Eschweiler - Entwicklungspartnerschaft: Gemeinsam die Ärmel hochkrempeln

Entwicklungspartnerschaft: Gemeinsam die Ärmel hochkrempeln

Von: Rudolf Müller
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Gedankenaustausch am Blausteinsee: Bürgermeister Rudi Bertram (5. von links) empfing gestern seinen Amtskollegen Dr. Asiel Bezerra (5. von rechts) mit einer Delegation aus der brasilianischen 70000-Einwohner-Stadt Alta Floresta. Foto: Rudolf Müller
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Max Krieger drückt die Schulbank: Während Alta Florestas Bürgermeister Dr. Asiel Bezerra sich gestern bei seinem Amtskollegen in Eschweiler umsah, saß der Initiator der Entwicklungspartnerschaft in Brasilien und paukte Vokabeln.

Eschweiler. Unterschiedlicher können zwei Städte kaum sein. Eschweiler, im Herzen Europas, schon zu Zeiten Karls des Großen besiedelt, Wiege des rheinischen Bergbaus und einst ein Zentrum der Schwerindustrie – und Alta Floresta im brasilianischen Amazonien, vor gerade mal 40 Jahren auf dem Reißbrett entstanden, einst Goldgräberstadt und jetzt ein Zentrum der Landwirtschaft und des Ökotourismus.

Eschweiler ist knapp 77 Quadratkilometer groß, Alta Floresta misst rund 8900 Quadratkilometer. Und doch haben die beiden Städte mit ihren 58.000 bzw. 70.000 Einwohnern einiges gemeinsam: Beide stehen vor großen, ähnlichen Herausforderungen in Sachen Strukturwandel.

Dass man Herausforderungen besser meistern kann, wenn man die Ärmel gemeinsam hochkrempelt, das hat die Verantwortlichen in Alta Floresta dazu gebracht, sich nach deutschen Partnern umzusehen. Deutsches Know-how ist gefragt in der Region, die einst von deutschen Kolonisten geprägt war.

Mit Hilfe der FundaÇao Getulio Vargas, kurz: FGV, einer in Rio des Janeiro ansässigen, weltweit renommierten „Denkfabrik“, die vor kurzem in Köln ihre erste ausländische Niederlassung eröffnete, machte die Stadt sich auf die Suche – und rannte bei Brasiliens Honorarkonsul in Düsseldorf, dem Eschweiler Kulturmanager Max Krieger, offene Türen ein. Im Oktober vergangenen Jahres sahen sich Vertreter von FGV und Alta Floresta erstmals in Eschweiler um – am Montag folgte bereits ein erster offizieller Besuch von Alta Florestas Bürgermeister Dr. Asiel Bezerra bei seinem Amtskollegen Rudi Bertram.

„Das sollten Sie vor Ort erleben“

Mit von der Partie: Sergio Passos, Sekretär für wirtschaftliche Entwicklung, und José Alesandro Rodrigues, Direktor eines vielfach ausgezeichneten Umweltprojekts, sowie die FGV-Vertreter Albert Kock, Marco Contardi, Melanie Brochhaus-Piel und Kathrin Zeller nebst Hannes Schwertfeger, Architekt vom Stuttgarter „Büro Baubotanik“. Er entwickelt für Alta Floresta vernetzte Grünkorridore in der Stadt, die zugleich Umwelterziehungsaufgaben für die Bürger übernehmen.

Korridore, wie auch Eschweiler sie sich zur Vernetzung von Nord- und Südhälfte des Stadtgebiets vorstellen kann. „Entwicklungspartnerschaft“ nennt Bürgermeister Rudi Bertram die Kooperation, die die beiden Städte anstreben. Eine Partnerschaft, die nicht auf wechselseitigen Besuchen von Musikgruppen und Vereinen basiert, sondern auf dem Austausch von Ideen, Erfahrungen, Know-how.

Und das geht ohne 25-Stunden-Flüge über den Atlantik hinweg, sondern auf schnellstem Weg via E-Mail, Skype und Whatsapp. Allerdings: Damit alle Beteiligten wissen, worüber sie reden, ist es sinnvoll, sich vor Ort umzusehen, und so stellte Asiel Bezerra am Montag im Eschweiler Rathaus seine Stadt, deren Entwicklung und Herausforderungen in Wort und Bild vor, nicht ohne Bürgermeister Rudi Bertram mit einer Delegation zu einem Gegenbesuch nach Amazonien einzuladen: „Wir zeigen Ihnen hier bei weitem nicht alles. Das sollten Sie schon selbst vor Ort erleben. Sie werden uns sehr willkommen sein!“

Und zu sehen gibt es in Alta Floresta eine Menge, wie ein Video erahnen ließ: endlose Wälder, imposante Flusslandschaften, paradiesische Fauna und Flora mit immensem Artenreichtum. Das war nicht immer so: Noch bis vor wenigen Jahren stand Alta Floresta auf der schwarzen Liste der Kommunen, die rücksichtslos den Regenwald abholzten.

Das hat sich geändert. „Heute sind 100 Prozent des Holzes, das aus Alta Floresta kommt, zertifiziert“ betont Sergio Passos, „es gibt keine illegale Abholzung mehr.“ Nachhaltigkeit ist das Stichwort, das die Stadt auch dazu brachte, versteppte Landstriche durch die Nutzung Hunderter von Quellen in fruchtbares Weideland zu verwandeln. Heute bildet Alta Floresta die Nahtstelle zwischen Regenwald und landwirtschaftlichen Flächen. Die werden von kleinen und mittleren Betrieben bewirtschaftet.

„Noch ist es uns gelungen, uns vor den ganz Großen der Branche zu verstecken“, sagt Marco Contardi, „wir wollen keine Branchenriesen, die über alles hinwegwalzen.“ Flurbereinigung ist eines der großen Themen in der Stadt im Mato Grosso, die mehr als 100-mal so viel Fläche besitzt wie Eschweiler. Zudem gilt es 11.000 Kilometer (!) Flussläufe zu überwachen, die Wasserqualität zu verbessern und 804 Quellen in landwirtschaftlich nutzbringenden Zustand zu versetzen.

Arbeitsplätze schaffen

Alta Floresta hat einiges aufzuarbeiten: Als kurz nach Gründung der Stadt 1980 dort Gold entdeckt wurde, schnellte die Einwohnerzahl innerhalb kürzester Zeit von 20.000 auf 100.000 hoch. Die Stadt hatte davon wenig: „Der Wert wurde exportiert, der Schaden zurückgelassen“, resümiert Contardi. Nach einigen Jahren war der Boom vorbei. Jetzt ist Alta Floresta dabei, sich selbst neu zu (er-)finden.

Wie in Eschweiler steigt auch in Alta Floresta die Einwohnerzahl stetig an. Und wie Eschweiler, das mit dem Ende von Tagebau und Kraftwerk in etwa 13 Jahren rund 1500 Arbeitsplätze verlieren wird, hat auch Alta Floresta trotz seines bisherigen Wirtschaftswachstums von jährlich 13 Prozent ein Arbeitsplatzproblem: In der Region werden derzeit einige neue Wasserkraftwerke fertiggestellt – die Leute verlieren ihre Jobs. Neue soll es vor allem in der Viehwirtschaft, im Bio-Anbau von Lebensmitteln und in der Fischwirtschaft geben.

Die Schaffung neuer Arbeitsplätze ist auch ein in Eschweiler drängendes Problem. Ebenso wie die Themenfelder Flächenmanagement und Wasserwirtschaft. „Wasser ist das neue Gold“, so Eschweilers Technischer Beigeordneter Hermann Gödde. „Wasser und der richtige Umgang damit wird das beherrschende Thema der nächsten Jahrzehnte sein. Und das nicht nur in Afrika. Wir haben nach den industriellen Jahrzehnten unsere Flüsse wieder sauber bekommen. Jetzt sind wir mit neuen Problemen konfrontiert, an die früher niemand je gedacht hätte: Medikamentenrückstände im Trinkwasser zum Beispiel. Das erfordert immense Investitionen in unsere Kläranlagen.“

Wasser beherrscht auch die künftige Gestaltung früherer Tagebaue im rheinischen Revier. „Hier werden in den nächsten 100 Jahren vier große Seen entstehen, von denen der kleinste so groß ist wie der Tegernsee.“ Und der ist mit 8,9 Quadratkilometern immerhin neunmal so groß wie der Blausteinsee. Der braucht übrigens noch 40 Jahre, bis der Grundwasserpegel entsprechend gestiegen sein wird, Zusatzwasser, das derzeit aus den Pumpen kommt, die den Tagebau trockenhalten, acht Millionen Kubikmeter im Jahr. Nach dem Ende des Tagebaus soll das Wasser über eine 20 Kilometer lange Leitung aus der Rur herangepumpt werden.

Nicht nur Fragen der Wasserwirtschaft sind es, bei denen Eschweiler und Alta Floresta voneinander profitieren können. Die Delegation aus Brasilien sah sich auch im Naturhaus Rheinland am Blausteinsee, im Industrie- und Gewerbepark und am Indemann um, blickt in den Tagebau und informiert sich vor Ort über Umsiedlung und Rekultivierung sowie land- und forstwirtschaftliche Maßnahmen samt Verlegung der Inde.

Der Mann, der die sprießende Partnerschaft initiiert hatte, konnte allerdings nicht an der ganztägigen „Schnuppertour“ teilnehmen: Max Krieger ist derzeit in Brasilien, macht dort einen Intensivkurs in Portugiesisch. Und reist in zwei Wochen weiter nach Alta Floresta, um weitere, engere Kontakte zu knüpfen. Und vielleicht schon Zimmer für den Gegenbesuch einer Eschweiler Delegation zu bestellen.

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