Einige Schlaglöcher haben Vornamen

Von: Valerie Barsig
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Hans Josef Grahn (li.) und Helmut Lahaye (Mitte) haben die Straßen im Blick. Bei Gerhard Handels (re.) von der Stadt melden sie die Schäden. Foto: Valerie Barsig
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Der Knacks in der Straße: Ein Schlagloch, das notdürftig mit Asphalt geflickt wurde, ist längst nicht so witterungsbeständig, wie ein glatter, eckiger Flicken, den man auf eine kaputte Straße aufbringen kann. Die Antoniusstraße wird vermutlich in das nächste Abwasserbeseitigungskonzept aufgenommen und dann vollsaniert. Foto: Valerie Barsig

Eschweiler. Schlaglöcher sind ihr Geschäft: Helmut Lahaye und Hans Josef Grahn sind Straßenbegeher. Sieben Stunden in der Woche behalten sie den Asphalt in Eschweiler im Blick. Neben losen Pflastersteinen, einer zerstörten Straßendecke oder potenziellen Stolperfallen auf den Gehwegen der Indestadt schauen sie aber auch auf die Laternen in der Stadt: „Wenn das Glas kaputt ist oder der Sicherungskasten aufgebrochen, nehmen wir auch das mit auf“, erzählt Helmut Lahaye.

An diesem Tag ist es vor allem der Gehweg, der dem Begeher und seinem Kollegen ins Auge springt: Mehrere lose Platten auf der Abbiegung in die Wilhelmstraße und ein Loch, über dessen Kante man stolpern könnte.

Auf der Straße haben die Begeher vor allem ein Auge auf die vielen feinen Haarrisse, die von mehreren Stellen ausgehen und sich über den Asphalt ziehen.

Das Diktiergerät immer dabei

Ihr dicht verzweigtes Netz ist zwar zunächst noch kein Problem für Autofahrer, kann aber eines werden: „Erstmal entsteht nur ein kleines Loch. Da hier in der Straße aber regelmäßig der Bus fährt, wird es dann auch schnell größer“, erklärt Hans Josef Grahn. Das wichtigste Utensil der beiden ist neben wetterfester Kleidung ein Diktiergerät, in das sie sprechen und so Schäden aufnehmen.

Insgesamt gibt es in Eschweiler drei Straßenbegeher, die in regelmäßigen Abständen kontrollieren. Werden Schlaglöcher oder andere kaputte Stellen gefunden, werden sie auf einem Protokoll vermerkt und landen im Büro von Gerhard Handels in der Abteilung für Straßenraum und Verkehr. Ist der Schaden gemeldet, wird unterschieden, ob er akut ist, und sofort repariert werden muss, ob zunächst einmal von den Wirtschaftsbetrieben Eschweiler (WBE) „notgeflickt“ wird, oder ein ganzes Stück Straße ausgefräst und mit neuem, glatten Asphalt bedeckt wird.

Nach dem Schlagloch-Urteil aus Heilbronn, bei dem ein Mann zumindest teilweise Recht bekam und 300 Euro von der Stadt zur Reparatur seines Wagens bekam, nachdem er in ein Schlagloch gefahren ist, macht sich Gerhard Handels aber keine Sorgen über eine potenzielle Klageflut. „Man muss jetzt einfach mal sehen, was passiert“, sagt er. Das Heilbronner Urteil sei schließlich nicht das erste seiner Art. Hinzu komme, dass immer die Eigenverantwortung der Bürger mit in eine Gerichtsentscheidung einbezogen würde. Die besagt, dass man zum Beispiel auf einem Gehweg, der bereits wellig ist, weil Baumwurzeln das Beton von unten hochdrücken, auch vorsichtig gehen muss.

Stolpert also jemand und bricht sich den Arm und will Schadenersatzforderungen an die Stadt geltend machen, muss er nachweisen, dass die Stadt ihrer Straßenbegehpflicht nicht nachgekommen ist.

In Eschweiler und anderen Kommunen wird regelmäßig kontrolliert. „Je nach Straße wird mehr oder weniger oft begangen“, erklärt Gerhard Handels. Alle zwei Wochen beispielsweise werden nördliche und südliche Innenstadt kontrolliert. Das sind die Bereiche Kochsgasse, Indestraße, Driescher Straße und Dürener Straße, sowie Grabenstraße, Neustraße, Englerthstraße, bis zum Talbahhof. Einmal pro Monat werden Straßen mit überregionaler Bedeutung begangen. „In Eschweiler ist das zum Beispiel die Indestraße“, sagt Handels. Auch Gewerbegebiete, Industrieanlagen und der Bushof werden monatlich genauer angesehen. Alle drei Monate werden Wohnstraßen, zum Beispiel in Kinzweiler oder St. Jöris, kontrolliert und zweimal pro Jahr sogenannte nicht verkehrsbedeutende Wege. „Darunter fallen beispielsweise Feldwege“, erklärt Handels.

Manche Leute mutig

Für Privatstraßen sind Anwohner zuständig. „Einige Privatstraßen sind in einem sehr schlechten Zustand. Die Leute sind da meiner Meinung nach mutig“, sagt Handels. Denn: Schadenersatzforderungen werden so erst möglich.

Straßen zu flicken, das sei eine Sisyphusarbeit, sagt Helmut Lahaye. Anderthalb bis zwei Zentimeter tief (oder tiefer) muss ein Loch schon sein, das Lahaye und Grahn an Gerhard Handels melden. Das Augenmaß dazu haben sie über die Jahre und die wachsende Erfahrung bekommen: Lahaye arbeitet seit acht Jahren als Straßenbegeher, Grahn sogar schon seit zehn Jahren.

Für sie geht es diese Woche noch nach Dürwiß und Kinzweiler. „Wenn das Wetter so schön ist wie im Moment, dann macht die Arbeit natürlich besonders Spaß“, sagt Lahaye. Geht man mit den beiden über eine Straße, bekommt man einen anderen Blick: Man erkennt Stellen, an denen die Straße aufgebaggert wurde, um Kabel zu verlegen (eine Narbe im Gehweg parallel zu den Häusern), wo bald etwas von den Wirtschaftsbetrieben Eschweiler repariert wird (die Stellen sind meist mit rosa Sprühfarbe umgrenzt) und wo vermutlich bald (wieder) ein Schlagloch entsteht.

Und auch auf Gullys bekommt man einen anderen Blick, denn auch sie sind Teil des Kontrollgangs.

Auch Gullys werden kontrolliert

„Wenn eine Gullykante oberhalb des Straßenbetons liegt, kann das Wasser nicht mehr so gut hineinfließen“, erklärt Hans Josef Grahn. Deshalb werde auch das ins Protokoll aufgenommen.

Rund 200 Kilometer Straße müssen in Eschweiler regelmäßig kontrolliert werden, das Budget der Stadt teilt sich auf in 375000 Euro für die Straßenunterhaltung und 400000 Euro für größere Straßenbaumaßnahmen, also zum Beispiel Komplettsanierungen. Die 375000 Euro seien aber nicht ausschließlich zum Schlaglochflicken da, erklärt Gerhard Handels. „Auch Vandalismusschäden müssen damit repariert werden.“ Das sei vor allem nach Karneval oder nach dem ersten Mai der Fall.

Etwa alle 30 Jahre müsse eine Straße im besten Fall neu gemacht werden, erklärt er. Eigentlich sei es das Beste, eine neue Straße regelmäßig günstig zu sanieren, also eine neue obere Schicht aufzutragen. Denn dann halte sie am Längsten, weil kein Wasser eindringen könne, das im Winter gefriere und die obere Straßendecke aufsprenge.

Das sei in der Praxis aber längst nicht der Fall, so Handels. Schuld seien knappe Gemeindekassen. „Das Problem ist, dass wenn sich einmal Wasser in eine Straße setzt, geht es ihr rapide schlechter.“ Handels macht sich keine Illusionen: „Man kann es nicht schaffen, dass alle Gehwege in Eschweiler schadenfrei sind.“

Das wissen auch Helmut Lahaye und Hans Josef Grahn. In der Wilhelminenstraße in Eschweiler seien Schlaglöcher gerade wieder aufgefüllt worden. Es sei allerdings nur eine Frage der Zeit, bis sie an gleicher Stelle wieder auftauchten. „Einige Schlaglöcher in der Wilhelminenstraße haben schon Vornamen“, scherzt Grahn.

Geld für Straßen muss sein

Jetzt ist allerdings erstmal die Antoniusstraße dran und wird von den gestrengen Augen der Straßenbegeher inspiziert. Die Experten finden dort einige Macken. Laut Handels sei die Straße ein heißer Anwärter auf eine Aufnahme in das nächste Abwasserbeseitigungskonzept der Stadt. Das bedeute dann nämlich, dass neben dem Straßenbelag auch noch Gas, Kanäle und Stromleitungen erneuert werden.

Bis dahin werden kaputte Straßen mehr oder weniger notdürftig geflickt. Handels stellt aber klar: „Das Geld für die Straßen muss lockergemacht werden.“ Zumindest müsse die Stadt Warnschilder aufstellen, die auf die Straßenschäden hinweisen. So weit ist es aber auf der Antoniusstraße noch nicht.

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