Erneuerung als große Aufgabe der Kirche

Von: Friedhelm Ebbecke-Bückendorf
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Wie blickt die katholische Kirche auf Familie und Ehe? Der Arbeitskreis „Forum Gott und die Welt“ hatte zu einem Vortrag mit Petra und Aloys Buch als Teilnehmern der Familiensynode im Vatikan eingeladen. Von links: Annegret Hennings, Carl Pistor, Professor Dr. Aloys Buch, Petra Buch und Diakon Bernhard Habermeyer. Foto: Ebbecke-Bückendorf

Eschweiler. „So etwas hat man aus Rom noch nicht gehört!“ Das Schreiben über die Liebe in der Familie, das Papst Franziskus im März an alle Katholiken richtete, sei etwas völlig Neues, versichert Professor Dr. Aloys Buch. Neu in der Präsentation, neu in den Inhalten, neu in seiner lebensnahen, verständlichen Sprache.

Neu aber auch darin, dass auf Pfarrgemeinden und christliche Laien die Aufgabe zukommt, sich für Ehepaare in Gewissensnot zu engagieren. „Wir stehen vor einer großen Erneuerungsaufgabe in unserer Kirche!“ sagt Dr. Buch.

Petra und Aloys Buch haben als Gasthörer an der Familiensynode der Katholischen Kirche im Herbst des vorigen Jahres in Rom teilgenommen, als eines von 16 Ehepaaren, die zu diesem Treffen von rund 270 Bischöfen aus aller Welt eingeladen waren. Petra Buch ist Lehrerin an einem Gymnasium in Krefeld, Dr. Aloys Joh. Buch hat Theologie, Philosophie und Pädagogik studiert, war Geschäftsführer der Bischöflichen Studienförderung Cusanuswerk und lehrt als Professor für Moraltheologie.

Am Dienstag berichteten beide in Eschweiler über die Beratungen in der dreiwöchigen Synode und über die Bedeutung des päpstlichen Schreibens „Amoris Laetitia“ als Ergebnis der Bischofssynode. Veranstalter des Vortragsabends im Jugendheim der Pfarre St. Peter und Paul war der Arbeitskreis „Forum Gott und die Welt“. Carl Pistor führte in das Thema ein und moderierte den Abend.

Fragebogen zur Vorbereitung

Über die Bedeutung von Ehe und Familie haben Bischöfe der katholischen Kirche in zwei Synoden 2014 und 2015 diskutiert. Zur Vorbereitung hatte es einen Fragebogen gegeben, der weltweit von vielen Gläubigen in den Pfarreien und kirchlichen Verbänden beantwortet wurde. Allein das hatte schon für eine große Aufmerksamkeit sowohl bei den Christen selber als auch in den Medien gesorgt.

Dabei stand ein Thema im Blickpunkt, das sich dann auch als jenes erwies, das besonders umstritten war: der Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen. Die Zulassung dieser Christen zur Eucharistie gehört zu den heißen Eisen zwischen Traditionalisten und liberalen Kräften in der katholischen Kirche.

„Diese heißen Eisen waren in der Abstimmung erkennbar“, berichtete Petra Buch den Besuchern der Eschweiler Veranstaltung von ihren Erlebnissen und Erfahrungen in der Synode. Ein Jahr zuvor hatten einige der umstrittenen Paragrafen die notwendige Zweidrittel-Mehrheit verfehlt. Und auch bei der Synode vor einem Jahr, an der Petra und Aloys Buch teilnahmen, wurde es knapp. Als über Paragraf 85 abgestimmt wurde, „war die Luft zum Schneiden“, berichtete Petra Buch. Mit nur einer Stimme über dem notwendigen Quorum wurde der strittige Paragraf angenommen. In ihm geht es um die unterschiedliche Bewertung gescheiterter Ehen.

Auch ein Jahr später noch sind die Buchs beeindruckt von den Beratungen und vom Geist der Synode. Sie arbeiteten in der deutschen Sprachgruppe mit. Das war der kleinste der 13 Gesprächskreise, gewann aber in den drei Wochen einen überraschenden Einfluss. Petra Buch: „Ganze Passagen aus dem Ergebnis der deutschen Sprachgruppe sind in Amoris Laetitia eingeflossen.“

Das lag unter anderem daran, dass alle Beschlüsse dieser Gruppe einstimmig gefasst wurden, obwohl zu ihren Mitgliedern zwei Kardinäle zählten, die gemeinhin als Gegenspieler betrachtet werden: Walter Kasper als einer der Vordenker für eine neue Einstellung der Kirche in Fragen der Morallehre und Gerhard Ludwig Müller, der als Nachfolger von Josef Ratzinger Präfekt der Glaubenskongregation im Vatikan ist. Im Sitzungssaal dieser Kongregation (bis 1908 hieß sie noch Inquisition) tagte dann auch die deutsche Gruppe, auf Einladung Müllers und nachdem ihr zunächst ein fensterloser Durchgangsraum zugewiesen worden war. Dass sie ihre Vorschläge einmütig und einstimmig erarbeitete, hätten sich „viele Leute nicht vorstellen können. Das war sensationell“ freute sich Petra Buch.

Familienschicksale

Der Umgang mit den geschiedenen und dann zivil wiederverheirateten Christen war sicher eines der wichtigsten Themen der Familiensynode, und Aloys Buch berichtete von vielen Menschen, die – als bekannt geworden war dass er und seine Frau an der Synode teilnehmen – ihn anriefen und ihre Familienschicksale erzählten. Aber über diese Debatte dürfe die Bedeutung von „Amoris laetitia“ als Gesamtwerk nicht übersehen werden. Papst Franziskus ist es mit diesem Schreiben gelungen, den Blick auf die Lehre der Kirche zu ändern. Der Papst, so berichtete Buch, spricht in diesem über 200 Seiten starken Schreiben von „heilsamer Selbstkritik“, die man in der Kirche üben müsse.

Buch: „Haben wir nicht die Ehe zu einem riesigen Ideal erhoben und heute wundern wir uns, dass junge Leute das nicht mehr wagen? Haben wir nicht ein Bild aufgebaut, das kaum durchzuhalten ist?“ Natürlich wisse der Papst, was das Ideal der Ehe ist. Aber er lenke den Blick von Ideal weg auf die Menschen: „In alledem, was da scheitert und schief geht, und worunter wir leiden – in all dem ist zuerst das Gute zu sehen. Also auch unterhalb des Ideals, dort, wo Menschen die Klimmzüge nicht mehr machen können, wo sie sich durch den Alltag quälen, sollen wir zuallererst einmal das Positive sehen“, so Aloys Buch.

Trotz des neuen Blicks auf Liebe, Ehe und Familie – an den Normen der katholischen Kirche ändere das nichts. Buch: „Die Norm ist wichtig, kein Jota von der Norm ändert sich, es steht an keiner Stelle in diesem Text, dass die Kirche von der Unauflöslichkeit der Ehe Abschied nehmen könnte. Das kann sie gar nicht!“ Aber sie könne lernen, die Situationen zu unterscheiden.

Ganz am Anfang von Amoris laetitia schreibt Papst Franziskus, dass nicht alle Diskussionen „durch ein lehramtliches Eingreifen entschieden werden müssen.“ Selbstverständlich sei in der Kirche die Einheit von Lehre und Praxis notwendig, „das ist aber kein Hindernis dafür, dass verschiedene Interpretationen einiger Aspekte der Lehre oder einiger Schlussfolgerungen weiter bestehen, bis der Geist uns in die ganze Wahrheit führt.“ Und Professor Buch fügte diesem Papst-Zitat an: „Das ist nach guter theologischer Tradition erst im Paradies der Fall.“

Carl Pistor fragte in der anschließenden Diskussion, wie die Reaktionen vor allem der konservativen Katholiken einzuordnen seien. Diese reichen von der Ansicht des Kardinals Müller, der in dem Dokument keine Änderung der Lehrtradition sieht, bis hin zu Stellungnahmen etwa des Philosophen Robert Spaemann, der dem Papst einen Bruch mit der Tradition vorwerfe. Beides, sagt Aloys Buch, stimme nicht ganz. „Es ist eine Weiterentwicklung der kirchlichen Lehrtradition. Es ist auch ein gewisser Bruch. Aber der Bruch betrifft eine verengte Lehrtradition der vergangenen sieben Jahrzehnte. Das ist kein Bruch, das ist ein Aufbrechen und bringt die gesamte katholische Tradition wieder zur vollen Geltung.“

Was ändert sich nun in der katholischen Kirche durch „Amoris laetitia“? Aloys Buch sieht eine Reihe von Veränderungen und Aufgaben. Etwa das Berücksichtigen der Gewissensentscheidung auch dann, wenn es um die Kommunion für wiederverheiratete Geschiedene geht. In einer von Traditionalisten heftig kritisierten Fußnote in Amoris laetitia erinnert der Papst an sein Schreiben „Evangelii gaudium“ von 2016, in dem steht, dass die Eucharistie „nicht eine Belohnung für die Vollkommenen, sondern ein großzügiges Heilmittel und eine Nahrung für die Schwachen“ sei.

Empfängnisverhütung

In der Frage der Empfängnisverhütung weist Franziskus zurück auf das 2. Vatikanische Konzil und auf die Gewissensentscheidung der Eheleute: „Dieses Urteil müssen im Angesicht Gottes die Eheleute letztlich selbst fällen.“ Die Kirche solle sie aber zur Anwendung natürlicher Methoden „ermutigen“.

Eine große Aufgabe wird die Begleitung junger Paare, vor und nach der Heirat, sein. Buch: „Also reden wir erst drüber, wenn das Kind im Brunnen liegt, oder kümmern wir uns schon vorher?“ Leider nicht in das Schluss-Dokument der Synode gekommen sei die Idee der deutschen Gruppe, ein verpflichtendes Ehe-Katechumenat einzuführen. Aber auch ohne das stehe die Kirche vor der Aufgabe, Menschen sorgsam, realistisch und optimistisch auf die Ehe vorzubereiten.

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