit Januar hat. Vor allem, weil er ein Zucken und Blitzen im linken Auge hat, das ihn bei seiner Arbeit beeinträchtigen könnte. Die Ursache dafür ist noch nicht gefunden.

Die Anzeige bei der Polizei läuft gegen Unbekannt. Müller rechnet nicht damit, dass der Täter geschnappt wird. „Im Moment beschäftige ich mich aber gar nicht damit. Es ist passiert. Jetzt geht es eher darum, dass mein Leben nicht auseinanderfällt.“ Es geht um Krankengeld und um Miete, um die Frage, ob er überhaupt noch in seinem Beruf arbeiten kann und wie tief die Löcher sind, die die Folgekosten in seine Ersparnisse reißen.

Müller muss zumindest in Vorkasse gehen. Letztlich werden die Arztkosten wohl vom Landschaftsverband Rheinland übernommen. Erst einige Tage nach dem Angriff werden Müller von seinem Vater und einer Bekannten Beratungs- und Anlaufstellen vorgeschlagen. Er entscheidet sich für den Weißen Ring. Dass die Kostenfrage noch nicht geklärt ist, sei „normales Prozedere“, sagt Hans Jahn vom Weißen Ring. Die Institution unterstützt Menschen nach einem Gewalterlebnis.

Nicht mehr sicher

Es geht auch, aber eben nicht nur, um psychologische Hilfe. Die Wartezeiten bei Therapeuten sind oft lang und es kommt viel Bürokratie auf die Betroffenen zu. „Die Menschen sind oft noch verwirrt und sensibel nach einer solchen Erfahrung.“ Sie brauchen Hilfe dabei, Anträge zu stellen und auszufüllen.

Müller fühlt sich nicht mehr sicher auf der Straße. Er weiß das, weil er reflexartig die Straßenseite wechselt oder sich in Einfahrten versteckt, wenn er Gruppen von jungen Männern begegnet. „Aber wirklich bewusst ist mir das nicht. Die Angst steckt irgendwo im Hinterkopf.“

Die Seele muss warten, bis die Anträge abgearbeitet sind. Müller hat einen Anwalt eingeschaltet, weil er von der Polizei noch keine Nachricht erhalten hat. Der Landschaftsverband, der die Kosten für die Behandlungen übernehmen soll, prüft standardmäßig, ob Müller fahrlässiges Verhalten oder eine Beteiligung an der Schlägerei zuzuschreiben ist. „In diesem Fall sollte es nicht zu Problemen kommen, weil die Situation eindeutig ist“, sagt Jahn.

Müller erinnert sich noch, dass er an jenem verhängnisvollen Abend einen Passanten angesprochen hat, er möchte doch bitte die Polizei rufen. „Ruf sie doch selber“, habe der gesagt. Das hängt ihm irgendwie noch nach, auch wenn er sagt, dass er versucht, nicht darüber nachzudenken. Das, und die Scham, die er empfindet, wenn er merkt, dass die Leute hinter seinem Rücken tuscheln, über den Mann, der sich anscheinend nicht um seine Zähne kümmern kann.

Mit Fremden möchte Müller am liebsten gar nicht reden. Insbesondere nicht über das, was ihm passiert ist. Anfangs ist ihm das sogar mit seiner Familie schwergefallen. Aber er will auf keinen Fall ein Opfer sein. Deshalb versucht er, alles Nötige so schnell wie möglich zu erledigen und zu seinem Leben zurückzukehren.

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