Elektrowerk: „Spinnenbagger” frisst Beton in 170 Meter Höhe

Von: Rudolf Müller
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Gesteuert vom Juniorchef der L
Gesteuert vom Juniorchef der Lastruper Spezialfirma knabbert sich der sechsbeinige „Spinnenbagger” in schwindelnder Höhe durch den Beton. Um gut 70 Meter wird der Schornstein gekürzt. Foto: Rudolf Müller

Eschweiler. 40 Jahre lang war er ein Wahrzeichen der Indestadt. Wenn auch ein wenig beachtetes: 175 Meter hoch ragte der Kamin des Elektrowerks Weisweiler in den Himmel. Und war damit das zweithöchste Bauwerk in der Indestadt - nur überragt von den Schornsteinen des RWE-Kraftwerks, deren Höhe mal mit 180, mal mit 200 Metern angegeben wird.

Eine „halbe Portion” ist dagegen der Kamin der nahen Müllverbrennungsanlage: der ist gerade mal 99 Meter hoch. Genauso hoch wie demnächst auch der Kamin des Elektrowerks: Der nämlich wird zur Zeit drastisch gekürzt. Nicht etwa, weil die Statik der Betonwände gefährliche Probleme machte - die ist nach wie vor einwandfrei.

Sondern weil die Unterhaltungskosten des seit Jahrzehnten nicht mehr genutzten Kamins unverantwortbar hoch waren und weiter stiegen, wie Hans-Peter Kaiser, Technischer Leiter des Elektrowerks, unterstreicht. So sei zum Beispiel die Wartung der „Hindernis-Befeuerungsanlage”, wie die Flugzeug-Warnlampen am Turm in schönstem Bürokratendeutsch heißen, über eine Außenleiter nicht mehr normgemäß - eine Umrüstung koste Unsummen.

Geld, das man sich sparen könne, wenn der eigentlich völlig unnütze Kamin weniger als 100 Meter Höhe aufweisen würde: Dann nämlich sei eine „Befeuerungsanlage” nicht mehr vorgeschrieben. Also entschloss man sich im Elektrowerk, zwecks Kostensenkung den Schornstein um gut 70 Meter zu kürzen.

Auf spektakuläre Weise: Anfang Mai zogen Mitarbeiter einer sauerländischen Fachfirma einen eigens von ihr konstruierten Bagger durch das Kamininnere hoch, um ihn dann oben wie eine Spinne auf die Öffnung zu platzieren. Schon beim bloßem Hinaufschauen sträuben sich dem Betrachter die Nackenhaare, kann einem schwindelig werden.

Am 22. Mai begannen die eigentlichen Abbrucharbeiten: Meter um Meter knabbert der Bagger von oben am meterdicken Beton, lässt den Bauschutt durch den Kamin zu Boden fallen. Zehn Meter sind bisher geschafft - insgesamt sind es rund 550 Tonnen Beton und Eisen, die hier entsorgt werden müssen. Was damit wird, ist noch offen: Um den Abtransport haben sich zwei Firmen aus dem hiesigen Raum beworben - noch ist der Auftrag nicht vergeben.

Noch bis etwa Ende Juli werden die Männer der Firma Mende schwindelfrei ihrem Job auf der Kaminspitze nachgehen, dann soll die Endhöhe von 99 Metern erreicht sein und der Restkamin mit einem Deckel von oben verschlossen werden. Ihn völlig abzutragen, wäre derzeit nicht nötig, aber unverhältnismäßig teuer.

Solange jedenfalls werden die Weisweiler noch das Geratter des Presslufthammers am Baggerarm ertragen müssen, das aus luftiger Höhe weithin zu hören ist. „Gearbeitet wird allerdings nur zu ,normalen Zeiten”, betont Hans-Peter Kaiser, „streng nach Maßgabe der uns vorliegenden Genehmigungen.” Sprich: Abends wie auch samstags, sonn- und feiertags herrscht Ruhe.

Gebaut wurde der Schornstein 1972/73 von einer Düsseldorfer Firma. 21 Meter Durchmesser besitzt sein Fundament, der Kamin selbst misst am Boden 9,19 Meter im Durchmesser, an der Spitze sind es 3,60 Meter. Innen befand sich eine Kunststoffröhre, die den 173 Meter hohen Betonbaukörper um zwei Meter überragte.

Bis Ende 1986 transportierte der Schornstein die Abluft der Molybdän-Röstöfen, die Molybdän-Sulfit in Molybdän-Oxyd für die Edelstahl-Industrie verwandelten, in höhere Luftsphären. Dann stellte das Elektrowerk diese Produktion ein.

Die Kunststoff-Innenhülle eben dieses stillgelegten Kamins war es, die aus bis heute ungeklärte Ursache Anfang 1988 in Flammen aufging. Das Feuer richtete im Elektrowerk einen Millionenschaden an. Später nutzten Mobilfunkfirmen den Kamin für ihre Antennen und Richtfunkanlagen, bauten aber inzwischen in der Nähe eigene Masten und ließen die Verträge mit dem Elektrowerk auslaufen. Seither blieb der Schornstein ungenutzt.

Als das Düsseldorfer Unternehmen Karena den 175-Meter-Schornstein des Elektrowerks baute, waren auf dem 50-Hektar-Industrie-Areal an der Dürener Straße noch bis zu 1700 Menschen beschäftigt. Der Schrumpfungsprozess, den das Werk seither durchlaufen hat, trifft nun auch den Kamin: 99 Meter davon bleiben stehen - vorläufig.

Das Elektrowerk Weisweiler ist seit Jahren im Aufschwung. Seine auf den Großbrand von 1988 folgende Spezialisierung auf LCFeCr (Low Carbon Ferro Chrome - Ferro-Chrom mit niederigem Kohlenstoffgehalt, das im Flugzeugturbinenbau wie auch in Cerankochfeldern benötigt wird) hat dazu geführt, dass es weltweit nur noch einen ernsthaften Konkurrenten hat: in Japan.

Allerdings: Die besten Rohstoffe für seine jährlich 30 000 Tonnen LCFeCr bezieht das Elektrowerk, das gerade von der finnische Ruukki-Gruppe übernommen wurde, aus konzerneigenen Minen in der Türkei. Die Ruukki-Gruppe, die u.a. Maschinen und Stahlkonstruktionen fertigt und neben Windturbinentürmen Spezialbleche für Autobau, Luft- und Schifffahrt herstellt, beschäftigt 11.800 Mitarbeiter in 30 Ländern. Umsatz 2011: 2,8 Milliarden Euro.
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