Ein Netz der Flüchtlingshilfe als Wunsch

Von: Friedhelm Ebbecke-Bückendorf
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Ich bin ein Eschweiler“ – als ein Musterbeispiel für gelungene Integration wurde am Donnerstag Ali „Alexander“ Alizada vorgestellt. Der Iraker hat in Eschweiler eine neue Heimat gefunden. Dr. Wolfgang Rüsges überreichte ihm das dazu passende T-Shirt. Foto: Ebbecke-Bückendorf
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Hava Zaimi vom Evangelischen Migrationszentrum Düren stellte im Pastor-Zohren-Haus ein erfolgreiches Integrationsmodell vor. Das Podium von links: Stadtkämmerer Stefan Kaever, Geschäftsführer der ISM GmbH Heribert Walz, Hava Zaimi und die Lehrerin am Berufskolleg Dagmar Ahmad.

Eschweiler. Es gibt Wege, bei der Integration von Flüchtlingen in die deutsche Gesellschaft besser voranzukommen, mit weniger Frust für alle Beteiligen – für die Behörden, die ehrenamtlichen Betreuer und die Flüchtlinge selber. Einer dieser Wege wäre die Schaffung eines Netzwerks auf Stadtebene, in dem Probleme schnell geklärt und doppelte Arbeit vermieden wird.

Bei einer Podiumsdiskussion am Donnerstag im Pastor-Zohren-Haus, bei dem ein solcher Projekt vorgestellt wurde, waren sich viele Zuhörer im Saal einig: Dieses in der Nachbarstadt Düren entwickelte Modell möchte man auch der Stadt Eschweiler ans Herz legen.

Das Projekt „Ankommen in Düren“, das auf zwei Jahre Dauer angelegt ist, hat die evangelische Pfarrerin Susanne Rössler entworfen. Die Stadt Düren hat es weiterentwickelt und ist auch federführend bei der Umsetzung. Bestehende Angebote wie das Café International sind einbezogen. Kern des Projekts: Das Stadtgebiet wurde in fünf Bezirke eingeteilt, so genannte Integrationsräume, für die entweder die Stadt zuständig ist oder ein Wohlfahrtsverband wie etwa die Arbeiterwohlfahrt.

In jedem dieser Bezirke kümmert sich ein Betreuer oder eine Betreuerin hauptamtlich um bis zu 200 Flüchtlinge. Kümmern heißt, „wir gehen dort hin, wir besuchen die Leute und beraten vor Ort“, erläuterte Dirk Grunefeld, einer der Betreuer, am Donnerstag. Es gibt verbindliche Standards bei der Beratung. Alle Beteiligen, auch ehrenamtliche Gruppen, arbeiten als Netzwerk zusammen. Anfangs trafen sie sich wöchentlich, um Probleme auf kurzem Weg zu lösen, inzwischen finden diese Treffen alle zwei Wochen statt.

Viele Ehrenamtler dabei

Die Vorstellung dieses Modells war nur ein Aspekt der Podiumsdiskussion, der sich eine lebhafte Fragerunde anschloss. „Integration der Flüchtlinge – eine Standortanalyse“ hieß das Thema. Eingeladen hatte der Initiativkreis St. Marien aktiv der katholischen Pfarrgemeinde Heilig Geist. Vor allem ehrenamtliche Flüchtlingshelfer füllten den gut besuchten Pfarrsaal.

Dr. Wolfgang Rüsges moderierte den Abend und stellte als erstes ein Beispiel gelungener Integration vor. Ali Alizada, ein Flüchtling aus dem Irak, der zunächst in der Unterkunft Severinstraße mit fünf Leuten in einem Zimmer leben musste, monatelang auf einen Deutschkursus wartete und vor Langeweile fast umkam, wohnt jetzt im Stadtteil Röthgen, engagiert sich in der Pfarrgemeinde und beginnt in diesen Tagen eine Ausbildung zum Mechatroniker.

Ohne die Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit vieler ehrenamtlicher Helfer, so berichtete er, wäre er sicher nicht so weit gekommen. Und weil ihn die Nächstenliebe dieser Helfer überzeugt hat, ist er inzwischen getauftes Mitglied der katholischen Kirche und hat den Vornamen Alexander angenommen.

Chancen der Integration

Die Fachleute auf dem Podium schilderten die Schwierigkeiten und die Chancen der Integration aus verschiedenen Blickwinkeln. Dagmar Ahmad leitet eine internationale Förderklasse am Berufskolleg Eschweiler. Sie würdigte den enormen Fleiß von Kindern und Jugendlichen, die innerhalb kurzer Zeit Deutsch als Alltags- und Bildungssprache erlernen und gleichzeitig einen enormen Wissensabstand aufholen müssen: „Ich hatte noch nie vorher so aufmerksame und motivierte Schüler!“

Man dürfe aber die Probleme nicht übersehen: Probleme mit dem Schreiben der deutschen Sprache, Probleme mit der Mentalität – Stichwort deutsche Gründlichkeit. Manche Jugendlichen, die aus Kriegsgebieten flohen, sind traumatisiert. Deshalb sei Schule als ein geschützter Raum für junge Flüchtlinge wichtig: „Wir fordern unsere Schüler viel zu schnell auf, in feste Strukturen zu kommen.“ Allerdings bräuchten Schulen bei dieser Aufgabe auch „definitiv mehr Unterstützung“.

Heribert Walz, Geschäftsführer des Eschweiler Elektromaschinenbauers ISM, betonte die Rolle der Wirtschaft bei der Integration von Flüchtlingen. Firmen seien so etwas wie eine Familie, in der Menschen sich aufgehoben und anerkannt fühlen müssen, wenn sie glücklich sein wollen. Und „nur glückliche Menschen sind erfolgreich“.

Aufgabe der Firmen sei es, nicht nur die fachlichen Grundlagen eines Berufs zu lehren, sondern Menschen auch in die „Familie Firma“ zu integrieren. Aufgabe der Verwaltungen und Behörden sei es aber, für Kommunikation zu sorgen und bürokratische Hindernisse beiseite zu räumen: „Unternehmer müssen auch angesprochen und informiert werden“. Wenn das klappt, so Walz, könne er „hier in Eschweiler zehn Unternehmer nennen, die da mitmachen.“

Hava Zaini vom Evangelischen Migrationszentrum in Düren ist seit 25 Jahren als Flüchtlingsberaterin aktiv. Sie stellte das Projekt „Ankommen in Düren“ zur erfolgreichen sozialen und beruflichen Integration vor und setzte sich engagiert dafür ein, bei der Beratung und Betreuung jeden einzelnen Menschen und jedes einzelne Schicksal zu sehen: „Wir können die Gesetze nicht ändern, aber wir können schauen, das die Menschen ihre Rechte wahrnehmen.“

Mit Nachdruck wandte Zaini sich gegen die Tendenz, Flüchtlinge ohne Bleibeperspektive zu vernachlässigen. „Woher kommt überhaupt dieses Wort Bleibeperspektive? Man kann sehr wohl etwas für diese Menschen tun. Das ist doch urchristlich, den Menschen anzuschauen, der mir jetzt begegnet!“

Kein Strohfeuer

Stadtkämmerer Stefan Kaever schilderte die Entwicklung der Flüchtlingssituation in den vergangenen Jahren. Er würdigte sowohl die Arbeit der Stadt Eschweiler als auch der ehrenamtlichen Helfer: „Dass wir das damals geschafft haben, hatte ich manchmal nicht geglaubt. Ohne Sie, die Ehrenamtler aus Kirchen, Vereinen und privaten Initiativen, hätte das nicht funktioniert.“ Es sei kein Strohfeuer gewesen, sondern eine nachhaltige Arbeit, die noch lange nicht beendet sei: „Eine Generation brauchen wir wohl, um dort hin zu kommen, wohin wir wollen.“

In der Fragerunde nach den Vorträgen gab es allerdings auch Kritik an der Stadt Eschweiler. Vor allem stand die Flüchtlingsunterkunft Severinstraße in Weisweiler im Fokus – sowohl der Zustand der Räumlichkeiten als auch die mangelnden Perspektiven der dort untergebrachten Schwarzafrikaner. Albert Hahn, einer der ehrenamtlichen Betreuer dieser Menschen, beklagte die „Stigmatisierung der Leute, die dort leben“.

Es sei „unverantwortlich, dass man über hundert Menschen in der Severinstraße ihrem Schicksal überlässt“. Flüchtlingen „ohne Bleibeperspektive“, so hatte Kämmerer Kaever zuvor erläutert, sei die Arbeitsaufnahme verwehrt. Dass „relativ wenig für die Flüchtlinge in der Severinstraße getan“ werde, bestätigten auch andere Betreuer. Angeregt wurde, die in anderen Teilen der Stadt funktionierende Betreuung, etwa durch das Quartiersmanagement Gutenbergstraße, auf die ganze Stadt auszudehnen.

Gretel Gehrmann: „An allen Ecken wird ein bisschen gemacht, aber nicht vernetzt.“ Dass eine solche Vernetzung sinnvoll sei, über den bestehenden Runden Tisch hinaus, hatte Stefan Kaever zuvor bereits deutlich gemacht: „Der Aufgabe muss sich die Stadt als Ganzes stellen!“

Viele Mühen und Hürden

Über die Mühen der ehrenamtlichen Arbeit berichtete Christine Zittel, die einen Begegnungskreis für Frauen aus Flüchtlingsfamilien betreut und dort unterrichtet: „Ich bin in dem Projekt mutterseelenallein.“ Das positive Bild einer ausländerfreundlichen Bevölkerung, das in Zeitungen geschildert werde, entspreche nicht den Tatsachen: „Unsere Frauen wünschen sich Begegnungen, aber die finden nicht statt.“ Von Nachbarn würden die Frauen nicht einmal gegrüßt, Wohnungen zu finden sei kaum möglich. „Die Bevölkerung ist nicht sehr aufgeschlossen.“

Dass sich diese ablehnende Einstellung auf lange Sicht wird ändern müssen, davon ist Franz-Josef Surges überzeugt. Er wies auf das Wohlstandsgefälle zwischen reichen Ländern wie Deutschland und der 3. Welt hin: „Wenn ich in Afrika leben würde, würde ich mich auch auf den Weg machen.“ Aus christlicher Sicht sei das Abschotten keine gerechte Lösung: „Wir müssen uns da etwas einfallen lassen.“

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