Eschweiler - Ein Mann, der den Menschen Türen öffnet

Ein Mann, der den Menschen Türen öffnet

Von: Andreas Gabbert
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Hier können die Menschen in ihrem Tempo und auf ihre eigene Art und Weise arbeiten: In den Werkstätten der Arbeitsförderungsgesellschaft des Fördervereins für die Rehabilitation psychisch Kranker und Behinderter werden sie von Markus Renner (links) und seinem Team aufgefangen. Foto: Andreas Gabbert

Eschweiler. Dampfend zischt das Bügeleisen über den grauen Pullover. Heidi K. fährt noch einmal über die Ärmel, dann ist das Kleidungsstück fertig gebügelt und kann gefaltet werden.

Hier in der Wäscherei der Arbeitsförderungsgesellschaft des Fördervereins für die Rehabilitation psychisch Kranker und Behinderter kann sie in ihrem Tempo und auf ihre eigene Art und Weise arbeiten. Sie und 27 weitere Menschen haben hier einen Arbeitsplatz gefunden, der es ihnen ermöglicht, sich selbst als nützliches und produktives Mitglied der Gesellschaft zu erleben.

Mit der Vergabe eines Sozialpreises will der Förderverein nun die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf die schwierige Lage psychisch Erkrankter lenken. Am kommenden Donnerstag wird er um 18.15 Uhr im Rathaus der Stadt Eschweiler erstmals verliehen. Der Preisträger ist Ulrich Koch, Geschäftsführer der Awa-Entsorgung. Die Laudatio wird Martin Schulz, Präsident des Europäischen Parlaments, halten.

Angst vor dem Unsichtbaren

„Es ist ganz schwer, passende Arbeit für unser Klientel zu finden, weil es von einer Krankheit betroffen ist, die man nicht fassen kann, und der Mensch hat vor nichts so viel Angst wie vor dem, was er nicht sieht”, sagt der pädagogische Leiter des Fördervereins, Markus Renner. Ulrich Koch habe sich aber nicht abschrecken lassen und den Verein seit fast 20 Jahren auf vielfältige Art und Weise unterstützt. „Dafür wollen wir ihm jetzt danken. Sein Engagement bietet uns Konstanz und eine Basis, das ist wichtig für unsere Arbeit”, erklärt der Vorsitzende des Vereins, Dr. Wolfang Hagemann.

Immer wieder habe Koch für Aufträge gesorgt, etwa für die Möglichkeit, die Gartenpflege auf dem Außengelände der Müllverbrennungsanlage zu übernehmen. Dabei zeige er stets Toleranz und Akzeptanz für die besondere Situation der Menschen. „Koch ist einer, der die Sache entspannt sieht. Wenn der Rasen heute nicht gemäht wird, weil unser Mitarbeiter gerade eine schwierige Phase durchmacht, dann ist es für ihn auch in Ordnung, wenn es einen Tag länger dauert”, sagt Renner. Koch sehe vieles nicht so eng, er wisse, dass die Arbeit erledigt werde und nehme Rücksicht auf die Krankheit und die damit verbundenen Probleme.

Ulrich Koch unterstützt den Verein bereits seit dem Jahr 1995, macht Werbung bei anderen Firmen und Institutionen, knüpft Kontakte und öffnet den Menschen Türen. Er greift gerne auf die gebotenen Dienstleistungen zurück. „Er lässt auch seine Hemden hier bügeln”, verrät Renner. Wenn er die Wäsche dann später wieder abholt, bringt er oft Dinge mit, die er bei Verwandten, Kollegen und Freunden gesammelt hat. Das können Kleidungsstücke sein oder auch Utensilien aus dem Haushalt. Eine Großzahl der Mitarbeiter ist auf solche Hilfen angewiesen, denn wenn sie in den Einrichtungen des Vereins aufgefangen werden, sind sie oft mittellos und von Obdachlosigkeit bedroht. „Wenn mehr Leute so denken würden wie Ulrich Koch, ginge es vielen Menschen besser”, sagt Renner.

Renners Klienten kommen aus allen Altersklassen und aus den verschiedensten Schichten. Seit 1986 erhalten sie vom Förderverein für die Rehabilitation psychisch Kranker und Behinderter Hilfe. Der erste Baustein dazu war ein Wohnhaus im Zentrum der Indestadt. Für Betroffene, die in ihrer eigenen Wohnung leben, aber aufgrund ihrer Erkrankung zu vereinsamen drohen, wurde eine Kontakt- und Beratungsstelle geschaffen. Diese finanzierte der Verein zunächst allein aus Spendengeldern. Seit 1991 besteht ein Kooperationsvertrag mit dem Kreis Aachen bzw. der Städteregion, der die Verwirklichung zwei weiterer Kontakt- und Beratungsstellen ermöglichte.

Die Gründung der Arbeitsförderungsgesellschaft (AFG) im Jahr 1995 und die Einrichtung einer Tagesstätte für psychisch Kranke (1996) erweiterten das Angebot. Die AFG bietet 28 sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze in Halbzeitbeschäftigung. Sie nimmt Auftragsarbeiten aus Industrie, Gewerbe und von Privatpersonen an, besitzt eine Schreinerei für den Möbel- und Innenausbau und kümmert sich um Gartenpflege, Maler- und Lackierer-Arbeiten, Renovierungen und Entrümpelungen.

Unter dem Vorsitz von Dr. Wolfgang Hagemann sei es gelungen, in der Bevölkerung, den politischen Gremien und den Verwaltungen ein Bewusstsein für die Bedürfnisse psychisch kranker Menschen zu wecken, erklärt Renner. Diese Lobbyarbeit sei unter den heutigen wirtschaftlichen Verhältnissen wichtiger denn je. Zu oft werde die Problematik in der Öffentlichkeit unter den Teppich gekehrt, und die Betroffenen würden aus Angst vor Stigmatisierung nicht gerne über das Thema reden. „Wenn nicht gerade eine prominente Person betroffen ist, wird nicht darüber gesprochen. Das wollen wir ändern”, sagt Renner. Die Preisverleihung am kommenden Donnerstag soll ein weiterer Schritt auf diesem Weg sein.

Der Sozialpreis des Fördervereins für die Rehabilitation psychisch Kranker

Der Sozialpreis des Fördervereins für die Rehabilitation psychisch Kranker und Behinderter wird in Form von zwei Skulpturen vergeben, die die Künstlerin Brele Scholz geschaffen hat.

Die Skulpturen stehen dem Preisträger drei Jahre zur Verfügung und werden dann an den nächsten Preisträger weitergegeben.

Der Sozialpreis ist eine undotierte Auszeichnung.

Der Preis kannvergeben werden an Personen oder Firmen, die ihren Sitz in der Städteregion Aachen haben.

Er zeichnetPersonen oder Firmen aus, die sich um die berufliche Tätigkeit oder Integration psychisch kranker Menschen verdient gemacht haben; hier geht es insbesondere um die Förderung von Arbeitsmöglichkeiten innerhalb oder außerhalb des Unternehmens.

Dabei wird besonderes Augenmerk gelegt auf Arbeitsmöglichkeiten, die den besonderen Möglichkeiten psychisch kranker Menschen entgegenkommen (flexible Gestaltung der Arbeitserledigung).

Wichtig istaußerdem, dass die zur Verfügung gestellten Arbeitsplätze möglichst dauerhafte Arbeitsverhältnisse ermöglichen, da insbesondere psychisch kranke Menschen geringe Chance haben.

Die Entlohnungder Arbeit sollte den gesetzlichen beziehungsweise tariflichen Bestimmungen (Mindestlohn) entsprechen oder zu marktüblichen Preisen erfolgen.

Die Arbeitsmöglichkeiten sollen die Kompetenz des psychisch kranken Menschen in den Mittelpunkt stellen.

Im ersten Jahr der Stiftung behält sich der Förderverein die Benennung des Preisträgers vor.

Später soll ein Gremium geschaffen werden, das sich in regelmäßigen Abständen trifft und Vorschläge für die Vergabe des Preises macht.

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