Eine Klasse wird mitten im Schuljahr aufgelöst

Von: Daniel Gerhards
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Wenig Personal und kleine Klassen – das passt nicht zusammen. Am Berufskolleg Eschweiler löst Schulleiter Thomas Gurdon deshalb in den Herbstferien zwei Lerngruppen auf. Die Schüler werden auf andere Klassen verteilt. Foto: Daniel Gerhards

Eschweiler. Gerade sind die Sommerferien vorbei. Aber einige Schüler denken schon jetzt an ihren Abschluss. Sabrina Hoffmann, Meltem Özdemir, Miriam Vulic und Mirco Müller haben im Mai kommenden Jahres Abschlussprüfung. Aber bei welchem Lehrer, in welcher Klasse? Das wissen sie noch nicht.

Sie besuchen eine Klasse der höheren Handelsschule am Berufskolleg Eschweiler. Und diese Klasse soll nach den bevorstehenden Herbstferien aufgelöst werden.

Die Schüler haben Angst, dass sich der Wechsel in eine andere Klasse, in ein anderes Lernumfeld und zu anderen Lehrern negativ auf ihre Leistung und damit auf ihre Noten auswirken wird. Für Schulleiter Thomas Gurdon ist es dagegen absolut erforderlich die Klasse aufzulösen. Ihm fehle sonst schlicht das Personal, um regelmäßigen Unterricht in allen Klassen zu gewährleisten.

Aber der Reihe nach. In der zwölften Klasse der Höheren Handelsschule am Berufskolleg gibt es aktuell sechs Klassen. Eine 20 Schüler starke Klasse soll nun aufgelöst werden und die Schüler auf vier der verbleibenden Klassen aufgeteilt werden. Das hätten Sabrina Hoffmann und ihre Mitschüler Anfang vergangener Woche erfahren, sagt die 19-Jährige. „Wir waren total geschockt. Ein paar Tage zuvor haben wir noch über unsere Klassenfahrt gesprochen. Und dann kam unser Klassenlehrer zu uns und hat uns davon erzählt“, sagt Hoffmann.

Angst vor der schlechten Note

Konkret befürchten die Schüler, dass sie nun in Klassen kommen, die im Lernstoff schon weiter sind als sie. „Wir haben Angst, dass das unseren Abschluss gefährdet“, sagt Sabrina Hoffmann. Die Schüler betonen, dass es ihnen nicht darum geht, ihre Freunde seltener zu sehen. Es gehe ihnen um den Bezug zu den Lehrern.

Schulleiter Thomas Gurdon sah sich allerdings gezwungen, die 20 Schüler kleine Klasse nun aufzulösen. „Ich muss das Gesamtsystem im Auge halten“, sagt er. Langzeitkranke und schwangere Lehrer fehlten ihm. Deshalb fielen ihm 132 Unterrichtsstunden weg.

„Wenn ich die einfach aus dem Stundenplan rauskürze, bleibt nicht mehr viel übrig“, sagt er. Ihm seien deshalb bloß zwei Optionen geblieben: Entweder die Klassen auflösen. Oder eine Menge Unterricht ausfallen lassen. Wenn Unterricht ausfalle, wirke sich das weit negativer auf den Abschluss der Schüler aus als ein Klassenwechsel.

Warum genau diese Klasse dran glauben musste: Aktuell gibt es in der betreffenden Jahrgangsstufe 126 Schüler in sechs Klassen. Die Gesamtzahl entspreche aber eher vier oder fünf Klassen. In anderen Bereichen gebe es sogar 39 Schüler starke Klassen, in der Unterstufe der Handelsschule liege der Schnitt bei 29. Mit 20 Schülern sei die vor dem Aus stehende Klasse zu klein.

Dass die Lerngruppe von Sabrina Hoffmann, Meltem Özdemir, Miriam Vulic, Mirco Müller und ihren Klassenkameraden nun mitten im laufenden Schuljahr aufgelöst wird, hänge mit dem doppelten Abitur-Jahrgang zusammen, sagt Gurdon. Im Übrigen wird Gurdon in den Herbstferien noch eine weitere Klasse auflösen. „Wir hätten das bereits im Sommer machen können. Aber wir wollten die realistische Schülerzahl abwarten“, sagt er. Durch den Doppel-Abi-Jahrgang war die Planungssicherheit zu gering. „Wir lösen keine Klasse ohne Not auf“, sagt er.

Dennoch hält der Schulleiter auch den Zeitpunkt der Zusammenlegung für angemessen. Ein halbes Jahr bis zur Abschlussprüfung sei vollkommen ausreichend, um sich in das neue Lernumfeld einzugewöhnen. Und: „Die Kollegen achten darauf, dass sich durch den Klassenwechsel keine Nachteile ergeben“, sagt er. Allerdings sei das auch kein Freibrief, um sich auszuruhen. Denn am Ende seien für den Abschluss und die Note nicht in erster Linie Pauker oder das Klassenumfeld verantwortlich. „Hauptfaktor ist weder der Lehrer noch der Unterricht, sondern die Leistungsbereitschaft der Schüler“, sagt Gordon.

Gurdon möchte daraus „kein Politikum“ machen. Er stellt klar, dass er mit der aktuellen Lage an seiner Einrichtung keine Forderungen oder Vorwürfe an die Schulverwaltung oder Landesregierung verbinde. Dennoch scheint klar zu sein: Was das Personal angeht, scheint das Berufskolleg – mit mehr als 2600 Schülern die größte Schule der Städteregion – nicht auf Rosen gebettet zu sein. Und dieser Mangel an Personal wirkt sich nun auf die Schüler aus.

Wahrnehmung klafft auseinander

Und: Die Wahrnehmung der Schüler und der Schulleitung klafft in der aktuellen Causa weit auseinander. Sabrina Hoffmann und ihre Mitschüler fühlen sich „nicht ernst genommen“, man höre ihre Argumente nicht und sie haben das Gefühl, dass Schulleiter Gurdon mit einem Elternbrief, in dem er seine Beweggründe erläutert, alle Gegenargumente vom Tisch wischen will. Gurdon findet dagegen, dass er die Schüler ausreichend beteiligt habe. Und als Vater dreier Kinder könne er die Sorgen von Eltern und Schüler nachvollziehen.

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