Eschweiler - Ein Quereinsteiger mit einer Vision: die inklusive Gesellschaft

Ein Quereinsteiger mit einer Vision: die inklusive Gesellschaft

Von: Andreas Röchter
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Quereinsteiger: Peter Toporowski ist seit Mitte April der neue Seniorenbeauftragte der Stadt Eschweiler und somit Nachfolger von Winfried Effenberg.

Eschweiler. Er ist das Paradebeispiel eines „Quereinsteigers“: Als gelernter Fotograf führte Peter Toporowski eine Werbeagentur in Eschweiler. Im Jahr 2009 konzipierte er das Internetportal für die Initiative „Stärken vor Ort“ in der Indestadt, dem ein Jahr später das Projekt „Stark im Netz“ folgte.

In 2011 trat dann mit Jürgen Rombach der Leiter des Sozialamts sowie der Abteilung für Integrationsangelegenheiten der Stadt Eschweiler mit der Bitte an Peter Toporowski heran, als Koordinator in das Projekt „Sun“, das ein Unternehmernetzwerk für Menschen mit Zuwanderungsgeschichte sowie ein Beratungsbüro für Menschen, die sich selbstständig machen wollen, bietet, einzusteigen. Seitdem ist der gebürtige Aachener Mitarbeiter des Sozialamts.

In dieser Funktion setzt sich der dreifache Vater als Koordinator des Projekts „Xenos-Zirqel“, in das die Stadt im Jahr 2012 einstieg und ein Unternehmensnetzwerk im Gesundheitssektor ins Leben rief, beruflich auch mit den Themen Pflege, Demographischer Wandel und Kultursensibilität auseinander.

Vor wenigen Wochen übernahm Peter Toporowski nun eine weitere Aufgabe: Der 48-jährige fungiert seit Mitte April als Seniorenbeauftragter der Stadt Eschweiler und übernimmt damit die Nachfolge von Winfried Effenberg, der vom 1. Oktober 2008 bis zu seinem Eintritt in den Ruhestand im Mai 2012 erster Seniorenbauftragter der Stadt Eschweiler war.

„Bevor mit Winfried Effenberg erstmals ein Seniorenbeauftragter seine Arbeit aufnahm, bestand Seniorenarbeit´ in erster Linie aus Sachbearbeitung. Doch es geht darum, tragfähige und langfristige Konzepte zu entwickeln, die sich mit der Frage beschäftigen, in welche Richtung bewegt sich eine älter werdende Gesellschaft“, unterstreicht Jürgen Rombach die Bedeutung des Amtes. Im Gespräch mit unserer Zeitung äußerte sich Peter Toporowski zu seinen Zielen, den Inhalten seiner Arbeit als Seniorenbeauftragter und über „Visionen“, die ihm vorschweben.

Herr Toporowski, Sie sind seit einigen Wochen Seniorenbeauftragter der Stadt Eschweiler! Was verbinden Sie in erster Linie mit diesem Amt und seinen Aufgaben?

Toporowski: Durch meine Mitarbeit innerhalb des Projekts „Xenos-Zirqel“ habe ich mich in den zurückliegenden Jahren gründlich mit dem Thema Demographie und der Frage, wie man in Deutschland alt wird, auseinandergesetzt. Ich bin überzeugt, für dieses Thema die entsprechende Sensibilität entwickelt zu haben. Alt zu werden, wird immer noch viel zu häufig ausschließlich mit Krank werden und Leiden in Verbindung gebracht. Natürlich ist nicht wegzudiskutieren, dass dies auch ein wichtiger Aspekt ist. Aber eben bei weitem nicht der einzige Aspekt. Alt zu werden oder zu sein ist nicht gleichzusetzen mit Siechtum und dem Tod entgegengehen.

Wie wollen Sie diese Denkweise verändern und aufbrechen?

Toporowski: Indem den Senioren die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglicht und erleichtert wird. Es kann nicht sein, dass auf der einen Seite die immer größer werdende Gruppe der Senioren steht und auf der anderen Seite der Rest der Gesellschaft.

Als Vision schwebt mir die inklusive Gesellschaft vor, in der alle Bevölkerungsgruppen ihren Platz haben, egal ob Jung oder Alt, Behindert oder Nichtbehindert, Migrant oder Einheimischer. Mit meiner Arbeit als Seniorenbeauftragter mochte ich einen Mosaikstein auf dem Weg zu dieser inklusiven Gesellschaft darstellen.

Welche weiteren Mosaiksteine gibt es?

Toporowski: Es besteht die Möglichkeit, Synergien zu nutzen. Seniorenarbeit bedeutet Arbeit mit Menschen. Und in dieser Hinsicht gibt es zahlreiche übergreifende Disziplinen. Nehmen wir als Beispiel das Thema „Barrierefreiheit“, das natürlich auch in den Bereich Bauen und Planen fällt. Früher war in Verwaltungen häufig ein Tunnelblick und Schubladendenken vorhanden.

Für ein bestimmtes Thema war ein bestimmtes Amt zuständig. In Eschweiler sind wir dabei, das System der eng gekoppelten Zuständigkeiten aufzubrechen. Wir bemühen uns, möglichst viele Akteure an einen Tisch zu bringen und so Lösungen zu Problemfragen zu finden.

Heißt das nicht auch, dass sie sich als Seniorenbeauftragter konzeptionell mit allen Altersklassen beschäftigen?

Toporowski: Eindeutig ja! Der aktuelle Senior mag jenseits der 70 sein. Doch natürlich müssen wir Konzepte für die Menschen erarbeiten, die nun 50 sind. Generell lautet ja auch die Frage, ab wann ist man eigentlich ein Senior? Deshalb ist es wichtig, Grenzen verschwinden zu lassen. Dies geht aber nur, wenn die Menschen dies wollen und die gesellschaftliche Teilhabe aller Menschen auch akzeptieren.

Das heißt, das auch völlig neue Wege beschritten werden sollten?

Toporowski: Ich bin der Auffassung, dass vor allem das „Mehrgenerationenwohnen“ unter einem Dach zukunftsträchtig ist. Allerdings kann der Weg dahin durchaus weit sein, wie ich aus eigener Erfahrung zu berichten habe. Ich hatte eigentlich vor, meine inzwischen 87-jährige Mutter vor zehn Jahren in unsere familiäre Wohngemeinschaft zu integrieren. Doch sie lehnte dies damals ab. Nun versuchen wir auf lange Sicht, gemeinsam mit Freunden ein Mehrgenerationenprojekt unter einem Dach auf die Beine zu stellen.

Innerhalb dieses Projekts soll es dann quasi einen Generationenvertrag im Kleinen geben. Das heißt, die verschiedenen Generationen bringen ihre Fähigkeiten ein und unterstützen sich gegenseitig. So können zum Beispiel ältere Menschen, die körperlich noch fit sind, jüngeren Menschen bei der Betreuung deren Kinder in mancher Hinsicht zur Hand gehen.

Also eine Situation, von der alle profitieren?

Toporowski: Zunächst einmal bringt die Tatsache, gebraucht zu werden und sich einbringen zu können, eine gesteigerte Lebensqualität im Alter mit sich. Die Lebenserfahrung älterer Menschen gibt ihnen Fähigkeiten, auf die die Gesellschaft nicht verzichten kann. Natürlich müssen auch die jüngeren Menschen bereit sein, neue Wohnformen anzunehmen.

Gibt es denn von Seiten der Stadt Pläne für derartige Projekte?

Toporowski: Der Bedarf ist auch in Eschweiler definitiv vorhanden. Deshalb gibt es Überlegungen, neue Wohnformen in den „Neuen Höfen“ in Dürwiß anzubieten. Der Weg dorthin ist allerdings noch lang. Natürlich stellt sich die Frage nach der Finanzierung. Aber wir arbeiten daran und hören uns zum Beispiel um, ob für derartige Projekte Fördertöpfe in Brüssel anzuzapfen sind.

Bei der finanziellen Situation der Stadt wohl die einzige Möglichkeit, Konzepte in die Tat umzusetzen?

Toporowski: Klar ist, ohne Geld geht es nicht. Die Akquise von Fördergeldern ist unabdingbar. Aber auch vom Bund gibt es Signale, dass ab Herbst eine neue Förderphase, die bis in das Jahr 2020 reichen soll, beginnen könnte. Bis dahin sitzen wir natürlich noch in der Warteschleife. Aber im vergangenen Jahr ist es uns zum Beispiel gelungen, die Mittel zu akquirieren, das Projekt „Anlaufstelle für ältere Menschen“ in Eschweiler starten zu können. In absehbarer Zeit werden wir mehr zu diesem Thema sagen können.

Was steht ansonsten auf Ihrer Prioritätenliste weit oben?

Toporowski: Unter anderem das seniorengerechte Wohnen in der Innenstadt. Wohnen ältere Menschen im innerstädtischen Bereich, ist auch deren Nahversorgung weitgehend gesichert. Von der Kaufkraft der Senioren profitieren dann auch wieder die Eschweiler Geschäftsleute. In Sachen Mobilität gilt es, die Verantwortlichen des öffentlichen Personennahverkehrs zu Gesprächen mit ins Boot zu holen. Alle an einen Tisch, womit wir im weitesten Sinne wieder bei der inklusiven Gesellschaft wären.

Stichwort Altersarmut. Wie stehen Sie zu diesem Thema?

Toporowski: Ein ganz wichtiges Thema, dem wir uns stellen müssen. Es ist eine Tatsache, dass es inzwischen einen großen Personenkreis gibt, der nur noch eine so geringe Rente erhält, die nicht mehr zum Lebensunterhalt ausreicht. Und das, obwohl diese Menschen ihr ganzes Leben lang gearbeitet haben. Hinzu kommen Menschen, die auf Grund individueller Schicksale gar keine Rente erhalten.

Das Problem ist, dass wir nach dem Ende des Kalten Krieges den Weg der Sozialen Marktwirtschaft verlassen haben. Nun ist es die Aufgabe der gesamten Gesellschaft, den aus dem Blickfeld geratenen Solidaritätsgedanken wieder in den Mittelpunkt zu rücken. Nicht umsonst lautet der Leitgedanke unserer Projekte „Gemeinsam Miteinander und Füreinander“.

Wie steht es um die interkommunale Zusammenarbeit in Sachen Seniorenarbeit?

Toporowski: Natürlich enden unsere Ideen, Konzepte und Gedankenspiele nicht an der Stadtgrenze. Vor allem mit unserer Nachbarstadt Stolberg und deren Seniorenbeauftragten Paul Schäfermeier stehen wir in engem Kontakt. Gemeinsam zählen die beiden Städte immerhin mehr als 100.000 Einwohner. Sprechen wir mit einer Stimme, stellen wir so einiges dar. Außerdem muss das Ei des Kolumbus auch nicht in jeder Kommune neu gefunden werden. Kooperationen bieten Chancen, die es zu nutzengilt.

Darüber hinaus verfügt Eschweiler aber auch über ein Alleinstellungsmerkmal innerhalb der Region: Eschweiler ist ein Zentrum der Gesundheit. Im Bereich des Gesundheitswesen wird in Eschweiler hochwertige Arbeit geleistet. Dies ist nicht zuletzt für die Seniorenarbeit ein Pfund, mit dem gewuchert werden kann.

Ihr Wünsche für die Zukunft der Seniorenarbeit?

Toporowski: Erstens, dass möglichst viele Menschen verinnerlichen, dass Seniorenarbeit alle Menschen angeht und betrifft. Zweitens, dass sich die Ekenntnis durchsetzt, dass neue Wohnformen unglaublich viele Möglichkeiten bieten. Verbunden mit der Hoffnung, dass sich die Gesellschaft auf diese Angebote einlässt.

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