Eschweiler - Eisenbahner mit Herz: Hilfsbereitschaft statt Schema F.

Eisenbahner mit Herz: Hilfsbereitschaft statt Schema F.

Von: Andreas Gabbert
Letzte Aktualisierung:
Eisenbahner mit Herz: ICE-Zugc
Eisenbahner mit Herz: ICE-Zugchef Peter Gitzen aus Eschweiler ist jetzt mit dieser Auszeichnung für seine außergewöhnliche Hilfsbereitschaft geehrt worden. Foto: Andreas Tauber

Eschweiler. Wenn Peter Gitzen mitten in der Nacht wiedermal fremde Menschen mit nach Hause bringt, ist das für seine Frau nicht weiter erstaunlich. Der Mann hat eben ein gutes Herz.

Zuletzt hat er zwei 14-jährige Schülerinnen aus Norddeutschland mit in die Indestadt genommen, damit sie die Nacht nicht in der Bahnhofsmission bei der Polizei verbringen mussten. Dafür hat er sogar einen Preis bekommen. Der Zugchef der DB Fernverkehr Köln wurde jetzt als „Eisenbahner mit Herz” ausgezeichnet.

Genau genommen sind es zwei Ereignisse, die ihm diesen Titel beschert haben. Eins haben die Geschichten aber gemeinsam: In beiden Fällen kämpften seine Fahrgäste mit den Tränen. Die ältere Dame, die ihre Bahncard aus Versehen in einem Mülleimer entsorgt hatte und die beiden Mädchen, die am späten Abend im falschen Zug saßen. Der Zugbegleiter fand in beiden Fällen eine Lösung, die so herzensgut war, dass der Jury keine andere Wahl blieb: Peter Gitzen ist der Eisenbahner mit Herz 2012.

Peter Gitzen war im IC von Hamburg nach Köln unterwegs, als kurz hinter Münster auf einmal zwei 14-Jährige völlig aufgelöst vor seinem Dienstabteil standen. Die beiden waren in den falschen Zug gestiegen. Statt nach Essen bei Oldenburg, waren sie nun nach Essen ins Ruhrgebiet unterwegs. Gitzen setzte sie erst mal ins Dienstabteil, tröstete sie, nahm das Telefon und rief die Eltern an. Statt die Mädchen an der nächsten Station der Polizei zu übergeben, nahm er sie mit dem Einverständnis der Eltern eine Nacht bei sich und seiner Familie in Eschweiler auf. Der Sohn hatte schon das Zelt aufgeschlagen, als die drei gegen Mitternacht in der Indestadt ankamen. Am nächsten Tag konnten sie auch noch seiner Tochter zum Geburtstag gratulieren, bevor er sich um ihre Rückreise kümmerte und ihnen ein Frühstück kaufte. Später griffen die Mädchen zur Feder, um die Jury von ihrem Eisenbahner mit Herz zu überzeugen.

Streng nach Vorschrift

In dem anderen Fall hatte Peter Gitzen im ICE von Köln nach Berlin bemerkt, wie eine 73-jährige Frau mit den Tränen kämpfte. Versehentlich hatte sie ihre neue Bahncard in einem anderen Zug in einen Papierkorb geschmissen und die alte behalten. Gitzens Kollege handelte streng nach Vorschrift und ließ sie die ältere Dame den Differenzbetrag bezahlen. Als Gitzen von dem Missgeschick erfuhr, rief er sofort in dem besagten Zug an und ließ nach der Karte suchen. Tatsächlich wurde sie gefunden, und Gitzen bat den Kollegen die Ersatzfahrkarte zu stornieren und brachte der Frau ihr Geld zurück. Die ältere Dame war „überglücklich”, berichtet ein Mitreisender, der die Szene beobachtet hatte und Gitzen als Eisenbahner mit Herz vorschlug.

„Uns hat die Herzlichkeit und das private Engagement von Peter Gitzen fasziniert, der gestrandeten Reisenden in der Zeit bis zum Morgenzug aus der Patsche hilft. Ein solcher Zugbegleiter verfährt auch bei Ticket-Problemen nicht nach Schema F. Soviel Gastfreundschaft nach Dienstschluss und Freude an der Recherche sind selten”, lautet die Begründung der Jury für die Auszeichnung.

Aktenordner mit Dankesschreiben

Dabei sind es bei weiten nicht die einzigen Fälle, in denen Gitzen ein gutes Herz bewiesen hat. Mittlerweile hat er einen dicken Aktenordner voll mit Dankesschreiben aus aller Welt: China, Japan, USA, Brasilien und vielen anderen.

Seine Frau hat er auch im Zug kennengelernt. Das war am 21. August 2001. „Sie kam aus Moskau, saß im Intercity Hamburg-Köln und wollte nach Aachen, um eine Cousine zu besuchen. Am Kölner Hauptbahnhof wusste sie nicht weiter, ?zum Glück, sagen wir beide heute”, erzählt der 56-Jährige. Er hat sie nach Aachen begleitet und ihr in der nächsten Woche ganz Deutschland gezeigt. „Ich habe wirklich alle Register gezogen. Sie wollte sich revanchieren und hat mich nach Moskau eingeladen. Ein paar Monate später waren wir verheiratet.”

Seit 38 Jahren arbeitet Peter Gitzen für die Bahn. „Über die Jahre kommt da schon einiges an Tränen zusammen. Ich erlebe etwa vier- bis sechsmal im Jahr echte Abenteuer mit meinen Fahrgästen”, sagt die rheinische Frohnatur. Am 24. August 1990 legte er die Prüfung als Schaffner ab. Bereits zwei Monate später flatterte der erste Brief eines Reisenden auf seinen Schreibtisch. „Ich lass die Leute nicht allein”, sagt der 56-Jährige, der seine Fahrgäste auch gerne in der jeweiligen Landessprache anspricht.

Buch geplant

Die Begeisterung für die Eisenbahn hat er von seinem Onkel geerbt. Der war Zugführer in Düren und hat den sechsjährigen Peter damals auf der Dampflok mitgenommen - da war es um den Jungen geschehen. Bei der Bahn hat er in vielen Bereichen gearbeitet. 13 Jahre war er im Rangierdienst tätig, beim Gleisbau hat er mit Hand angelegt, im Stellwerk nach dem Rechten gesehen und als Beimann ist er auf den Lokomotiven mitgefahren. Sein Ziel war es aber immer, Zugbegleiter zu werden. Er liebt die Arbeit mit den Menschen in den Zügen. „Das ist mein Lebenselixier, da gehe ich voll drin auf”, sagt Peter Gitzen. Er wollte auch mal Sänger werden. Heute singt er eben im Zug - „einfach so, zum Geburtstag, oder für nette Leute”.

Als ICE-Zugchef ist er in ganz Deutschland unterwegs und hat dabei so manches schöne Fleckchen entdeckt. Zuhause fühlt er sich aber in Eschweiler, wo er geboren ist und man ihn auch unter dem Namen „Manolito” kennt. „Ich weiß, wie es früher hier ausgesehen hat, ich kenn die Geschichte, die Leute, und die Leute kennen mich. Deshalb bin ich immer wieder froh, zu Hause zu sein”, sagt Gitzen.

Irgendwann möchte er ein Buch über die Abenteuer mit seinen Fahrgästen veröffentlichen. Einen Titel dafür hat er sich auch schon überlegt. „Und es gibt sie doch...” soll es heißen. Gemeint sind die „Engel auf Erden”, die die Hilfesuchenden zu ihm führen.
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