Eine Lesung zwischen Tragik und Komik im Talbahnhof

Von: ran
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Hella von Sinnen las im gut besuchten Talbahnhof aus dem von Cornelia Scheel (links) verfassten Buch „Mildred Scheel: Erinnerungen an meine Mutter“ vor, in dem die Autorin nicht zuletzt die unterschiedlichen Seiten der Gründerin der Deutschen Krebshilfe, die von Tragik bis Komik reichen, offenlegt. Foto: Andreas Röchter

Eschweiler. Individuelle und generelle Erfolge im Kampf gegen den Krebs sind einerseits auch aktuell alles andere als selbstverständlich, andererseits aber, der Forschung sei Dank, keinesfalls mehr seltene und wundersame Einzelfälle.

Erheblichen Anteil an dieser positiven Entwicklung hat nach wie vor eine Frau, die vor 31 Jahren selbst einem Krebsleiden erlag: Mildred Scheel gründete Mitte der 70er Jahre als Frau des damaligen Bundespräsidenten Walter Scheel die Deutsche Krebshilfe, prägte und modernisierte mit ihrem sozialen Engagement die deutsche Gesellschaft und genoss auch international hohes Ansehen.

Mehr als drei Jahrzehnte nach dem Tod Mildred Scheels bemüht sich ihre Tochter Cornelia, das Wirken ihrer Mutter wieder in das Gedächtnis der Menschen zurückzurufen. Und dies auf eine sehr persönliche Weise: In ihrem Buch „Mildred Scheel: Erinnerungen an meine Mutter“ beschreibt die Autorin auch weitgehend unbekannte Seiten der dreimaligen „Frau des Jahres“.

Am Mittwochabend war Cornelia Scheel nun gemeinsam mit Hella von Sinnen im gut besuchten Talbahnhof zu Gast, wo die bekannte Fernsehmoderatorin und Komikerin aus dem Werk vorlas.

„Diese großartige Frau“

„Dieses Buch war mir über viele Jahre hinweg eine Herzensangelegenheit. Ich denke, dass viele junge Menschen mit dem Namen Mildred Scheel nicht mehr so viel anfangen können. Vielleicht kann dieses Werk über diese großartige Frau daran wieder etwas ändern. Habe ich mir zu Beginn der Arbeit noch Sorgen gemacht, ob ich der Aufgabe gerecht werden kann, bin ich inzwischen überzeugt, dass dieses Buch die bisher beste Idee meines Lebens war“, sprach Cornelia Scheel einleitende Sätze, bevor sie das Wort an Hella von Sinnen weitergab.

Diese richtete die Aufmerksamkeit der Zuhörer auf den 7. Juli 1983, „einem wunderschönen Sommertag in Köln“, an dem die Medizinstudentin Cornelia Scheel, die gerade ein weiteres Semester an der Universität Innsbruck hinter sich gebracht hatte, „von der Welt angelacht wurde“ und zurückstrahlte. Ihre Mutter Mildred Scheel hatte an diesem Tag jedoch einen Termin, von dem Cornelia Scheel nichts wusste.

Nach ihrer Rückkehr habe eine knapp formulierte Anweisung dann deutlich gemacht, dass Redebedarf bestehe. „Eine Untersuchung hat als Befund auffälliges Gewebe im Dickdarm ergeben. Ich werde in drei Tagen operiert und bin mir sicher, dass etwas harmloses dahinter steckt“, habe Mildred Scheel äußerlich unbeeindruckt erklärt.

Doch Cornelia Scheel hatte noch etwas anderes gehört: „Die unterschwellige Panik in der Stimme meiner Mutter machte mir sofort klar, dass die Diagnose das Todesurteil für sie bedeutete. Das Leben war schlagartig nicht mehr mein Freund. Stattdessen ergriff mich eine nie gekannte Angst, die zur ständigen Begleiterin wurde.“

Die Operation sei nur der Anfang eines langen und schweren Leidenswegs gewesen. Zwei Jahre lang habe sich Mildred Scheel mit aller noch vorhandenen Kraft gewehrt, bevor sie am 13. Mai 1985 der Krankheit erlag, der sie als Lebensaufgabe den Kampf angesagt hatte.

Doch neben dieser Tragik schildert Cornelia Scheel auch zahlreiche heitere Episoden aus dem Leben Mildred Scheels, das eben mit einer solchen begann. Schließlich erblickte die spätere „First Lady“ am 31. Dezember 1931 kurz vor Mitternacht das Licht der Welt, wurde unmittelbar nach ihrem ersten Schrei mit einem Feuerwerk begrüßt und traf bei der Registrierung der Geburt wenige Tage später auf einen Standesbeamten, der womöglich noch unter den Spätfolgen von Silvester litt und als Geburtsjahr 1932 eintrug

Erst im Anschluss an die Volkszählung des Jahres 1970 kombinierte ein Beamter messerscharf, dass das Geburtsdokument, versehen mit dem Ausstellungsdatum 4. Januar 1932, unmöglich eine Geburt vom 31. Dezember 1932 verzeichnen könne.

„Zeit ihres Lebens hat sich meine Mutter geärgert, an Silvester statt an Neujahr geboren zu sein, schließlich hätte sie letzteres um ein ganzes Jahr jünger gemacht. In Sachen falsches Geburtsdatum sah sie deshalb auch überhaupt keinen Grund, dieses anzuzweifeln“, schreibt Cornelia Scheel in ihrem Buch, in dem sie verdeutlicht, wie ihre Mutter als Tochter des Radiologen Hubert Wirtz „schon früh vor Augen geführt bekam, was es bedeutet, Kranken zu helfen.“

So mussten bereits im Kindesalter ihre Puppen als Operationsmodelle herhalten. „Das große Interesse am Menschen, verbunden mit dem Wunsch und der Begabung, Menschen zu helfen, ist ihr in die Wiege gelegt worden“, so Cornelia Scheel, die ebenfalls unterstrich, dass sich die Ärztin Mildred Scheel niemals gescheut habe, sich zum Wohle der Patienten mit den Funktionären ihrer Zunft anzulegen.

„Dies tat sie unter anderem, in dem sie die Frage stellte, ob die Ärzteschaft denn noch als Partner des Patienten angesehen werden könne?“ Heutzutage sei kaum noch vorstellbar, wie miserabel sowohl Ärzte als auch die Gesellschaft mit an Krebs erkranken Menschen umgegangen sei. Dies sei bis zur Fabel der vermeintlichen Ansteckungsgefahr gegangen, was zu einer hohen Selbstmordrate unter Krebskranken geführt habe.

Inzwischen sei zum Glück, nicht zuletzt durch das Engagement von Mildred Scheel, ein fundamentaler Sinneswandel eingetreten. „Es ist enorm, wie viel meine Mutter in so wenigen Jahren bewegen konnte und aufgebaut hat“, so das abschließende Fazit von Cornelia Scheel, die sich herzlich bei „Vorleserin“ Hella von Sinnen sowie den Zuhörern bedankte.

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